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Dr. Josef Ackermann im Interview mit der BILD-Zeitung
6. April 2009

Dr. Josef Ackermann, Vorsitzender des Vorstands und des Group Executive Committee der Deutschen Bank, spricht in BILD über Vorbildfunktion und Verantwortung von Führungskräften, dem Streben nach Gewinn sowie Folgen der Wirtschaftskrise.


Dr. Josef Ackermann
Dr. Josef Ackermann, Vorsitzender des Vorstands und des Group Executive Committee der Deutsche Bank AG
BILD: Herr Ackermann, selten waren sich "Frankfurter Allgemeine Zeitung" und BILD so einig: Die Ex-Manager der Dresdner Bank, die 58 Mio. Euro Abfindungen trotz Milliardenverlust eingestrichen haben, sind gierige Geldsäcke. Verstehen Sie die Wut der Menschen?

Josef Ackermann: Ich möchte einzelne Fälle nicht kommentieren. Aber unabhängig davon verstehe ich, dass viele Menschen verärgert sind, wenn Manager von staatlich gestützten Unternehmen, die hohe Verluste haben, letztlich aus der Tasche des Steuerzahlers Millionen Boni bekommen sollen. Leistung muss sich lohnen, Fehlleistung darf nicht belohnt werden. Schon gar nicht mit Steuergeldern. Bei der Beurteilung von Leistung muss man allerdings auch die extremen Herausforderungen berücksichtigen, die diese Jahrhundertkrise mit sich gebracht hat. Manager dürfen sich keine Sonderrechte herausnehmen, sie sind aber auch nicht vogelfrei!

BILD: Der Staat und die Banken bürgen mit über 100 Milliarden Euro für die Pleite-Bank Hypo Real Estate. Trotzdem klagt der geschasste Chef Funke auf Zahlung seines Millionengehalts und seiner Pensionsansprüche. Das ist für viele Steuerzahler schlicht unerträglich.

Josef Ackermann: Für viele Menschen ist so manches, was gerade passiert, nicht mehr nachvollziehbar. Klar ist auch: Führungskräfte haben eine Vorbildfunktion und besondere Verantwortung. Dieser müssen sie gerecht werden. Deshalb hat der Vorstand der Deutschen Bank schon im Herbst des vergangenen Jahres aus freien Stücken erklärt, er wolle auf seinen gesamten ihm vertraglich zustehenden Bonus für 2008 verzichten.

BILD: Was denken Sie persönlich, wenn Sie Schlagzeilen von immer neuen Millionenzahlungen für Pleite-Manager lesen?

Josef Ackermann: Ich denke daran, dass diese Geschichten eine ganze Berufsgruppe in Verruf bringen. Viele Manager, die sich vorbildlich verhalten und ordentliche Arbeit gemacht haben, werden dadurch in Misskredit gebracht. Die überwältigende Mehrheit der Bankmitarbeiter hat mit der Finanzkrise sowieso nicht das Geringste zu tun.

Ich denke auch daran, dass wir unsere Vergütungssysteme verbessern müssen: Die variable Vergütung in Form eines Bonus, wenn gut gewirtschaftet wird, ist völlig in Ordnung - wenn dieser an die mittel- und langfristige Leistung und nicht an den schnellen Gewinn gekoppelt ist.

BILD: Sind Topmanager anfälliger, das richtige Maß zu verlieren und der Gier zu verfallen?

Josef Ackermann: Nein. Aber es ist sicher wichtig für sie, durch Familie, Freunde und ein offenes Diskussionsklima mit ihren Mitarbeitern die Bodenhaftung zu bewahren.

BILD: Aber wie konnte es passieren, dass eine so hoch bezahlte Elite wie Banker die Welt in den wirtschaftlichen Abgrund gestürzt hat? Haben die alle versagt?

Josef Ackermann: Natürlich haben die Banken Fehler gemacht, einige sogar schwere Fehler. Dafür müssen sie die Verantwortung übernehmen. Sie sind jedoch bei Weitem nicht allein für die jetzige Krise verantwortlich. Dazu haben u. a. auch eine reichliche Geldversorgung und mangelnde Aufsicht beigetragen.

BILD: Man muss doch von einem Topmanager mit Millionengehalt erwarten können, dass er die Risiken, die er eingeht, auch abschätzen kann. Das ist bei vielen Banken offenbar nicht passiert. Waren in den Vorstandsetagen nur Pfeifen?

Josef Ackermann: Selbstverständlich nicht. Es ist das Geschäft von Banken, Risiken einzugehen. Das kann auch zu Verlusten führen. Aber diese müssen im Rahmen bleiben. Für Manager, die durch ihr Handeln die Existenz ihres Unternehmens gefährden, habe ich kein Verständnis. Wer so etwas tut, ist fehl am Platz.

BILD: Ist das Streben nach immer mehr Profit moralisch noch in Ordnung?

Josef Ackermann: Gewinn ist nicht nur moralisch gerechtfertigt, sondern sogar geboten. Ein Unternehmen muss so viel verdienen, dass es in seinem Wettbewerbsumfeld bestehen und möglichst gut gedeihen kann. Das ist Voraussetzung dafür, dass Unternehmen ihren gesellschaftlichen Auftrag erfüllen und Wohlstand schaffen können. Ohne entsprechenden Gewinn können Unternehmen nicht innovativ sein und wachsen, weder Arbeitsplätze schaffen noch erhalten, ohne Gewinn können sie keine Steuern zahlen und auch nicht die Aufgaben eines guten Unternehmensbürgers wahrnehmen. Im Übrigen begrenzt in einer marktwirtschaftlichen Ordnung der Wettbewerb die Höhe der Profite.

Gewinnstreben wird erst dann fragwürdig, wenn es zulasten Dritter geht und das Prinzip verletzt, andere so zu behandeln, wie man selbst auch behandelt werden will. Wenn man also maßlos wird, rücksichtslos vorgeht: ohne Rücksicht auf die gesellschaftlichen Folgen, auf die Folgen für die Umwelt, die Gesundheit der Mitarbeiter usw. Das ist langfristig übrigens auch zum eigenen Schaden.
Die Frage stellt sich also nicht in Bezug auf die Höhe, sondern auf die Art und Weise, wie Profite erwirtschaftet werden.

BILD: Viele Menschen haben den Glauben in diesen "guten Gewinn" und das Vertrauen in die Wirtschaft verloren. Sie haben Angst um ihren Arbeitsplatz und ihr Erspartes. Brauchen wir mehr Anstand in der Wirtschaft?

Josef Ackermann: Glauben Sie mir, die allermeisten, die in der Wirtschaft Verantwortung tragen, sind anständige Menschen und versuchen, ihrer Vorbildfunktion gerecht zu werden. Es gibt zwar einige, die das Gefühl für Anstand verloren haben und zu weit gegangen sind. Aber die gibt es überall. Anstand zahlt sich im Übrigen mittel- und langfristig auch wirtschaftlich aus. Denn er ist Grundlage für Vertrauen.

BILD: Ist unsere soziale Marktwirtschaft noch sozial gerecht?

Josef Ackermann: Ich weiß, dass die einzelnen Fälle, die Sie genannt haben, viele Menschen daran zweifeln lassen, ob es in unserem System noch sozial oder gerecht zugeht, ob unternehmerische Freiheit noch mit entsprechender Verantwortung verknüpft ist. Ich verstehe diese Zweifel, aber ich möchte darauf hinweisen, dass sowohl Manager wie Politiker aus dem Geschehenen lernen und gemeinsam daran arbeiten, die sichtbar gewordenen Defizite zu beseitigen. Das zeigt, dass der soziale Zusammenhalt hierzulande nach wie vor intakt ist.

BILD: Herr Ackermann, wann ist der Tiefpunkt der Krise erreicht?

Josef Ackermann: Ich befürchte, dass uns die Krise noch einige Zeit zu schaffen machen wird. 2010 sollte unsere Wirtschaft aber wieder wachsen.

BILD: Was macht Ihnen in der Krise noch Hoffnung?

Josef Ackermann: Dass die Menschen bisher sehr vernünftig reagiert haben und nicht in Panik verfallen sind. Hoffnung macht mir auch, dass die 20 größten Nationen der Welt erstmals gemeinsam an der Lösung für die globalen Probleme arbeiten und dass alle Beteiligten sich auch der gesellschaftlichen Dimension dieser Krise bewusst sind.

BILD: Was ist Ihre größte Sorge oder Angst?

Josef Ackermann: Meine Sorge ist, dass wir in vielen Ländern soziale Spannungen bekommen könnten. Deshalb ist es wichtig, dass wir jetzt gemeinsam Lösungen finden, die uns aus der Krise führen. Wir sitzen alle in einem Boot.

Von Kai Diekmann und Oliver Santen. Quelle: BILD

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