Die wichtigsten Fakten:

  • Neuwahlen in Großbritannien am 8. Juni 2017
  • Aktuell regierende Conservative Party dürfte Mehrheit im Parlament ausbauen
  • Britisches Pfund könnte sich stabilisieren

Am 18. April 2017 gegen 11 Uhr kam plötzlich Bewegung in den Pfundkurs: Scheinbar unvermittelt begann die britische Währung zu fallen. Der Grund: Die Regierung des Vereinigten Königreichs hatte eine Pressekonferenz anberaumt – und Gerüchte, Premierministerin Theresa May könnte ihren Rücktritt ankündigen, schürten Unsicherheit unter den Marktteilnehmern. Am Ende kam es jedoch ganz anders: May hatte die Pressevertreter zusammengerufen, um überraschend für den 8. Juni Neuwahlen auf der Insel zu verkünden – welche sie zuvor stets ausgeschlossen hatte.

Großbritanniens Premierministerin kündigt für den 8. Juni 2017 Neuwahlen an – Pfund reagiert positiv.

May begründete diesen Schritt, der einen Tag später vom Parlament bestätigt wurde, mit dem geplanten EU-Austritt ihres Landes. Die Opposition schwäche durch ihren Widerstand im Parlament demnach die Verhandlungsposition der britischen Regierung gegenüber der EU. Nur durch vorgezogene Neuwahlen könne Stabilität für die kommenden Jahre gewährleistet werden. Derzeit verfügt die regierende Conservative Party (umgangssprachlich Tories) im Parlament lediglich über eine Mehrheit von 17 Stimmen. Ein Grund für Mays Entscheidung dürfte daher die Hoffnung sein, die Mehrheit der Tories im Parlament spürbar auszubauen.

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Mays Konservative in Umfragen deutlich vorn

Betrachtet man die aktuellen Umfragen, stehen die Chancen dafür nicht schlecht: Das Markt- und Meinungsforschungsinstitut YouGov sieht die Konservativen derzeit bei 48 Prozent und damit deutlich vor der Labour Party (24 Prozent). Aufgrund des britischen Mehrheitswahlrechts könnte sich dieser Vorsprung in eine deutliche Mehrheit für die Tories im Parlament ummünzen lassen.

Die Investoren reagierten – nicht zuletzt aufgrund dieser Wahlprognosen – erleichtert auf die Ankündigung der Neuwahl: Im Zuge der Pressekonferenz drehte sich die Stimmung an den Finanzmärkten. Das britische Pfund konnte mehr als zwei Prozent zum Euro zulegen.

Wahl könnte Stellung der Premierministerin stärken

Ein Grund für diese Reaktion der Marktteilnehmer könnte darin liegen, dass eine für die Konservativen erfolgreiche Wahl die Stellung der Premierministerin stärken dürfte. Das liegt nicht zuletzt daran, dass angesichts einer möglicherweise größeren Parlamentsmehrheit für die Konservativen der Einfluss der Befürworter eines „harten Brexit“ – also einem unkontrollierten EU-Austritt Großbritanniens ohne Zugang zum europäischen Binnenmarkt – innerhalb der eigenen Fraktion sinken dürfte. Darüber hinaus nimmt die Neuwahl auch mit Blick auf den Zeitplan der Brexit-Verhandlungen ein Stück weit Druck von der britischen Regierung: So stehen die nächsten regulären Parlamentswahlen auf der Insel dann erst wieder im Jahr 2022 an – und damit drei Jahre nach Ablauf der Zweijahresfrist für den Abschluss der Brexit-Verhandlungen.

Unsicherheit unter Unternehmen in Großbritannien


Die schwelende Unsicherheit, wie die zukünftigen Wirtschafts- und Handelsbeziehungen zwischen der EU und Großbritannien aussehen könnten, wirkt sich auch auf die Unternehmen in Großbritannien aus: So ist seit dem Referendum zu beobachten, dass sich viele Konzerne auf der Insel mit dem Beschäftigungsaufbau sowie mit Investitionen zurückhalten. Bleiben jedoch die Investitionen aus, kann auch die Produktivität nicht zulegen: Diese fällt in Großbritannien bereits seit dem Jahr 2008 – der längste Negativtrend seit dem 18. Jahrhundert. Damit verbunden ist wiederum ein relativ geringes Lohnwachstum: Zuletzt ist die Kaufkraft der Briten sogar gesunken, was sich auch in den stark rückläufigen Einzelhandelsumsätzen im März widerspiegelt. Diese verzeichneten den größten Rückgang seit sieben Jahren. Immerhin könnte ein angesichts der Neuwahlen stabiler erwartetes Pfund die Inflation drücken und den Kaufkraftverlust zumindest ein Stück weit dämpfen.

Starkes Pfund – schwacher Aktienmarkt?

Wiederum belasten könnte ein höherer Pfundkurs jedoch die Aktienkurse im britischen Aktienindex FTSE 100. Denn im britischen Leitindex befinden sich zahlreiche exportorientierte Konzerne, deren Waren in anderen Währungsräumen teurer würden. So haben die Aktienkurse im britischen Leitindex in einer ersten Reaktion auf die vorgezogenen Neuwahlen nachgegeben.

Insgesamt geht die Deutsche Bank davon aus, dass sich das Pfund angesichts der Neuwahlen – und möglicherweise klarerer Mehrheitsverhältnisse im Parlament – künftig stabilisieren dürfte. Für dieses Jahr rechnet sie in Großbritannien weiterhin mit einem Wirtschaftswachstum von 1,8 Prozent – sieht jedoch für die Prognose für das Jahr 2018 in Höhe von 1,1 Prozent leichtes Aufwärtspotenzial. Zunächst hängt jedoch vieles davon ab, wie die Parlamentswahl letztlich ausgehen wird.



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Redaktionsschluss: 20.04.2017