Die wichtigsten Fakten:

  • Hohe Kursverluste an den Aktienmärkten im Jahr 2018
  • Übertrieben negative Stimmung scheint sich zu normalisieren
  • Aktuell positiver Kurstrend könnte sich fortsetzen

Bei Aktienmarktprognosen wird stets darauf hingewiesen, dass „Wertentwicklungen der Vergangenheit kein verlässlicher Indikator für zukünftige Wertentwicklungen“ sind. Das ist selbstverständlich korrekt. Allerdings hilft der Blick auf die zurückliegenden Monate und Jahre, die aktuelle Situation und damit die möglichen zukünftigen Entwicklungen besser einschätzen zu können. Das gilt insbesondere in Zeiten, in denen die Märkte von vielen unterschiedlichen Faktoren beeinflusst werden. Aktuell ist dies der Fall, weshalb ein Aktienmarktausblick mit einem Rückblick beginnen sollte.

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Das Aktienmarktjahr 2018 lief gut an: Der Aufwärtstrend der Jahre zuvor setzte sich bis Ende Januar fort – der US-Leitindex S&P 500 etwa verbuchte einen neuen historischen Höchststand. Dann brachte die Nachricht über gestiegene Löhne in den USA Unruhe in die Märkte. Die Sorge vor einer höheren Inflation ließ die Zinserwartungen steigen und belastete die Aktienkurse. Denn höhere Kapitalmarktzinsen bedeuten, dass die Finanzierungskosten der Unternehmen steigen, was ihre Gewinne abschmelzen lassen könnte. Gleichzeitig verlieren die erwarteten Gewinne der Unternehmen und damit auch ihre Aktien relativ an Attraktivität, etwa im Vergleich zu festverzinslichen Investments wie Staatsanleihen.

Bevor die Schwankungsintensität im Schlussquartal 2018 an den Aktienmärkten wieder deutlich zulegte, stabilisierten sich die Aktienkurse bis Anfang Oktober. Anleger beurteilten die Aussichten für die Entwicklung der Konjunktur sowie der Unternehmensgewinne wieder etwas weniger negativ. Die in Teilen zurückgekehrte Risikobereitschaft schlug sich unter anderem in einem gestiegenen Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) nieder. Anfang Oktober 2018 lag der Vergleichswert zwischen den Aktienkursen und den erwarteten Unternehmensgewinnen in den folgenden zwölf Monaten für den US-Leitindex S&P 500 bei rund 17 – und damit recht deutlich über dem Durchschnitt der vergangenen 15 Jahre. Das bedeutet, dass Anleger wieder gewillt waren, einen überdurchschnittlich hohen Preis für US-amerikanische Aktien zu bezahlen. Im europäischen Leitindex Stoxx 600 waren die Anleger etwas zurückhaltender: Sein KGV bewegte sich nur leicht über dem langjährigen Mittel.

Kursschwankungen durch gestiegene Zinsen

Anfang Oktober 2018 wurde der Erholungstrend aufgrund der Gefahr einer Eskalation im Handelsstreit zwischen den USA und China sowie neuerlicher Spekulationen um steigende Zinsen dann jäh beendet. Jerome Powell, der Chef der US-Notenbank Fed, hatte angedeutet, dass es aufgrund der dynamischen Konjunkturentwicklung in den USA zu stärkeren Leitzinsanhebungen kommen könnte. Die Sorge der Marktteilnehmer, dass eben diese Zinsanhebungen die Finanzkonditionen der US-Wirtschaft nachhaltig belasten könnten, nahm daraufhin zu, was sich in deutlichen Kursabschlägen im vierten Quartal äußerte. Der stimmungsgetriebene Abverkauf wurde durch computergestützte Handelsprogramme verstärkt, die bei Eintreten einer gewissen negativen Kursentwicklung automatisch Verkaufsorders auslösen. Bis Ende Dezember verzeichneten die meisten Indizes weltweit daraufhin Verluste im zweistelligen Prozentbereich.

Solide Unternehmensgewinne und günstige Bewertungen

Die wirtschaftlichen Daten hingegen sprachen damals wie heute gegen eine baldige Rezession, trotz einer allmählich abnehmenden Wachstumsdynamik. Und auch die Gewinnerwartungen der Unternehmen für das Gesamtjahr 2019 präsentierten sich relativ solide: Zwar gingen sie in den vergangenen drei Monaten zurück; das Ausmaß der negativen Gewinnrevisionen rechtfertigt jedoch nicht die beobachteten starken Kursverluste. Während der S&P 500 in den drei Monaten bis Heiligabend 2018 um knapp 20 Prozent nachgab, wurden die Gewinnerwartungen der Unternehmen im Index für das Gesamtjahr 2019 nur um 2,0 Prozent nach unten angepasst – eine signifikante Diskrepanz. Folgerichtig sanken die KGVs bis zum Jahresende auf deutlich günstigere Niveaus als noch Anfang Oktober: Sowohl die Bewertung des S&P 500 als auch die des Stoxx 600 lag sogar unter dem jeweiligen langjährigen Durchschnitt. Unter Berücksichtigung der wirtschaftlichen Rahmendaten und insbesondere der Gewinnerwartungen waren die hohen Kursverluste demnach nicht gerechtfertigt. Vielmehr dürften sie aufgrund der vielen Unsicherheitsfaktoren am Markt vor allem stimmungsgetrieben gewesen sein.

Seither hat sich die Lage, zumindest was die Aktienkurse betrifft, wieder entspannt. Der US-Leitindex S&P 500 beispielsweise legte seit Heiligabend 2018 bis zum 31. Januar 2019 um rund 15 Prozent zu. Das entsprechende Plus im Stoxx 600 lag immerhin im hohen einstelligen Prozentbereich. Gründe für die Kurserholung waren vor allem Äußerungen Powells von Ende Dezember 2018, in denen er von seiner straffen Zinserhöhungsrhetorik wieder etwas abgerückt war, sowie die Angst der Anleger, bei einer möglichen Kurserholung nicht dabei zu sein (engl. FOMO = Fear Of Missing Out). Zudem scheinen Belastungsfaktoren wie der globale Handelsstreit oder der Brexit zumindest teilweise bereits in den Kursen eingepreist zu sein, sodass beispielsweise die Ablehnung des Brexit-Austrittsvertrags durch das britische Unterhaus Mitte Januar nur kurzzeitig Spuren in den Kursen hinterließ.

Stimmung unter den Marktteilnehmern könnte sich aufhellen – und der aktuelle Kurstrend an den Aktienmärkten anhalten.

Interessantes Aktienumfeld bei anhaltenden Risiken

Für entsprechend risikobereite Anleger könnte das aktuelle Aktienmarktumfeld bei aller Vorsicht durchaus interessante Einstiegsmöglichkeiten bieten. Beispielsweise sind die Aktienbewertungen in den USA trotz der jüngsten Kursgewinne im Vergleich zum Jahreswechsel 2017/2018 niedrig. Das liegt unter anderem daran, dass das erwartete Gewinnwachstum für das Gesamtjahr 2019 im S&P 500 nach den steuerreformbedingten Sondereffekten 2018 zwar deutlich nachgegeben hat – sich aktuell mit rund 6 Prozent jedoch nach wie vor auf einem gesunden Niveau bewegt.

Solche soliden Unternehmensdaten könnten im weiteren Jahresverlauf zunehmend in den Anlegerfokus rücken. Voraussetzung dafür ist allerdings, dass es weder beim Handelsstreit noch beim Brexit zu einer die Realwirtschaft belastenden Eskalation kommt. Darüber hinaus sollte der Zinsanstieg in den USA nicht zu schnell und zu stark verlaufen: Aktuell geht die Deutsche Bank zum Jahresende 2019 für 10-jährige US-Staatsanleihen von einer Verzinsung von 3,1 Prozent aus. Vor weniger als zwei Monaten lag ihre Prognose noch bei 3,6 Prozent.

Sollte es sogar zu einer Entspannung bei einem oder gleich mehreren der Hauptrisikofaktoren kommen, könnten Indizes, die im vierten Quartal 2018 besonders stark unter der schlechten Marktstimmung und negativen Gewinnrevisionen gelitten hatten, zusätzlich profitieren: Als einen der zyklischsten und größten europäischen Börsenindikatoren beträfe das zum Beispiel den DAX. Die vergangenen Jahre haben jedoch gezeigt, wie anfällig die Aktienmärkte auf politische Entwicklungen reagieren und wie unvorhergesehen diese eintreten können. Anleger sollten daher ihr Portfolio breit aufstellen und die politischen und wirtschaftlichen Entwicklungen sehr genau verfolgen.



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Anlagewissen

Redaktionsschluss: 31.01.2019