Konjunktur: weltweites Wachstum in Zeiten der Corona-Pandemie

Auch das Jahr 2021 wird im Zeichen des Coronavirus stehen. Die Einsatzbereitschaft hocheffizienter Impfstoffe nährt allerdings die Hoffnung auf eine deutliche Konjunkturerholung weltweit. Zu dieser könnte auch der erwartete moderatere Politikstil der neuen US-Regierung beitragen.

Die wichtigsten Fakten:

  • Starkes weltweites Konjunkturwachstum erwartet
  • Politische Unsicherheiten nehmen ab
    • Coronavirus-Pandemie bleibt Hauptrisikofaktor
      • Deutschland profitiert von starkem Industriesektor
      Rohstoffe

      Corona, Corona, Corona. Trotz Brexit und US-Präsidentschaftswahl: Das alles beherrschende Thema war 2020 die Coronavirus-Pandemie mit ihren globalen Auswirkungen auf Gesellschaft, Politik und Wirtschaft. Ökonomisch sorgten die zur Eindämmung der Neuinfektionsraten politisch angeordneten Lockdowns für dramatische Konjunktureinbrüche. Während China, als das von der Pandemie zuerst betroffene Land, vor allem in den ersten Monaten des Jahres seine Wirtschaft herunterfuhr, traf die Krise Europa und die USA im zweiten Quartal mit voller Härte.

      Doch fast so schnell, wie die Wirtschaftsleistung rund um den Globus eingebrochen war, erholte sie sich im Zuge gelockerter Corona-Maßnahmen auch wieder. Beispiel Deutschland: Nachdem das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im zweiten Quartal um rund 10 Prozent im Vergleich zum Vorquartal gesunken war, legte es im dritten Quartal um mehr als 8 Prozent zu. Maßgebliche Treiber dabei waren die Industrieproduktion sowie die Einzelhandelsumsätze, die sogar auf Vorkrisenniveau kletterten. Das zeigt deutlich, dass die Wachstumsverluste nicht Ausdruck einer strukturbedingten Krise sind, sondern zum allergrößten Teil die kurzfristigen Folgen gesundheitspolitischer Entscheidungen zum Schutz der Bevölkerung.

      Eine weitere Besonderheit der aktuellen Krise ist die Tatsache, dass der Hauptleidtragende der Dienstleistungssektor ist und nicht wie sonst üblich die Industrie. Der Grund: Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen betreffen vor allem Bereiche wie Verkehr, Tourismus, Kultur und Gastronomie, während das Verarbeitende Gewerbe unter  Einschränkungen weiter produzieren kann. Länder mit einem starken Industriesektor wie Deutschland oder Japan könnten dadurch insgesamt etwas schneller aus der Krise herauskommen als dienstleistungslastigere Ökonomien wie Spanien oder Großbritannien.

      "Deutschland: BIP legte im 3. Quartal wieder um 8 Prozent zu."


      Positiver Konjunkturtrend mit zwischenzeitlichen Rücksetzern

      Wann die einzelnen Volkswirtschaften mit ihrer Wirtschaftsleistung wieder ihr jeweiliges Vorkrisenniveau erreichen werden, hängt maßgeblich vom weiteren Verlauf der Coronavirus-Pandemie ab. Die vielversprechenden Nachrichten über den baldigen flächendeckenden Einsatz hocheffizienter Impfstoffe machen Hoffnung – dennoch muss auch 2021 mit zwischenzeitlichen Rücksetzern gerechnet werden. In China und anderen Teilen Asiens wurden die Prä-Corona-Niveaus schon 2020 wieder erreicht. Für die Weltkonjunktur rechnet die Deutsche Bank damit im zweiten Quartal 2021. In Deutschland und den USA könnte es im dritten Quartal so weit sein, in der Eurozone gegen Jahresende.

      Für die Normalisierung des Wirtschaftslebens insgesamt bedarf es eines umfassenden und nachhaltigen Schutzes der Bevölkerung vor Neuinfektionen. Eine Herdenimmunität wird beispielsweise in den USA und Europa im Sommer 2021 erwartet. Daran anschließen dürfte sich ein längerer Anpassungsprozess, der bis 2022 andauern könnte. Welche strukturellen Veränderungen es dabei geben wird, bleibt abzuwarten – etwa ob sich der Tourismus und der Flugverkehr, wie von einigen Ökonomen angenommen, tatsächlich langfristig auf geringerem Niveau einpendeln werden. Schon heute scheint sicher, dass einige Trends von der Pandemie beschleunigt werden. Dazu gehören allen voran die Digitalisierung und Automatisierung unserer Lebens- und Arbeitswelt.


      Deutschland wächst stark, Europa noch stärker

      Für Deutschland erwartet die Deutsche Bank 2021 das stärkste Wirtschaftswachstum seit der Wiedervereinigung: Ein Plus von 4 Prozent bis 5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr scheint möglich. Dabei sollte die eigentliche Erholung nach einem noch etwas schwächeren ersten Quartal im weiteren Jahresverlauf beschleunigt einsetzen.

      Haupttreiber dieser Entwicklung dürften eine starke Industrieproduktion und ein anziehender Export sein. Der Markit-Einkaufsmanagerindex, ein wichtiger Indikator für die wirtschaftliche Entwicklung in Deutschland, lag Ende November für das Verarbeitende Gewerbe bei 57,8 Punkten und damit sowohl deutlich über der Wachstumsschwelle von 50 Punkten als auch über dem Indexwert von 46 Punkten für den Dienstleistungssektor. Grund für die positiven Aussichten ist vor allem die dynamische Konjunkturerholung in Asien: Allein China steht für mehr als 7 Prozent aller deutschen Exporte und ist damit gleich hinter den USA und Frankreich einer der wichtigsten Absatzmärkte. Das gilt in besonders hohem Maße für deutsche Schlüsselbranchen wie dem Automobil- und dem Maschinenbausektor, die zusammengenommen für fast die Hälfte des gesamten Ausfuhrvolumens nach China stehen. 

      Weitgehend parallel zu der Entwicklung in Deutschland verlief in den vergangenen Monaten die Konjunkturkurve in der Eurozone. Mit einem wesentlichen Unterschied: Teilweise striktere Corona-Beschränkungen, weniger umfangreiche fiskalische Hilfsprogramme und ein höherer Anteil des Dienstleistungssektors an der Gesamtwirtschaftsleistung ließen das Wachstum regional noch stärker einbrechen als hierzulande. Für 2021 rechnet die Deutsche Bank daher in den von der Pandemie besonders betroffenen Ländern wie Frankreich oder Italien mit
      einer Wachstumserholung, die noch stärker ausfallen könnte als in Deutschland. Für die Eurozone wird insgesamt eine BIP-Steigerung von mehr als 5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr erwartet.

      Dabei hat der zuletzt von einem Veto aus Ungarn und Polen vorerst ausgebremste EU-Wiederaufbaufonds durch die erwartete baldige Marktreife eines COVID-19-Impfstoffes etwas an Bedeutung verloren. Zumal erste Tranchen des 750-Milliarden-Euro-Pakets selbst bei einer zeitnahen Verabschiedung frühestens im dritten Quartal 2021 zur  Auszahlung kämen – und dann erst mit einer deutlichen zeitlichen Verzögerung einen zusätzlichen Konjunkturimpuls auslösen würden. Trotzdem bleiben die Gelder wichtig, etwa zur Unterstützung einer auch strukturellen Erholung in Ländern wie Italien oder Spanien. 

      "7% der deutschen Exporte gehen nach China"

      Ganz vergessen sollte man auch den Brexit nicht. Die Auswirkungen auf die Wirtschaft der Eurozone sollten sich jedoch in Grenzen halten, da viele Unternehmen sich bereits weitestgehend auf die möglichen Szenarien eingestellt haben dürften. Für die stark dienstleistungsgetriebene Wirtschaft Großbritanniens könnte ein einsatzbereiter  COVID-19-Impfstoff die negativen Folgen des EU-Austritts zunächst überlagern.

      "Ganz vergessen sollte man auch den Brexit nicht."


      USA: neue Regierung, neue Möglichkeiten

      Auch beim Blick auf die USA wird deutlich, dass es neben der Coronavirus-Pandemie noch andere wichtige Themen für die Märkte gibt. Denn dort hat der Ausgang der Präsidentschafts- und Kongresswahlen Anfang November die Karten neu gemischt – mit Auswirkungen auf die wirtschaftliche und politische Entwicklung nicht nur im Land selbst. Mit einem voraussichtlich weiterhin republikanisch dominierten Senat dürfte es dem designierten demokratischen Präsidenten Joe Biden kaum möglich sein, seine geplanten transformativen Programme wie die Rücknahme der Trump‘schen Steuerreformen, den „Green New Deal“ oder die Verschärfung der Regulatorik vollumfänglich und zeitnah umzusetzen. Das sorgt für weniger ökonomische Verunsicherung und lässt viele US-Unternehmen zunächst aufatmen. Gleichzeitig dürfte das geplante 2,8 Billionen US-Dollar schwere Fiskalprogramm der Demokraten mit einem „divided government“ aber auch deutlich kleiner ausfallen – eine Kompromisslösung könnte ein Volumen von um die 1 Billion US-Dollar haben.  

      Nachdem die Konjunktur in den USA im Jahr 2020 nicht so stark eingebrochen ist wie in Europa, dürfte auch die Erholung leicht schwächer ausfallen: Die Deutsche Bank rechnet für 2021 mit einem Plus von rund 4 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Weitere Wachstumsimpulse könnte die während der Coronavirus-Krise nach oben geschnellte Sparquote privater US-Haushalte geben – vorausgesetzt, die unter anderem durch Einkommenshilfen angewachsenen Ersparnisse in Höhe von rund 1 Billion US-Dollar fließen im Jahresverlauf in den Konsum. Ebenfalls wachstumsfördernd sollte sich auswirken, dass sich viele US-Unternehmen zuletzt mit Warenankäufen zurückgehalten hatten und daher in den kommenden Monaten ihre Lagerbestände wieder auffüllen dürften.

      Außen- und wirtschaftspolitisch dürften die USA unter Präsident Joe Biden, einer wahrscheinlichen Finanzministerin Janet Yellen und dem möglichen Außenminister Antony Blinken wieder berechenbarer werden. Yellen beispielsweise hat in der Vergangenheit immer wieder Strafzölle abgelehnt. Das heißt jedoch nicht, dass die US-Politik, etwa gegenüber China, an Härte verlieren dürfte. Der Ton sollte aber konzilianter werden und die Chance, auf globale Herausforderungen gemeinsame Antworten zu finden, steigen. Das unterstreicht nicht zuletzt die Nominierung des ehemaligen Außenministers John Kerry zum Klimaschutzbeauftragten der neuen US-Regierung: Die von Biden angekündigte Rückkehr der USA zum Pariser Klimaabkommen als eine seiner ersten Amtshandlungen wird dadurch immer wahrscheinlicher. Insgesamt sind dies positive Signale für die Welt und allen voran für global stark vernetzte Volkswirtschaften wie Deutschland, die besonders sensibel auf Störungen der internationalen Zusammenarbeit reagieren.


      Asiens Schwellenländer: mit Vorsprung aus der Krise

      China läuft dem Rest der Welt voraus – das gilt ganz konkret auch in Sachen Coronavirus. Als erstes Land von der Epidemie betroffen, hat es auch als erstes aus der Krise gefunden. Als einzige bedeutende Volkswirtschaft verzeichnet das Reich der Mitte 2020 ein positives Wachstum. Die Deutsche Bank rechnet mit 2,2 Prozent. 2021, im Jahr des hundertsten Jahrestags der Gründung der Kommunistischen Partei Chinas, könnten es dann sogar mehr als 8 Prozent werden. Auch langfristig bleiben die Aussichten gut: Die Regierung verfolgt ihr Ziel, bis 2049 die bedeutendste Volkswirtschaft der Welt zu werden, konsequent weiter. Dafür setzt sie vermehrt auf qualitatives statt auf rein quantitatives Wachstum: Mittlerweile werden sogar Konkurse nicht profitabler Unternehmen von der Regierung bewusst zugelassen. Entscheidend für das Erreichen seiner Wachstumsziele ist für China der Freihandel – was durch den Abschluss von RCEP, dem größten Freihandelsabkommen der Welt mit 14 weiteren asiatisch-pazifischen Staaten, Mitte November untermauert wurde.

      Generell sind auch die anderen Schwellenländer Asiens besser durch die Pandemie gekommen als die  Industrieländer und weisen für 2021 hohe Wachstumspotenziale auf. Eines der größten Risiken für die wirtschaftliche Erholung nicht nur in Asien, sondern weltweit bleibt ein mögliches Wiederaufflammen der Coronavirus-Pandemie – inklusive der Herausforderungen in Bezug auf die Herstellung, Distribution und Verabreichung von Impfstoffen. Hinzu kommt gegen Jahresende die Gefahr, dass die Regierungen ihre Unterstützungsprogramme zu früh zurückfahren könnten.


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