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Die Politik hat in einem rezessiven Umfeld grundsätzlich ein Interesse an einer geringen Sparneigung, um Konsum und Wachstum anzukurbeln. Fiskalprogramme stoßen hier schnell an ihre Grenzen. So hat das „Helikopter-Geld“ der US-Regierung, das den Konsum stimulieren sollte, im privaten Sektor zunächst zu einem Anstieg der Sparquote geführt. 1.200 US-Dollar hat jeder US-Bürger mit einem steuerpflichtigen Jahreseinkommen von unter 75.000 US-Dollar erhalten, Verheiratete bekamen das Doppelte. Empirische Untersuchungen zeigen, dass die Privathaushalte nach zwei Wochen rund die Hälfte des Geldes ausgegeben, den Rest aber zunächst auf die hohe Kante gelegt hatten.

Schon zu Beginn der Pandemie hatte sich gezeigt, dass eine zunehmende Arbeitsplatz- und Einkommensunsicherheit die Sparquote in den USA nach oben treibt. Im April markierte sie mit 33 Prozent einen neuen Höchststand – und schwächte die Wirksamkeit fiskalpolitischer Maßnahmen ab.

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Um Sparen für die Bürger unattraktiv zu machen, hat daher eine expansive Geldpolitik die größere Durchschlagskraft. Sie dämpft bei Bedarf die Sparneigung über eine Senkung des Zinsniveaus. Das beeinflusst außerdem die Vermögensstruktur. Indem die Notenbank die Zinsen nach unten treibt, stärkt sie den Anreiz, in Anlageformen mit höherem Risiko zu investieren. Steigende Assetpreise bewirken Vermögenszuwächse, die letztendlich zu mehr Konsum und Wachstum führen. Gleichzeitig erhöht sich der Anreiz zu investieren. Unternehmen bekommen mehr Spielraum für Lohnerhöhungen, das Potenzialwachstum der Volkswirtschaft steigt.

Nach Einschätzung der Deutschen Bank ermöglicht das aktuelle Realzinsniveau – also Nominalzinsen minus Inflation – die gewünschten Effekte. In den vergangenen Monaten war am US-Aktienmarkt immer dann ein Ende der Kursanstiege zu beobachten, wenn die Rendite 30-jähriger Papiere abzüglich Inflation in den positiven Bereich gestiegen ist. Dies scheint eine Art Obergrenze darzustellen. Gut möglich auch, dass US-Pensionsfonds ab diesem Renditeniveau damit beginnen, Risiko-Assets in risikoarme festverzinsliche Wertpapiere umzuschichten. Einen weiteren Anstieg des Realzinsniveaus über die Nulllinie dürfte die US-Notenbank Fed wegen der damit verbundenen negativen gesamtwirtschaftlichen Effekte aktuell verhindern.

Höhere Verschuldung

Das schnelle Handeln der Fed in der Coronavirus-Krise und die Aussicht auf langjährig günstige Konditionen am Anleihemarkt sowie bei Bankkrediten macht es wahrscheinlicher, dass sich die deutlich gestiegene Verschuldung der US-Unternehmen nicht zu einer Konjunkturbremse entwickelt. Bei starken Wirtschaftseinbrüchen baut der Sektor üblicherweise Bilanzrisiken (Deleveraging) ab. Das liegt daran, dass sich in der Regel die finanziellen Rahmenbedingungen verschlechtern, das Kreditangebot schrumpft oder aufgrund von Investitionsverschiebungen auch die Kreditnachfrage sinkt. Während die Verschuldung im öffentlichen Sektor steigt, kann die Gesamtverschuldung in einer Volkswirtschaft in einem Abschwung deshalb sogar zurückgehen.

Dieses Muster trifft auf die aktuelle Krise nicht zu. Die Gesamtverschuldung in den USA ist im 1. Quartal 2020 auf 342 Prozent des BIP angestiegen: plus 15 Prozentpunkte. Bemerkenswert ist, dass sich auch die Verschuldung der Unternehmen außerhalb des Finanzsektors (Non-Financials) substanziell auf 78 Prozent des BIP erhöht hat (+4 Prozentpunkte). Dabei war die Verschuldung des Sektors bereits vor Ausbruch der Pandemie im historischen Vergleich recht hoch.

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Redaktionsschluss: 09.07.2020