Die wichtigsten Fakten:

  • Deutsche Unternehmen weltweit immer gefragter.
  • Gewinnerwartungen entwickeln sich zunehmend positive.
  • Deutscher Aktienmarkt mit interessanten Perspektiven.

Fragt man in Deutschland Menschen, was sie mit „Made in Britain“ verbinden, dürfte man in viele nachdenkliche Gesichter blicken. Einige werden vielleicht „Musik“ antworten, andere „Tee“.

Mitte des 19. Jahrhunderts wären die Antworten sicher präziser ausgefallen. Großbritannien war die führende Industrienation und exportierte Baumwolltücher, Dampfschiffe und Eisenbahnen in die ganze Welt. Auch britische Messer galten etwas: Der Name der mittelenglischen Stadt Sheffield stand für besonders hohe Qualität. Das machten sich Hersteller aus dem rheinländischen Solingen zunutze und versahen ihre damals noch minderwertige Ware mit dem Aufdruck „Sheffield made“ – sehr zum Ärger der Briten. 1887 trat schließlich der Merchandise Marks Act in Kraft. Alle Importwaren mussten fortan mit einer korrekten Herkunftsbezeichnung versehen werden. Das Siegel „Made in Germany“ war geboren, wurde jedoch – anders als von den Briten erwartet – binnen weniger Jahre zum Markenzeichen hoher Qualität. Denn die deutschen Hersteller hatten dazugelernt und sich schnell als zumindest ebenbürtige Wettbewerber etabliert.

Tägliche Kapitalmarkteinschätzung per E-Mail. Jetzt informieren

„Made in Germany“ international gefragt

130 Jahre später steht Made in Germany nach wie vor für hohe Qualität und kommt weltweit weiterhin sehr gut an: Allein im Jahr 2016 exportierten deutsche Unternehmen Waren im Wert von mehr als 1,2 Billionen Euro ins Ausland – so viel wie noch nie in einem Jahr. Dieser wirtschaftliche Erfolg weckt natürlich Begehrlichkeiten und macht Firmen aus Deutschland für Finanzinvestoren zu interessanten Übernahmeobjekten: Laut einer Studie der Unternehmensberatung PwC gaben internationale Beteiligungsgesellschaften im vergangenen Jahr fast doppelt so viel für Firmenzukäufe in Deutschland aus wie im Jahr 2015. Das Beratungsunternehmen A. T. Kearney stuft Deutschland hinter den USA derzeit sogar als das weltweit zweitattraktivste Land für ausländische Direktinvestitionen ein. Ein Ritterschlag für „Made in Germany“.

Gute Stimmung in deutschen Unternehmen

Ausschlaggebend für das gute Ergebnis ist laut A. T. Kearney unter anderem der geplante Ausstieg der Briten aus der Europäischen Union (EU), von dem deutsche Unternehmen in besonderem Maße profitieren könnten. Als positiv wurden zudem das derzeit anziehende Wirtschaftswachstum, ein vergleichsweise stabiles politisches Umfeld, transparente Regulierungen und die Einbettung in den EU-Binnenmarkt gewertet.

Doch nicht nur von außerhalb gibt es derzeit gute Noten für den Wirtschaftsstandort Deutschland. Auch die Firmenlenker deutscher Unternehmen sind in guter Stimmung: So lag der Markit-Einkaufsmanagerindex für die deutsche Privatwirtschaft im April 2017 mit 56,3 Punkten nahe seinem historischen Hoch und damit deutlich über der 50-Punkte-Marke, was eine Ausweitung der wirtschaftlichen Aktivität anzeigt. Andere viel beachtete Konjunkturindikatoren wie der ifo Geschäftsklimaindex oder die ZEW-Konjunkturerwartungen entwickelten sich zuletzt ähnlich positiv.

Insgesamt scheinen die deutschen Unternehmen derzeit also gut aufgestellt zu sein. An dieser Situation dürfte sich – trotz der fundamentalen und langfristigen Herausforderungen für den Wirtschaftsstandort Deutschland – aus Sicht der Deutschen Bank zumindest in den kommenden Monaten wenig ändern.

Deutschland profitiert von globaler Wirtschaftsdynamik

Die Gründe für den guten Ausblick sind vielfältig. So dürften deutsche Unternehmen aufgrund ihrer Exportstärke weiterhin besonders stark vom aktuell positiven weltwirtschaftlichen Umfeld profitieren. Nach dem Rekordjahr 2016 erwartet der Bundesverband Großhandel, Außenhandel, Dienstleistungen (BGA) für dieses Jahr einen weiteren Anstieg der deutschen Ausfuhren. Entscheidend wird dabei sein, ob China seinen wirtschaftlichen Stabilisierungskurs beibehält. So leisten deutsche Exporte in das Reich der Mitte einen essenziellen Beitrag zum Wachstum des deutschen Bruttoinlandsprodukts.

Auch die weitere Entwicklung in den USA gilt es zu beachten: Derzeit rechnet die Deutsche Bank damit, dass die Wirtschaft der Vereinigten Staaten bis ins Jahr 2018 hinein deutlich zulegen und weltweit Wachstumsimpulse geben könnte.

Euro/Dollar-Kurs stimuliert deutsche Exporte

Ein weiterer Faktor, der vielen deutschen Unternehmen in die Hände spielt, ist der nach wie vor schwache Euro. Denn umgerechnet in deren Heimatwährungen verbilligen sich dadurch Importe deutscher Güter für viele Länder außerhalb der Eurozone – was zu einer erhöhten Nachfrage führen kann. Wie relevant dieser Faktor ist, wird deutlich, wenn man bedenkt, dass die Unternehmen im deutschen Leitindex DAX mittlerweile rund 56 Prozent ihrer Umsätze außerhalb der Eurozone erwirtschaften. Für dieses Jahr rechnet die Deutsche Bank zum Beispiel gegenüber dem US-Dollar mit einer Fortsetzung der bereits seit mehr als zwei Jahren anhaltenden Euroschwäche.

Rekordausschüttungen und anziehende Gewinne

Dass sich neben der Stimmung auch die Ertragslage der deutschen Unternehmen gut entwickelt, lässt sich unter anderem an den Ergebnissen der diesjährigen Dividendensaison ablesen. Allein die 30 Unternehmen im DAX dürften 2017 rund 31,6 Milliarden Euro an ihre Anteilseigner ausschütten – das wären rund 7 Prozent mehr als im vergangenen Jahr und so viel wie nie zuvor. In der großen DAX-Familie, die neben dem DAX auch den M-, S- und Tec-DAX umfasst, könnten es insgesamt 46,3 Milliarden Euro sein.

Ins rechte Licht gerückt werden diese Zahlen durch die Gewinnerwartungen der Analysten. Bei einem prognostizierten Wachstumsplus von 9,7 und 7,9 Prozent für dieses und kommendes Jahr spricht vieles dafür, dass die Unternehmen im DAX ihre Ausschüttungen weitestgehend aus den laufenden Erträgen begleichen können – und nicht an ihre Substanz gehen müssen. Zumal sich die Gewinnrevisionen, die zuvor jahrelang negativ ausfielen, zuletzt allesamt positiv entwickelt haben: Im Vergleich zu den Prognosen von vor 1, 3 und 6 Monaten stiegen die durchschnittlichen Gewinnerwartungen für die DAX-Unternehmen im Mai um 0,7, 1,7 beziehungsweise 1,7 Prozent an.

Große Vielfalt am deutschen Aktienmarkt

Hohe Dividenden, anziehende Gewinnerwartungen – deutsche Aktien stehen bei Anlegern bereits seit einiger Zeit hoch im Kurs. Das schlägt sich unter anderem in den zuletzt erreichten Allzeithochs des DAX, M-DAX, S-DAX und Tec-DAX nieder. Dass bei den aktuellen Kursen noch nicht Schluss sein muss, macht ein Blick auf die Bewertungen deutlich. Denn die liegen trotz der Kursanstiege der vergangenen Monate nach wie vor unter ihrem langjährigen Durchschnitt. Der DAX beispielsweise weist derzeit unter Berücksichtigung der 12-Monats-Gewinnerwartungen ein Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 13,6 auf und wird nach wie vor mit einem deutlichen Abschlag beispielsweise zum MSCI World und S&P 500 gehandelt (siehe Grafik). Das KGV bezeichnet das Verhältnis zwischen dem aktuellen Aktienkurs und den Gewinnerwartungen pro Aktie.

Für entsprechend risikobereite Anleger könnte der deutsche Aktienmarkt damit im Fokus bleiben. Vor allem zyklische Unternehmen – also solche, die aufgrund ihres Geschäftsmodells besonders konjunkturabhängig sind – scheinen derzeit aussichtsreich zu sein. Für einen möglichst breiten Aktienmix kann es infrage kommen, auch Unternehmen abseits des Leitindex DAX ins Auge zu fassen. So befinden sich in den kleineren M-, S- und Tec-DAX viele innovative Firmen, die teilweise Weltmarktführer auf ihrem Gebiet sind und interessante Entwicklungsmöglichkeiten aufweisen können.

Kurzfristige Rücksetzer als mögliche Einstiegszeitpunkte

Da ein Gutteil der konjunkturellen Erwartungen der Marktteilnehmer bereits in den Kursen eingepreist zu sein scheint, kann es – wenn die fundamentalen Daten in den kommenden Monaten schlechter ausfallen als erwartet – allerdings auch am deutschen Aktienmarkt zu Rücksetzern kommen. Nach Einschätzung der Deutschen Bank sollten diese jedoch kurzfristiger Natur sein und könnten für Anleger sogar interessante Einstiegsmöglichkeiten eröffnen.



Aktuelle Marktkommentare erhalten Sie im täglichen Newsletter „PERSPEKTIVEN am Morgen“.

Jetzt anmelden

Anlagewissen

Redaktionsschluss: 03.05.2017