Die wichtigsten Fakten:

  • Mays Konservative verlieren absolute Mehrheit im Parlament
  • Verunsicherung unter Marktteilnehmer nimmt zu
  • Britisches Pfund gerät unter Druck

Theresa May hat es nicht geschafft: Sie und ihre „Conservative Party“ gehen zwar als stärkste Partei aus den Neuwahlen in Großbritannien hervor – das Ziel, ihre politische Position zu stärken, hat sie jedoch verfehlt. Mehr noch: Mit insgesamt nur noch 318 von 650 möglichen Sitzen haben die „Tories“ sogar 12 Sitze und damit ihre absolute Mehrheit im britischen Parlament verloren – das Ergebnis ist ein sogenanntes, für britische Verhältnisse eher ungewöhnliches „hung parliament“, also ein Unterhaus ohne klare Mehrheit. Auch wenn den Konservativen die Alternative bleibt, mit den Nordirischen Unionisten eine Zweckgemeinschaft zu bilden – jede mögliche Regierung dürfte gegenüber der bisherigen konservativen Dominanz an Stärke verlieren.

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Die ersten Reaktionen der Marktteilnehmer auf den für viele überraschenden Wahlausgang fielen gemischt aus: Das britische Pfund verlor zum Euro nach den ersten Hochrechnungen bis zu 2,30 Prozent. Der britische Aktienleitindex FTSE 100 dagegen lag zeitweise mit 1,15 Prozent im Plus. Auch wenn sich beide Entwicklungen im Laufe des Freitags, dem Tag nach der Wahl, etwas abschwächten – tendenziell blieben die Gewinne und Verluste erhalten.

Theresa May verkündete am frühen Nachmittag nach der Wahl den Regierungsauftrag von der Queen erhalten zu haben, hierzu will sie mit der nordirischen Partei DUP (Democratic Unionist Party) zusammenarbeiten. Weiterhin wird sie an dem Zeitplan für die Brexit-Verhandlungen festhalten und erteilte jeglichen Rücktrittforderungen eine Absage.

Politische Verunsicherungen nehmen zu

Was bei der Ankündigung der Neuwahlen im April an den Märkten noch als klare Angelegenheit und geschickter Schachzug Theresa Mays gewertet wurde, hatte sich schon in den Wochen vor der Wahl zu einer Zitterpartie entwickelt. Statt einer klaren Mehrheit für Mays Konservative prognostizierten die Wahlumfragen kurz vor dem Wahltermin ein Erstarken der Labour-Opposition. Ein nur noch knapper Wahlsieg der Konservativen geriet in den Bereich des Möglichen – und wurde schließlich zur Realität.

Insgesamt wird durch diesen Wahlausgang die Verunsicherung hinsichtlich der weiteren politischen Entwicklung in Großbritannien zunehmen. Das ist insbesondere deshalb problematisch, weil die anstehenden Brexit-Verhandlungen und deren straffer Zeitplan eigentlich eines klaren politischen Mandats bedurft hätten: Bis zum 17. März 2019 muss zwischen Großbritannien und der Europäischen Union eine abschließende Regelung für den Austritt des Vereinigten Königreichs aus dem europäischen Bündnis getroffen worden sein. Statt zügig mit den konkreten Verhandlungen zu starten, muss in Großbritannien nun zunächst ein überparteilicher Konsens erarbeitet werden, was die Brexit-Verhandlungen verkompliziert und zusätzlichen Zeitdruck schafft.

Der Wahlausgang könnte allerdings auch seine guten Seiten haben, denn ein überparteilicher Konsens dürfte die europafreundlichen Stimmen im britischen Unterhaus erstarken und den Bruch zwischen dem Vereinigten Königreich und der EU unter Umständen weniger heftig ausfallen lassen.

Theresa Mays Konservative verlieren absolute Mehrheit – Pfund unter Druck, einige Aktienmärkte profitieren.

Licht und Schatten an den Kapitalmärkten

Für Großbritannien selbst sieht die Deutsche Bank im Hinblick auf das Wahlergebnis zumindest aus ökonomischer Sicht auch positive Aspekte. Zwar dürfte das britische Pfund zunächst unter Druck bleiben. Dem Aktienmarkt auf der Insel könnte gerade dies jedoch weiteren Aufwind verleihen. Denn für international agierende britische Konzerne – etwa aus dem Energie- und Rohstoffsektor – bedeutet ein schwächeres Pfund, dass ihre Güter in anderen Währungsräumen billiger und damit wettbewerbsfähiger werden. Dadurch könnte der Leitindex FTSE 100, in dem exportorientierte Unternehmen einen hohen Anteil ausmachen, zusätzliche Impulse erhalten.

Hinzu kommt, dass die Bank of England angesichts der zunehmenden politischen Unsicherheit in absehbarer Zeit kaum eine Einengung ihrer expansiven Geldpolitik einleiten dürfte. Das wirtschaftsfreundliche geldpolitische Umfeld dürfte britischen Unternehmen damit noch einige Zeit erhalten bleiben. Und nicht zuletzt ist der Wahlausgang auch als Absage an die von den Konservativen geplante fiskalische Einengung in Form einer Reduzierung der Sozialausgaben zu sehen.

Brexit – es bleibt die Trennung

Wie auch immer sich die politische Situation in den kommenden Tagen und Wochen gestalten wird: Anleger sollten die weiteren Entwicklungen in Großbritannien insbesondere im Hinblick auf die Brexit-Verhandlungen mit der EU genau verfolgen. Denn der Weg aus der Europäischen Union dürfte nun nicht einfacher werden – und die Folgen des Brexits, beispielsweise ein möglicher Rückzug der Bankenbranche aus London, dürften auf lange Sicht die wirtschaftliche Lage Großbritanniens maßgeblich beeinflussen.



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Redaktionsschluss: 09.06.2017