Der Anstieg der Corona-Infektionen in Europa verunsicherte zuletzt die Anleger an den Aktienmärkten. Vielerorts werden Kontaktbeschränkungen wieder verschärft, Städte und Metropolregionen zu Risikogebieten erklärt. Obwohl die Arbeitslosenquote im September abermals sank, belasteten in den USA die Verhandlungen über das nächste Fiskalpaket „CARES 2“ nicht nur die US-Börsen. Zuletzt hat US-Präsident Donald Trump die Gespräche zwischen Demokraten und Republikanern gestoppt.

Mögliche Favoriten

Eine Einigung könnte dazu beitragen, dass sich jüngste Konjunktursorgen verflüchtigen – und als Initialzündung einen Favoritenwechsel an den Börsen auslösen. Anleger dürften dann verstärkt zu konjunktursensitiven Titeln greifen. Auch Anzeichen auf einen wirksamen Impfstoff gegen COVID-19 könnten die Sektorrotation auslösen. Besonders interessant wären nach Einschätzung der Deutschen Bank die Sektoren Automobile, Industrie, Minen und Finanzen. Firmen aus diesen Bereichen leiden stark unter der Corona-Krise und ihre Aktien werden derzeit mit erheblichen Abschlägen zum Gesamtmarkt gehandelt.

Gesamtertrag ausgewählter Sektoren des EuroStoxx 600

Quelle: Bloomberg L.P.; Stand: 30.09.2020 Wertentwicklungen der Vergangenheit sind kein verlässlicher Indikator für künftige Wertentwicklungen

Eine Erholung der Automobilindustrie verbessert auch die Aussichten für Hersteller von Halbleitern und Elektrozellen. Im 2. Quartal haben die Halbleiterproduzenten im Automobilsektor einen Umsatzeinbruch von 30 Prozent erlitten. Inzwischen hat sich die Auftragslage spürbar erholt. Der Grund: staatliche Kaufanreize und neue, erschwinglichere Elektrofahrzeuge. So stieg der Anteil von E-Autos an der europäischen Flotte im August auf 5 Prozent. Die Halbleiterzulieferer profitieren zudem vom steigenden Chipbedarf für Fahrerassistenzsysteme in allen Fahrzeugen. Der Absatz könnte noch deutlich höher sein, die Lieferzeit beträgt mitunter ein Jahr oder länger. Ein Engpassfaktor sind Batterien: Der Bedarf soll laut dem World Economic Forum von 184 GWh 2018 auf rund 2.500 GWh im Jahr 2030 steigen. Gute Nachrichten für die Branche, die vor allem in Südkorea stark vertreten ist.

Hohe Abhängigkeit

Indes könnte der Handelskonflikt zwischen den USA und China eine neue Eskalationsstufe erreichen. Die US-Regierung hat nach dem Telekommunikationsausrüster Huawei einen weiteren Technologiegiganten aus China mit Handelsbeschränkungen belegt: Lieferanten bestimmter Güter für die Semiconductor Manufacturing International Corporation (SMIC) müssen künftig individuelle Exportgenehmigungen beantragen.

Im Halbleiterbereich ist China stark abhängig von den USA. Zwar verfügt das Reich der Mitte über umfangreiche Montagekapazitäten. Chinesische Firmen arbeiten in den Bereichen Fertigungstechnologie und Chip-Design aber noch nicht auf internationalem Topniveau. Nach wie vor importieren sie in großem Stil Vorprodukte für die Fertigung ihrer Chips aus den USA. Noch größer ist die Abhängigkeit bei kompletten Chips. US-Firmen liefern rund 99 Prozent der in China verbauten Prozessoren. Das Importvolumen bei Halbleiterteilen betrug 2019 100 Milliarden US-Dollar. Branchenexperten gehen davon aus, dass China auf dem Weg zur technologischen Unabhängigkeit mindestens noch 5 bis 10 Jahre auf US-Technologie angewiesen sein wird.

Nach Spionagevorwürfen in den USA drohen den chinesischen Netzwerkausrüstern auch Beschränkungen in Europa. Dort nimmt der Ausbau der 5G-Netze Fahrt auf. Geschätztes Investitionsvolumen: über 100 Milliarden Euro. China hat mehr als 40 Prozent Marktanteil im europäischen Telekomausrüstungsgeschäft. Hier könnten sich neue Chancen für die Konkurrenz aus Skandinavien, Südkorea oder Japan ergeben.

Aktuelle Marktkommentare erhalten Sie im täglichen Newsletter „PERSPEKTIVEN am Morgen“.

Redaktionsschluss: 08.10.2020