Die wichtigsten Fakten:

  • Schwellenländeraktien mit schwankungsreichem 3. Quartal
  • Geldpolitische Lockerung der US-Notenbank könnte Kurse stützen
  • Zusätzlicher Schwung durch mögliche Fortschritte im Handelsstreit

Betrachtet man nur die Quartalsstartkurse und -endkurse, scheint an den Schwellenländerbörsen im Sommer nicht viel passiert zu sein: Der MSCI Emerging Markets beispielsweise schloss das 3. Quartal ungefähr auf dem Stand, auf dem er es begonnen hatte. Der Anschein von Ruhe trügt jedoch – denn zwischenzeitlich schwankten die Aktienkurse in den aufstrebenden Volkswirtschaften deutlich. Bergab ging es vor allem in den ersten Augustwochen, nachdem US-Präsident Donald Trump am 1. August für viele Marktteilnehmer überraschend eine Ausweitung der Strafzölle auf Importe aus China angekündigt hatte. Daraufhin gaben Schwellenländeraktien in Euro gerechnet innerhalb nur weniger Tage um 9 Prozent nach. In der Folge erholte sich der MSCI Emerging Markets jedoch wieder und legte seit seinem Quartalstiefstand am 26. August bis zum 18. Oktober rund 7 Prozent zu. Ausschlaggebend für die Trendumkehr waren die Annäherung im Handelsstreit zwischen den USA und China sowie geldpolitische Lockerungen bedeutender Notenbanken – allen voran der US-Zentralbank Federal Reserve, die damit der aktuellen Wachstumsverlangsamung im eigenen Land entgegenwirken will.

Tägliche Kapitalmarkteinschätzung per E-Mail. Jetzt informieren

Schwellenländer könnten von expansiverer US-Geldpolitik profitieren

Zuletzt hat die Konjunktur in den USA an Schwung verloren: Der ISM-Index für das Verarbeitende Gewerbe beispielsweise sank im September aufgrund eines Rückgangs der Exportaufträge auf den niedrigsten Stand seit über zehn Jahren. Der Einkaufsmanagerindex für den Dienstleistungssektor lag auf dem niedrigsten Niveau seit 2016. Eine Wachstumsabschwächung in den USA ist grundsätzlich zwar eine schlechte Nachricht für die überwiegend exportorientierten Schwellenländer. Allerdings könnte eine Konjunkturabkühlung die US-Notenbank Fed dazu veranlassen, ihre Geldpolitik expansiver zu gestalten als von den Marktteilnehmern erwartet. Die Deutsche Bank rechnet für die nächsten zwölf Monate noch mit drei Leitzinssenkungen seitens der Fed. Davon dürften die Schwellenländer profitieren, da sinkende US-Leitzinsen der wirtschaftlichen Entwicklung nicht nur in der weltgrößten Volkswirtschaft, sondern global einen Schub verleihen dürften.

Der größere Zinsabstand zwischen den USA und den Schwellenländern könnte außerdem Investoren dazu animieren, vermehrt Kapital aus den renditeschwächeren Vereinigten Staaten in die Hochzinsregionen der Schwellenländer umzuschichten. Sollten einige aufstrebende Volkswirtschaften dagegen selbst ihre Leitzinsen senken, würde zwar ihr zusätzlicher Zinsvorteil gegenüber den USA geringer werden. Dafür könnten sie jedoch ihre Binnenkonjunktur stimulieren, ohne im Vergleich zu heute eine deutliche Abwertung ihrer Währung oder hohe Kapitalabflüsse zu riskieren.

Indische Aktien zuletzt mit deutlichen Kursgewinnen

Neben der expansiveren Geldpolitik in den USA haben zuletzt länderspezifische Faktoren den Schwellenländerindex stützen können. Stark zulegen konnten beispielsweise indische Papiere aufgrund einer angekündigten Unternehmenssteuersenkung. Aktien aus Russland und Südkorea gehörten ebenfalls zu den Gewinnern. Beide Länder bieten hohe Realzinsen und weisen einen Haushaltsüberschuss auf. Das ermöglicht es den Zentralbanken, bei Bedarf die Zinsen zu senken, und den Regierungen, zusätzliche Fiskalpakete aufzulegen. Dieses „doppelte konjunkturelle Sicherheitsnetz“ stößt unter Investoren auf Interesse.

Fortschritte im Handelsstreit treiben Aktienkurse

Wie sich Aktien aus den Schwellenländern in den kommenden Monaten entwickeln werden, dürfte maßgeblich vom weiteren Verlauf des Handelsstreits zwischen den USA und China abhängen. Die jüngsten Handelsgespräche, die am zweiten Oktoberwochenende in Washington stattfanden, lassen sich zumindest als Fortschritt werten: China erklärt sich bereit, verstärkt US-Agrarprodukte zu kaufen. Im Gegenzug setzen die USA die für Mitte Oktober geplante Erhöhung der Zölle auf Importe aus China aus.

Zu anderen Themen wie Huawei, den Zollerhebungen im Dezember oder dem Schutz von geistigem Eigentum wurde hingegen nichts gesagt. Die Marktteilnehmer fragen sich daher, ob das Abkommen halten wird – schließlich waren die Verhandlungen im Frühjahr bereits an einem ähnlichen Punkt. In den kommenden Wochen sollen die Vereinbarungen schriftlich festgehalten und von den Präsidenten Donald Trump und Xi Jinping im November am Rande des APEC-Gipfels in Santiago de Chile formal bestätigt werden.

An den Kapitalmärkten wurden die Nachrichten als Zeichen interpretiert, dass beide Länder Einigungen erzielen können und eine weitere Eskalation des Konflikts – zunächst – abgewendet ist. Die weltweiten Aktienmärkte reagierten positiv. Das gilt insbesondere für die Börsen in China: Papiere aus dem Reich der Mitte, die für fast 30 Prozent des MSCI Emerging Markets stehen, stiegen seit Anfang Oktober in Euro gerechnet um fast 3 Prozent. Nehmen die Risiken weiter ab, könnten Investoren wieder zunehmend die überdurchschnittlichen Gewinnerwartungen für die Schwellenländer in den Fokus nehmen. Für kommendes Jahr prognostiziert die Analystengemeinde in den aufstrebenden Volkswirtschaften ein Gewinnwachstum von 14 Prozent, für die USA und Europa erwartet sie lediglich ein Plus von etwa 10 Prozent.

Expansivere Geldpolitik in der Eurozone und den USA könnte Schwellenländeraktien auf absehbare Zeit stützen.

Schwellenländeraktien als interessante Depotbeimischung

Neben den weiteren Entwicklungen im Handelskonflikt sollten Schwellenländeranleger insbesondere die weitere konjunkturelle Entwicklung in China beobachten. Denn viele Schwellenländer nicht nur in Asien sind wirtschaftlich eng mit dem Reich der Mitte verwoben. Im 3. Quartal lag das chinesische Wirtschaftswachstum mit einem Plus von 6 Prozent im Vergleich zum Vorjahresquartal zwar (leicht) unter den Erwartungen, eine Stabilisierung der Konjunktur scheint aber in Sicht. Dafür sprechen zumindest die chinesischen Einkaufsmanagerindizes, die im September positiv überraschten. Insgesamt könnte ein breites Investment in Schwellenländeraktien für entsprechend risikobereite Anleger langfristig eine interessante Beimischung im Depot sein.



Aktuelle Marktkommentare erhalten Sie im täglichen Newsletter „PERSPEKTIVEN am Morgen“.

Jetzt anmelden

Anlagewissen

Redaktionsschluss: 18.10.2019