Aktien: Verlierer der Krise holen auf, Corona-Pandemie bleibt Risikofaktor

Gute Nachrichten zum Fortschritt der Impfstoffentwicklung haben die Aktienmärkte bereits beflügelt. Vor allem preiswerte, zyklische Titel dürften sich in den kommenden Monaten gut entwickeln. Allerdings bleibt das Risiko zwischenzeitlicher Kursrücksetzer.

Die wichtigsten Fakten:

  • Voraussetzungen für ein positives Aktienmarktjahr scheinen gegeben
    • Kurspotenzial vor allem auf Sektor- und Einzeltitelebene
      • Zyklische Werte im Fokus
        • Zeitweise Rücksetzer im Jahresverlauf möglich
        Rohstoffe

        Für Anleger war das Aktienjahr 2020 mehr als turbulent: Zu den erwarteten Risiken, etwa durch die US-Präsidentschafts- und Kongresswahlen, gesellte sich im März auf globaler Ebene die Coronavirus-Krise, begleitet von deutlichen Kursverlusten. In den darauffolgenden Monaten konnten sich die wichtigsten Indizes weltweit, immer wieder unterbrochen von kurzfristigen Rücksetzern, jedoch Stück für Stück erholen – in Richtung Jahresende zum Teil sogar über ihre jeweiligen Vorkrisenniveaus hinaus. Zum Aufwärtstrend maßgeblich beigetragen hatten Anfang November einige vielversprechende Erfolge bei der Entwicklung von COVID-19-Impfstoffen.

        Neben den virulenten Risiken der Pandemie werden auch andere Unsicherheitsfaktoren die Marktentwicklungen 2021 begleiten. Dazu zählt neben den Folgen des Brexits auch der anhaltende politische und ökonomische Konflikt zwischen den USA und China, der sich – wenn auch in einem moderateren Ton – unter dem neuen US-Präsidenten Joe Biden fortsetzen dürfte. Insgesamt sieht die Deutsche Bank für die Aktienmärkte in Anbetracht der erwarteten Erholung der Weltkonjunktur jedoch mehr Chancen als Risiken. Für Aktien sprechen auch eine wieder größere Verlässlichkeit der US-Handels- und -Außenpolitik sowie eine eher moderat gestaltete US-Wirtschaftspolitik im Rahmen eines „divided government“. Die voraussichtlichen fiskalischen Maßnahmen etwa in den USA und Europa sowie mögliche zusätzliche Kapitalzuflüsse aus den Anleihemärkten im Zuge einer zunehmenden Risikoneigung der Anleger dürften die Kurse ebenfalls stützen.

        "Weitere Unsicherheitsfaktoren neben Corona: Brexit und Handelskonflikt USA, China."

        Vor diesem Hintergrund und in Anbetracht der coronabedingt niedrigen Ausgangsbasis haben sich die Erwartungen an die Unternehmensgewinne zuletzt deutlich verbessert. Für die Gewinne der Unternehmen in den bedeutenden Aktienmärkten erwartet die Deutsche Bank 2021 ein Wachstum von bis zu 40 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Ein Grund für diese beschleunigte Erholung ist unter anderem, dass viele Unternehmen im Krisenjahr 2020 ihre  Investitionen und Kosten reduziert haben und sich das erwartete Umsatzwachstum dadurch vergleichsweise schnell in Gewinnsteigerungen niederschlagen sollte.

        Zu den Gewinnern des Jahres 2021 könnten daher vor allem jene Unternehmen und Branchen gehören, die anfänglich zu den größten Verlierern der Coronavirus-Krise zählten und entsprechendes Aufholpotenzial haben. Darunter fallen insbesondere aktuell günstig bewertete zyklische Titel aus den Bereichen Reise und Tourismus, Finanzen, Industrie und Grundstoffe. Im Gegensatz zu diesen sogenannten Value-Werten erscheinen Growth-Aktien, etwa aus dem Technologiesektor, kurzfristig weniger aussichtsreich. Zwar sind ihre langfristigen Aussichten aufgrund ihres strukturell hohen Gewinnwachstums weiterhin intakt. Nach den starken Kursgewinnen im Jahr 2020 weisen sie jedoch teilweise hohe Bewertungen auf. Die ersten Bewegungen dieses auch als Sektorrotation bezeichneten Favoritenwechsels an den globalen Aktienmärkten waren als „Impfstoffrally“ bereits im November 2020 zu beobachten. Weniger gut könnten sich in den kommenden Monaten auch defensive Titel aus den Sektoren Versorger, Telekommunikation, Gebrauchsgüter sowie Nahrungsmittel und Getränke entwickeln. 

        Value Aktien

        "Aufholpotenzial insbesondere bei Corona Verlierern."


        Europa: zyklischer Markt mit Aufholpotenzial

        Die vergleichsweise stark von zyklischen Sektoren geprägten Aktienmärkte in Europa könnten zu den interessantesten Investmentzielen zählen. Die Analystengemeinde rechnet für europäische Unternehmen 2021 insgesamt mit einem Gewinnwachstum von 40 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Für Deutschland wird ein Plus von 33 Prozent erwartet. Über besonders hohes Aufwärtspotenzial verfügen die Sektoren Industrie, Grundstoffe, Finanzen, Reisen und  Tourismus. Günstig bewertet erscheinen zudem Werte aus dem Gesundheitssektor, für den zum einen durch den technologischen Fortschritt und zum anderen durch die demografische Entwicklung ein hohes langfristiges Umsatzwachstum zu  erwarten ist.

        "33% erwartetes Gewinnwachstum in Deutschland 2021"


        US-Aktien: nachlassender Rückenwind für Techwerte

        Anders als in Europa ist der US-amerikanische Aktienmarkt geprägt von Unternehmen aus dem Techbereich. Dadurch erscheint das Wachstumspotenzial für die Unternehmensgewinne insgesamt nicht ganz so hoch wie in Europa. Denn IT- und Internetwerte sowie „Stay-at-Home“-Titel, etwa Streamingdienste, Gaminganbieter oder Homeoffice-Applikationen, haben sich bereits 2020 stark entwickelt. Entsprechend fallen die Erwartungen an das Gewinnwachstum in den USA für 2021 mit 23 Prozent etwas geringer aus als in Europa. Auch jenseits des Atlantiks könnten konjunktursensitive Sektoren 2021 die interessantesten Perspektiven für Anleger bieten. Insgesamt bleibt der gesamte US-Aktienmarkt ein essenzieller Baustein für ein breit gestreutes Aktienportfolio.

        Prognosen Aktien

        Schwellenländer: Profiteure des Digitalisierungstrends

        Dass eine zweite Corona-Welle ausgeblieben ist, bescherte der chinesischen Wirtschaft als einzige bedeutende Volkswirtschaft 2020 ein positives Wachstum. 2021 dürfte es auch vor dem Hintergrund möglicher zusätzlicher Investitionen im Jubiläumsjahr der Kommunistischen Partei noch einmal anziehen. Das und konjunkturbedingt leicht anziehende Rohstoffpreise sollten sich nicht nur positiv auf den chinesischen Aktienmarkt, sondern aufgrund des starken chinesischen Konsums und der Nachfrage nach digitalen Dienstleistungen auch auf die Börsen umliegender Länder auswirken. Das für 2021 erwartete Wachstum der Unternehmensgewinne in den asiatischen  Schwellenländern liegt aktuell bei 25 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Treiber dieser Aussichten ist beispielsweise die bedeutende IT-Hardware-Industrie in Südkorea und Taiwan, die vom durch COVID-19 noch verstärkten Digitalisierungstrend und vom 5G-Ausbau der Telekommunikationsnetze profitieren dürfte. Interessant erscheint auch der indische Aktienmarkt. Dafür verantwortlich sind unter anderem der private Bankensektor sowie auf längere Sicht die großen IT-Dienstleister, die zu den Profiteuren der weltweiten Digitalisierung gehören dürften. 


        Nachhaltigkeit: mehr als ein Trend

        Das Thema Nachhaltigkeit hat durch die Coronavirus-Krise noch einmal deutlich an Bedeutung gewonnen: Die Nettomittelzuflüsse bei ESG-Investitionen (environment, social and governance, zu Deutsch: Umwelt, Soziales und Unternehmensführung) stiegen 2020 weltweit auf rund 190 Milliarden US-Dollar an – 20 18 waren es noch weniger als 70 Milliarden US-Dollar. Dabei geht es nicht allein um die viel beschworene „Geldanlage mit gutem Gewissen“, nachhaltige Investments eignen sich auch zum Risikomanagement im Portfolio: Unternehmen, die ESG-Kriterien ernst nehmen, müssen beispielsweise nicht mit Milliardenklagen aufgrund von Verstößen gegen Umweltschutz- oder Arbeitsschutzrichtlinien rechnen. Besonders interessant als Investmentregion für nachhaltige Aktien erscheint Europa, wo man in Sachen ESG-Regulatorik und entsprechender Investmentkriterien weltweit eine Vorreiterrolle einnimmt.

        "ESG Investitionen: weltweiter Anstieg auf 190 Mrd. US-Dollar."


        Portfolio: gute Gründe für Aktien

        Die Coronavirus-Pandemie bleibt auch 2021 ein großes Risiko. Nichtsdestotrotz scheinen die Voraussetzungen für ein positives Aktienmarktjahr gegeben. Denn sollte die Weltwirtschaft ihren Erholungskurs wie prognostiziert fortsetzen, dürften die globalen Aktienmärkte davon profitieren. Erfolgreiche flächendeckende Impfungen gegen das Coronavirus könnten hier im Jahresverlauf für zusätzliche Impulse sorgen. Auch neue ökonomische Rahmenbedingungen in den USA sowie die geplanten fiskalischen Maßnahmen in Europa dürften den positiven Konjunkturtrend und damit die Aktienmärkte stützen.

        In Anbetracht dieser Entwicklungen sollten sich die durch die Kontakt- und  Ausgangsbeschränkungen während der Coronavirus-Krise besonders unter Druck geratenen zyklischen Sektoren überproportional gut entwickeln. Zwar sind die langfristigen Aussichten für klassische „Growth“-Werte, etwa aus dem Techsektor, nach wie vor intakt, allerdings sind die Bewertungen hier zuletzt stark gestiegen. Im Hinblick auf diesen wahrscheinlichen Favoritenwechsel an den Aktienmärktenkönnte n sich zusätzliche Investmentmöglichkeiten bieten. Insgesamt erscheint vor diesem Hintergrund ein ausgewogenes Aktienportfolio sinnvoll, etwa eine Mischung von taktischen „Value“-Investments, also günstigen zyklischen Titeln, und strukturell starken Wachstumsaktien, zum Beispiel aus dem Technologiesektor.

        Noch gibt es keinen globalen Standard zur Bewertung nachhaltiger Kapitalanlagen. Wer nachhaltig investieren will, sollte sich daher die Anlagekriterien einer Geldanlage, etwa eines Fonds, genau ansehen. Auch ein ESG-Label kann Orientierung bieten. Des Weiteren können Anleger auf Investments setzen, die die „Sustainable Development Goals“ berücksichtigen. Dahinter verbergen sich die 17 Ziele für nachhaltige Entwicklung der Vereinten Nationen.

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