Die Erholung an den globalen Aktienmärkten hat sich auch im August fast ungebrochen fortgesetzt – allen voran in den USA. Trotz eines dramatischen Konjunktureinbruchs im zweiten Quartal 2020, Rekordarbeitslosigkeit und über längere Zeit bedrohlich steigender COVID-19-Infektionen peilen die US-Börsen inzwischen alte Höchststände an oder haben bereits neue Rekordmarken gesetzt: Der marktbreite Leitindex S&P 500 notierte im August ebenso auf Allzeithoch wie das Tech-Barometer Nasdaq. Am Aktienmarkt wird die Zukunft gehandelt – und die Investoren erwarten, dass der konjunkturelle Aufschwung intakt bleibt. 

Dominierende Techs

Die Rally der US-Aktien ist allerdings erklärungsbedürftiger, als es auf den ersten Blick erscheint. So repräsentiert der S&P 500 die Volkswirtschaft der USA in ihrer Breite nur unzureichend. Der Leitindex wird von wenigen großen Unternehmen aus den Sektoren Technologie und Gesundheit dominiert. Von Kursgewinnen auf breiter Basis kann also bislang nicht die Rede sein. Auch wenn insbesondere die Tech-Aktien zuletzt einen Dämpfer erlitten haben: Es sind vor allem sie und die Wachstumswerte (Growth), die bislang zuverlässig eine bessere Performance abliefern als unterbewertete Substanztitel (Value). Das könnte auch damit zu tun haben, dass die Unternehmen mit deutlich weniger Personal und digitaler unterwegs sind als die „Old Economy“. Seit Jahresbeginn haben sich Aktien dieser Unternehmen um 40 Prozent besser entwickelt als die von Firmen mit einem hohen Mitarbeiterstand im Vergleich zum Unternehmenswert. So beschäftigen die fünf Unternehmen mit der größten Marktkapitalisierung aktuell nur 5 Prozent aller Mitarbeiter der S&P 500-Indexmitglieder. Wer seine Mitarbeiter mobil oder im Homeoffice arbeiten lassen kann und eine schlanke Personaldecke aufweist, ist nicht nur in Zeiten von Corona klar im Vorteil. Die höhere Rentabilität im Vergleich zu personalintensiven Unternehmen ist eine Stärke, die auch dann noch zählt, wenn Anleger der „Old Economy“ wieder eine größere Aufmerksamkeit schenken. 

Den betroffenen Unternehmen ist die Problematik durchaus bewusst. So haben in der deutschen Investitionsgüterindustrie einige Player in den vergangenen Monaten Restrukturierungen angekündigt oder bereits auf den Weg gebracht. Einsparungen bei den Kosten durch die Verlängerung des Kurzarbeitergeldes verbessern nicht nur die Margen, sondern verschaffen auch die erforderliche Beinfreiheit für den angekündigten Umbau.

Immerhin: In der aktuellen Krise könnte der europäische Investitionsgütersektor das Gröbste hinter sich haben. Seit Juni gibt es Anzeichen einer deutlichen Erholung. Und auch die abgelaufene Berichtssaison für das zweite Quartal ist besser verlaufen als befürchtet. Die meisten Unternehmen konnten die Gewinnerwartungen der Analysten schlagen. Dazu haben aber offenbar auf der Kostenseite zeitlich begrenzte Einspareffekte im Zusammenhang mit COVID-19 (geringere Reisekosten, Kurzarbeitergeld) beigetragen. 

Mögliches Wachstum

Die Entwicklung in den Sektoren Flugzeugbau, Öl & Gas, Schiffbau und Bergbau hinkt dem Gesamtmarkt hinterher. Dagegen präsentieren sich Versorger, Technologiekonzerne und Konsumgüterhersteller recht stabil. Zumindest Auto- und Lkw-Bauer verzeichnen seit Juni eine vorsichtige Erholung. Mobilitätsdaten signalisieren eine Rückkehr zur Normalität. Die Lkw-Bewegungen in Deutschland haben fast ihr Vorkrisenniveau erreicht. Gute Perspektiven weisen Firmen auf, die von nachhaltigen Trends profitieren. „Grün“ und „digital“ versprechen langfristig Wachstum. Beispiele sind im Bereich der Kapitalgüterindustrie Erneuerbare Energien, Telekommunikationsnetze (5G), E-Mobilität oder Produktions- und Lagerhausautomatisierung.

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Redaktionsschluss: 10.09.2020