Gründer, die im Finanzwesen durchstarten wollen, sollten das Innovation Lab der Deutschen Bank in Erwägung ziehen. Leiter Luc Mériochaud gibt einen Einblick in die Arbeit.

Die Deutsche Bank arbeitet bereits seit längerer Zeit mit Startups zusammen, um das Bankgeschäft neu zu erfinden. Luc Mériochaud treibt im Berliner Innovation Lab der Deutschen Bank die Entwicklung von Banking-Innovationen voran. Im Interview erzählt er, was den Ansatz des Innovation Labs auszeichnet, was das für Startups bedeutet und welche Technologien momentan in der Branche im Fokus stehen.

Luc, was ist das Deutsche Bank Innovation Lab?

Ich erzähle zunächst gerne immer, was wir nicht sind. Wir sind kein Accelerator, kein Inkubator, kein Coworking-Space und kein VC-Investor. Wir sind eine Plattform, auf der neue Technologien gescoutet, evaluiert und für die Bank nutzbar gemacht werden.

Wie funktioniert das?

Startups aus aller Welt können zu uns kommen und bei einem Fit schauen wir dann, welche Anlaufstellen für ihre Weiterentwicklung sinnvoll sind. Wir analysieren gemeinsam Geschäftsmodell und USP, bewerten das Skalierungspotenzial, führen sie mit Geschäftsbereichen der Bank zusammen und testen ihre Lösungen. Bis jetzt haben wir uns circa 2.000 Lösungen angeschaut.

„Meet & Match“ im Berliner Innovation Lab der Deutschen Bank

„Meet & Match“ im Berliner Innovation Lab der Deutschen Bank

Was zeichnet die DNA des Innovation Labs aus?

Wir betreiben Innovation entlang verschiedener Stoßrichtungen. Wir sind davon überzeugt, dass man in einer Innovationsfunktion nicht nur mit neuen Technologien experimentieren sollte, sondern bewusst auch mit unterschiedlichen Formaten. Deswegen veranstalten wir regelmäßig Events wie Pitch Days oder Hackathons. Agilität ist ein weiterer Punkt. Klassische Accelerator- und Inkubatorprogramme folgen meist vorgedachten Prozessen und schränken die Kreativität der Teilnehmer dadurch möglicherweise wieder ein, sodass man letztendlich vieles doch nicht umsetzen kann – wir arbeiten nicht nach starren Strukturen oder in einem Vakuum, sondern spielen alles an Erfahrung, Know-how und Netzwerk aus, was wir haben.

Was für Netzwerke wären das denn?

Das Innovation Lab ist unter anderem mit Förderprogrammen, Universitäten und Hochschulen, Gründungsnetzwerken, Acceleratoren sowie mit unseren internationalen Bank-Standorten verbunden. Viele der „Lab-Startups“ kommen übrigens aus unserem eigenen Netzwerk der Startup-Beratungsteams. Mit diesem Betreuungsmodell pflegt die Deutsche Bank mittlerweile über 4.000 Kontakte deutschlandweit. Die Mission der Teams ist es, Gründer als eine Art Sparrings-Partner in der gesamten Vielfalt der finanziellen Fragestellungen in den verschiedenen Entwicklungsphasen ihres Startups zu begleiten, und sie dadurch in ihren Wachstumsvorhaben zu unterstützen.

Luc Meriochaud

„Wir ermöglichen Startups als einer der wenigen großen globalen Finanz-Player die Skalierung von Geschäftsidee und -modell – und zwar über Kontinente hinweg. Das ist eine unglaubliche Chance für Gründer“, sagt Innovation Lab-Director Luc Mériochaud.

Was bietet ihr den Startups?

Unser Ziel ist es ja, Banking besser und zukunftsfähiger zu machen. Dafür muss die Innovation nachhaltig und das Geschäftsmodell skalierbar sein. Wir treten also mit den Gründern in einen intensiven Dialog, sodass sie ihre Geschäftsidee und ihr Business-Modell schärfen können. Wir verschaffen ihnen Zugang zu neuen Kunden und Märkten, national sowie international. Unsere Innovation Specialists haben dabei wichtige Fragen im Blick, wie: Welche globalen Geschäftsmodelle gibt es, wer sind die interessanten Spieler? Was sind Erfolgsfaktoren und Risiken? Wie kann man diese benchmarken? Und was sind eventuelle White Spots, in denen ein angepasstes Geschäftsmodell Mehrwert liefert? Mit unserer langjährigen Erfahrung und unserer globalen Marktintelligenz bieten wir den Startups im Anschluss die Möglichkeit, ihre Lösungen unter Laborbedingungen zu testen – natürlich unter Einhaltung aller Regulatorik- und Compliance-Anforderungen.

Auch ein gutes Stichwort. Was muss im Bereich Compliance und Legal noch passieren, damit digitale Banking-Lösungen besser implementiert werden können?

Die regulatorischen Anforderungen spielen natürlich eine große Rolle. Doch eine unserer Value Propositions ist: Dass man gemeinsam diese Hürden adressieren kann, sei es durch unsere Erfahrung, Lizenzen et cetera. Wir alle, die sich mit Innovationen auseinandersetzen, befinden uns bei vielen relevanten Geschäftsmodellen der Zukunft in einem Spannungsfeld aus Überregulierung und teilweise gar keiner Regulierung. Was wir jetzt brauchen, sind regulatorische Rahmenwerke und politische Rahmenbedingungen, damit wir zum Beispiel Technologien wie Blockchain besser implementieren können.

Kannst du schon von einer Erfolgsgeschichte berichten?

Wir arbeiten zurzeit mit Eyevido zusammen. Das ist ein Startup, das eine Eyetracking-Lösung entwickelt – eine Technologie, die es ermöglicht, genau zu sehen, wo ein Nutzer einer Anwendung hinschaut. Die Gründer haben wir auf der Cebit kennengelernt. Zu dem Zeitpunkt wussten wir, dass unsere Kollegen der Digital Factory auf der Suche nach UX-Technologie waren, um einige Digitalprodukte zu verbessern. Eyevido wurde zunächst im Innovation Lab getestet und evaluiert; danach gab es eine Machbarkeitsprüfung im Customer Lab in der Digital Factory. Jetzt ist die Lösung dort im Kunden-Labor angedockt. Die Deutsche Bank kann nun schneller das Benutzererlebnis auf Webseiten und Apps evaluieren – und so eventuelle Schwierigkeiten beheben.

Dann zu guter Letzt: Was sind zurzeit die relevantesten Technologien für das Banking der Zukunft?

Man muss hier natürlich nach Geschäftsbereichen differenzieren. Bei einer Retail-Bank geht der Need in Richtung Multikanal-Exzellenz. Das heißt, wie die Bank ihren Kunden ein konsequentes Erlebnis entlang aller Kanäle bietet. Damit gehen zum Beispiel digitale Authentifizierung oder Chatbots einher, also Künstliche Intelligenz. Für eine Transaktions- oder Investmentbank liegen die Herausforderungen stark in der Automatisierung – und damit meine ich nicht nur Machine Learning oder APIs, sondern perspektivisch auch Quantum Computing. In einer Investmentbank sind zudem Blockchain und Distributed Ledgers ein großes Thema. Ansonsten spielen Data Analytics, Cyber Security oder Risk Reduction immer eine große Rolle. Oder Compliance-Themen, wie Protokolle von Beratungsgesprächen, die mithilfe von Voice Recognition und Natural Language Understanding automatisiert werden könnten. Allgemein auch VR und AR: Hier geht es zum Beispiel um virtuelle Promoter in Filialen. Wir hoffen, dass wir hier gemeinsam mit Startups noch viel erreichen werden.

Luc, vielen Dank für das Gespräch!