Die wichtigsten Fakten:

  • Schwankungsanfällige Kapitalmärkte in den Sommermonaten
  • Stimmung unter den Marktteilnehmern zuletzt wieder verbessert
  • Etwas mehr Risiko im Depot könnte sinnvoll erscheinen

„Sell in May and go away …“ – der bekannten Börsenweisheit zu folgen und über die Sommermonate am Kapitalmarkt vorsichtiger zu agieren, war in diesem Jahr kein schlechter Ratschlag. Denn von Jahresbeginn bis Mitte April zeigten die internationalen Aktienmärkte eine starke Kursentwicklung. Danach jedoch führten aufkommende Sorgen um das globale Wirtschaftswachstum, angekündigte Zölle auf europäische Autos seitens der USA sowie der näher rückende Brexit in Verbindung mit der Wahl Boris Johnsons zum britischen Premier zu Verunsicherung an den internationalen Kapitalmärkten. Hinzu kamen der Regierungsstreit in Italien sowie zwischenzeitliche Eskalationen im Handelsstreit zwischen den USA und China. Auch die Notenbanken wie zum Beispiel die Fed hatten ihren Anteil an der steigenden Nervosität, da ihre konjunkturstützenden Maßnahmen hinter den Erwartungen zurückblieben.

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Defensiveres Depot gegen erhöhte Marktschwankungen

Es erwies sich daher durchaus als sinnvoll, sein Depot über die Sommermonate defensiver aufzustellen – zum Beispiel mit defensiveren Fonds, Absicherungsinstrumenten wie (Teil-)Kapitalschutzzertifikaten oder einem erhöhten Goldanteil. Insbesondere mit Anleihen konnte man den erhöhten Aktienkursschwankungen aufgrund einer seit April starken Rentenmarktrallye begegnen.

Risikofreude unter den Markteilnehmern wieder gestiegen

Nach einem zuletzt schwankungsintensiven, bislang aber insgesamt guten Anlagejahr fragen sich Anleger natürlich, wie es an den internationalen Kapitalmärkten weitergehen könnte. Folgt man dem zweiten Teil der Börsenweisheit „Sell in May and go away …“, nämlich „… but remember to come back in September“, wäre nun Zeit für den Wiedereinstieg in den Aktienmarkt. Doch wie stehen 2019 die Chancen auf eine Jahresendrallye? Aktuell kehren die Analysten aus dem Sommerurlaub zurück und die ersten Wortmeldungen sind stark durchmischt – ebenso wie die Makrodaten. Zuletzt hat der ISM-Index (Index des Institute for Supply Management, dt.: Institut für Angebotsmanagement) für das Verarbeitende Gewerbe (wichtiger und verlässlicher Frühindikator für wirtschaftliche Aktivität) in den USA bei den August-Auftragseingängen enttäuscht. Zum ersten Mal seit drei Jahren sank der Stimmungsindikator unter die Expansionsschwelle von 50 Punkten. Der ISM-Index für das nicht Verarbeitende Gewerbe hingegen war überraschend stark. Er legte im August um 2,4 Punkte auf 56,4 Punkte zu und übertraf die Markterwartungen. Besonders positiv entwickelten sich der Teilindex für Neuaufträge und der für Geschäftsaktivitäten. Auch der Caixin-Einkaufsmanagerindex für das Verarbeitende Gewerbe in China stieg im August von 49,9 im Vormonat auf 50,4 Punkte und übertraf damit die Markterwartungen von 49,8 Punkten. Zudem konnten Deutschlands Exporte im Juli um 0,7 Prozent zulegen – bei einem erwarteten Rückgang um 0,5 Prozent. Jüngste politische Entspannungssignale sorgten ebenfalls für etwas mehr Risikofreude an den Kapitalmärkten der Welt.

Handelsstreit: Rückkehr an den Verhandlungstisch

Der Handelskonflikt ist das wahrscheinlich größte Risiko für die Weltkonjunktur und die internationalen Kapitalmärkte. Lange wirkte die Situation festgefahren, da die US-Administration Anfang September eine neue Strafzollrunde eingeleitet und China sogleich Vergeltungsmaßnahmen ankündigt hatte. Jüngst wurde jedoch bekannt, dass die Kontrahenten im Oktober die Verhandlungen wieder aufnehmen wollen. Das sorgte für weiteren Optimismus an den Kapitalmärkten, zumal das chinesische Handelsministerium bereits Ende August verlauten ließ, man sei an einer Deeskalation des Handelskonflikts interessiert.

Es ist möglich, dass es vor den US-Wahlen im November 2020 zumindest zu einem Stillhalteabkommen in der Handelsfrage kommt. Denn steigende Unsicherheit könnte im Vorfeld der Wahl zu einer Rezession in den USA führen, was zu einer Belastung der aktuellen Regierung werden könnte. China könnte ohnehin an einer Entspannung interessiert sein, da die heimische Konjunktur schwächelt und unter dem Handelskonflikt zusätzlich leidet. Eine nachhaltige Lösung erwartet die Deutsche Bank jedoch nicht, da sich der Handelskonflikt schon längst zu einem Kampf um Technologieführerschaft und geopolitische Bedeutung entwickelt hat, der die Anleger langfristig begleiten dürfte.

Hongkong: Zugeständnis der Regierung

Ein geplantes Auslieferungsgesetz nach China sorgte in Hongkong für Proteste. Nun gab Hongkongs Regierungschefin Carrie Lam den Forderungen der Demonstranten nach und zog das umstrittene Vorhaben zurück. Der chinesische Aktienindex Hang Seng quittierte dies mit dem höchsten Tagesgewinn seit November 2018: Er gewann knapp 4 Prozent. Zwar dürften die Proteste anhalten, das Zugeständnis der Hongkonger Regierung wirkt jedoch zunächst beruhigend. Volkswirte hatten im Vorfeld die Rezessionsrisiken für Hongkong betont. Da China über den Finanzplatz Hongkong einen Großteil seiner Geschäfte mit ausländischen Handelspartnern abwickelt, ist das Reich der Mitte an einer Deeskalation interessiert.

Italien: Neue Regierung steht

Nachdem der ehemalige Innenminister Matteo Salvini von der Lega Nord die Koalition mit der 5-Sterne-Bewegung (ital.: Movimento 5 Stelle, M5S) aufgekündigt hatte, wurde Italiens Premierminister Giuseppe Conte von knapp 80 Prozent der Mitglieder der M5S unterstützt und stellte seine neue Regierungsmannschaft vor. Selbst wenn die italienische Politiksaga Anleger wahrscheinlich auch in den nächsten Jahren begleiten wird: In den vergangenen Tagen hat sich die Lage deutlich entspannt. Zehnjährige Staatsanleihen aus Italien rentieren inzwischen nur noch mit 0,9 Prozent, der Aktienmarkt verzeichnete vom 26. August 2019 bis zum 9. September 2019 Kursanstiege von über 6 Prozent (FTSE MIB).

Brexit: No-Deal-Austritt unwahrscheinlicher

Boris Johnson wird seit Tagen von Parteiaustritten geplagt, schloss selbst Parteimitglieder aus und verlor letzte Woche seine Mehrheit im britischen Parlament. Inzwischen hat das Parlament ein Gesetz verabschiedet, um einen Brexit ohne Abkommen mit der EU zu verhindern („anti no-deal Brexit bill“). Die politischen Aussichten für Großbritannien sind weiterhin unklar. Sogar Johnsons Bruder Joseph Edmund (Jo) trat letzte Woche von seinem Amt als Staatssekretär zurück. Die Situation ist weiterhin im Fluss.

Aller Voraussicht nach wird die Opposition keinen Neuwahlen zustimmen, bis der EU-Austrittstermin ein weiteres Mal verschoben wurde. Die Devisenmärkte setzen daher verstärkt auf ein Szenario, in dem ein harter Brexit ohne Deal mit der EU verhindert werden kann. Das scheint zumindest die Botschaft der jüngsten Pfunderholung zu sein. Auch der irische Aktienmarkt, an welchem die Nervosität abzulesen war, zeigte in den letzten Tagen eine Erholung. Der ISEQ (Irish Stock Exchange Overall Index) legte zwischen dem 27. August 2019 und dem 9. September 2019 um rund 4 Prozent zu.

Rezession könnte abgewendet werden

Die US-Rentenmärkte zeigten wochenlang erhöhte Rezessionsrisiken für die US-Konjunktur. Eine solche hätte unliebsame Folgen für den Rest der Welt und wäre insbesondere für Deutschland problematisch, wo wir es bereits mit Negativwachstum zu tun haben, das in einer leichten Rezession münden könnte. Doch die oben beschriebenen politischen Entwicklungen haben das Potenzial, das Geschäftsklima positiv zu beeinflussen. Erste Anzeichen sind bereits zu sehen. In der letzten Woche sind nicht nur die Renditen angesprungen, die US-Zinskurve (2y/10y) ist auch nicht mehr invers – das bedeutet, dass die Verzinsung zehnjähriger US-Staatsanleihen nicht mehr niedriger ist im Vergleich zu jenen, welche eine zweijährige Laufzeit haben.

 

Entspannung bei politischen Risiken: Marktteilnehmer blicken wieder optimistischer nach vorne.

Geldanlage: etwas mehr Optimismus wagen, Risiken kontrollieren

Auch wenn die Risiken nicht endgültig vom Tisch sind, war die Entspannung an den Märkten in den vergangenen Wochen spürbar. Der deutsche Leitindex DAX beispielsweise konnte jüngst die 12.000-Punkte-Marke zurückerobern. Mit Blick auf das Wertpapierdepot dürfte das Motto weiterhin „Safety first“ bei kontrollierter Chancennutzung lauten. In Summe scheint die Stimmung an den Kapitalmärkten wieder etwas besser. Ein Blick auf 2020 ermöglicht zudem etwas Optimismus, da eine US-Rezession abgewendet werden kann. Unterstützung durch die Zentralbanken wurde bereits mehrfach angekündigt, was Aktienkurse stützen dürfte. In diesem Umfeld sollten ein hohes einstelliges Gewinnwachstum und Kurspotenzial für die Aktienmärkte erreichbar sein. Die Rentenmärkte könnten in diesem Umfeld zu einer Stabilisierung ansetzen, was Gegenwind für die Anleihekurse bedeuten würde. Abhängig vom persönlichen Chancen-Risiko-Profil könnte etwas mehr Optimismus als in den herausfordernden Sommermonaten gewagt werden. Alles in allem bleibt ein breit gestreutes Wertpapierportfolio ratsam.



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Anlagewissen

Redaktionsschluss: 10.09.2019