Die wichtigsten Fakten:

  • Die Weltwirtschaft wächst weiter dynamisch
  • Wachstumsaussichten in den USA zuletzt leicht gedämpft
  • Chinas Konjunktur scheint stabil, Eurozone überrascht positive

USA top, Europa Flop – zum Jahresbeginn 2017 waren die Sympathien der Fondsmanager und Risikokapitalgeber klar verteilt. Der anfänglichen Euphorie über die Wirtschaftspläne des neuen US-Präsidenten Donald Trump folgend, flossen gewaltige Summen in die Kapitalmärkte jenseits des Atlantiks. Von China hingegen wurden keine zusätzlichen Wachstumsimpulse erwartet. Und der „Alten Welt“ haftete weiter das Stigma einer schwachen und zerrissenen Region an – politisch wie wirtschaftlich. Zwar stiegen auch hier im Zuge des insgesamt guten weltwirtschaftlichen Umfelds die Aktienkurse an – insbesondere die Gefahr eines Erstarkens europafeindlicher Parteien und der Mangel an ökonomischen Wachstumsperspektiven schreckten viele Investoren jedoch ab.

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IWF mit neuer Einschätzung für die Wachstumsregionen

Der größere Teil des Jahres liegt nun hinter uns, und zumindest die Weltkonjunktur präsentiert sich 2017 bislang wie erwartet insgesamt positiv: Die Experten des Internationalen Währungsfonds (IWF) beispielsweise rechnen für das laufende Jahr derzeit mit einem Weltwirtschaftswachstum von 3,5 Prozent – nach 3,2 Prozent im Vorjahr. Bezüglich der globalen Wachstumstreiber dagegen hat sich in den vergangenen Monaten eine Kehrtwende vollzogen – insbesondere im Hinblick auf die USA und die Eurozone.

Wechsel bei globalen Wachstumstreibern: US-Konjunktur etwas schwächer, China stabil, Eurozone überrascht positiv

Dabei scheint die US-Wirtschaft die hohen Erwartungen vom Jahresanfang nicht erfüllen zu können: Der IWF senkte seine Wachstumsprognose für das Gesamtjahr 2017 von 2,3 auf 2,1 Prozent. Und das, obwohl der für die Vereinigten Staaten so wichtige private Konsum deutlich zulegen konnte: Im Juli zogen die US-Einzelhandelsumsätze um 0,6 Prozent gegenüber dem Vormonat an. Die Gefahr einer von einigen Seiten befürchteten Konsumschwäche sieht die Deutsche Bank daher aktuell nicht.

Der Grund für die Abwärtskorrektur der US-Wachstumsprognosen liegt vielmehr darin, dass Donald Trump bisher kaum einen Punkt seiner Wirtschaftspläne umsetzen konnte. Stattdessen sorgt die US-Regierung für immer neue Verunsicherung unter den Marktteilnehmern – und Teilen der US-Administration selbst. So wurden Mitte August zwei wichtige Beraterzirkel einfach aufgelöst, nachdem mehrere prominente Wirtschaftsführer die Gremien nach zum Teil deutlicher Kritik am Präsidenten verlassen hatten. Zuletzt machten zudem Gerüchte über den Rücktritt von Trumps oberstem Wirtschaftsberater Gary Cohn die Runde. Und der schwelende Konflikt mit Nordkorea könnte zumindest den Handel mit China belasten.

Ganz abzuschreiben ist Trumps Wachstumsagenda trotzdem noch nicht. So wird für die geplante Steuerreform – die eine Senkung der Unternehmensteuern beinhalten dürfte – bis Mitte September ein erster Rahmenplan des US-Präsidialamts erwartet. Bereits im Oktober oder November könnte im Kongress über die Umgestaltung des Steuersystems abgestimmt werden. Allerdings bleibt es fraglich, ob ein solcher Zeitplan eingehalten werden kann. Schließlich ist nach der von Trump angestrebten, aber gescheiterten Teilreform des Gesundheitssystems („Obamacare“) weiterhin unklar, wie die Steuerentlastungen gegenfinanziert werden sollen. Sollte auch die Steuerreform scheitern, könnte dies die Aussichten für die Wirtschaft und die Kapitalmärkte der USA schwächen.

Eurozone erscheint aktuell politisch stabiler

Eine entgegengesetzte Entwicklung zeichnet sich derweil für die Eurozone ab: Anfänglich schwache Erwartungen treffen hier auf ein mittlerweile spürbar verbessertes Wirtschaftsklima. Der IWF hat seine Wachstumsprognosen für die Währungsgemeinschaft jüngst entsprechend nach oben korrigiert – um 0,2 und 0,1 Prozentpunkte auf 1,9 beziehungsweise 1,7 Prozent für dieses und kommendes Jahr. Ein Grund dafür liegt darin, dass sich die Befürchtungen hinsichtlich eines Erstarkens europakritischer Parteien im Zuge der Wahlen in den Niederlanden und Frankreich nicht bewahrheitet haben.

Tatsächlich präsentiert sich die wirtschaftliche Lage in der Eurozone derzeit positiv. So gab der Einkaufsmanagerindex für die Industrie und den Dienstleistungssektor zuletzt zwar leicht nach – liegt mit 55,7 Punkten aber weiterhin deutlich in dem Bereich, der wirtschaftliche Expansion anzeigt. Zudem bewegte sich das Investitionsvolumen der Unternehmen im zweiten Quartal 2017 rund 4 Prozent über dem des Vorjahreszeitraums. Gewinne und Umsätze im Euro Stoxx zogen um starke 10 beziehungsweise 6 Prozent an.

Auch wenn der aktuelle Aufschwung in erster Linie zyklischer Natur ist und weniger strukturell bedingt: Nach Einschätzung der Deutschen Bank sind dies ermutigende Zahlen. Positiv ist dabei zu werten, dass der Aufschwung regional auf einer breiten Basis fußt. Stark präsentieren sich unter anderem die Niederlande, wo die Wirtschaft im zweiten Quartal 2017 um 1,5 Prozent im Vergleich zum Vorquartal zulegte und damit das Wachstum in Spanien, Deutschland und Frankreich noch überflügelte.

Selbst Italien sorgte mit einem Konjunkturplus von 0,4 Prozent nach langer Zeit wieder einmal für positive Schlagzeilen. Das für das Gesamtjahr von der Regierung in Rom prognostizierte Wachstum von 1,1 Prozent könnte damit sogar noch übertroffen werden. Eine Entwicklung, die sich auch auf die voraussichtlich im Frühjahr kommenden Jahres stattfindenden Neuwahlen auswirken und der europakritischen Fünf-Sterne-Bewegung ein Stück weit den Wind aus den Segeln nehmen könnte.

Strukturelle Herausforderungen bleiben bestehen

Trotz dieser erfreulichen Nachrichten sollte nicht aus den Augen verloren werden, dass die Erholung in der Eurozone von einem vergleichsweise niedrigen Niveau ausgeht. Zudem sehen sich die Euroländer weiterhin mit strukturellen Herausforderungen konfrontiert – auch Deutschland. Hier sieht der IWF Verbesserungsbedarf beispielsweise bei der Bereitstellung erschwinglicher Vollzeit-Kinderbetreuung, der Weiterbildung von Zuwanderern und dem Ausbau der digitalen Netze.

In Frankreich bleibt abzuwarten, ob der neue Präsident Emmanuel Macron eines seiner wichtigsten Wahlversprechen – die Reform des starren französischen Arbeitsrechts – halten kann. Dabei dürfte die 35-Stunden-Woche zwar grundsätzlich bestehen bleiben, jedoch könnten Unternehmen mit ihrer Belegschaft individuelle Regelungen treffen. Zudem sollen der Kündigungsschutz gelockert und Abfindungen gedeckelt werden. Schon am 20. September könnte die Vorlage dem französischen Parlament vorgelegt und dort per Verordnung verabschiedet werden – den Weg dafür machte die Nationalversammlung Anfang August frei. Meines Erachtens wäre die Reform ein wichtiger Schritt in Richtung zu mehr Beschäftigung und Wachstum in Frankreich und damit in der Eurozone.

Auch politisch bleiben Herausforderungen. Zwar hat sich die Lage in der Eurozone im Laufe des Jahres insgesamt verbessert. Allerdings regiert in Spanien aktuell noch immer eine für das Land unübliche Minderheitsregierung und in den Niederlanden ist die Regierungsbildung selbst ein halbes Jahr nach der Wahl noch immer nicht abgeschlossen.

China: Parteitag dürfte weitere Richtung vorgeben

Bei der Betrachtung der globalen Konjunkturdynamik darf der Blick nach China nicht fehlen. Dort zeichnet sich aktuell ebenfalls eine bessere Entwicklung ab als zu Jahresbeginn vermutet: Nachdem die Wirtschaft im ersten Halbjahr 2017 positiv überraschte, hob der IWF seine Wachstumsprognosen für dieses und kommendes Jahr leicht auf 6,7 sowie 6,2 Prozent an.

Weiteren Aufschluss über Chinas Wirtschaftsentwicklung sollte der voraussichtlich Ende Oktober / Anfang November beginnende 19. Parteitag der Kommunistischen Partei geben. Die Deutsche Bank erwartet, dass dabei die Stärkung der neuen Mittelschicht und die weitere Stimulierung des privaten Konsums eine wichtige Rolle spielen und so den grundlegenden Transformationsprozess – weg von einem investitions- und exportgetriebenen hin zu einem stärker konsum- und binnenmarktorientierten Wachstum – beschleunigen werden. Wie stark der Trend in diese Richtung bereits ist, macht das Plus bei den Einzelhandelsumsätzen im Juli von 10,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat deutlich.

Darüber hinaus könnte auf dem Parteitag eine straffere Regulierung und staatliche Aufsicht von Teilen der Finanzmärkte beschlossen werden, um bestehende Risiken wie die hohe Kreditvergabe, das Schattenbanksystem oder die Verschuldung der Lokalregierungen einzudämmen. Das dürfte kurzfristig zwar Wachstum kosten, langfristig allerdings die Stabilität der chinesischen Wirtschaft erhöhen.

Zyklischer Aufschwung könnte bis ins kommende Jahr tragen

Auch wenn politische und strukturelle Herausforderungen weltweit bestehen bleiben, dürfte der zyklische Wirtschaftsaufschwung aus Sicht der Deutschen Bank noch mindestens bis ins kommende Jahr anhalten. Das könnte insbesondere das Wachstum der vergleichsweise exportlastigen Wirtschaft der Eurozone weiter stimulieren – trotz des Gegenwinds aufgrund des starken Euro und trotz der Brexit-Verhandlungen. Langfristig hängt der ökonomische Erfolg der Währungsgemeinschaft jedoch an der Schaffung eines investitions- und wachstumsfreundlicheren Umfelds. Nur dann könnte der Aufschwung mehr sein als ein konjunkturelles Zwischenhoch.



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Redaktionsschluss: 01.09.2017