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Auf den Schock folgte die Rally – und die bleibt vorerst intakt: Die globalen Aktienmärkte haben sich von ihren Jahrestiefständen Mitte März kräftig erholt. So verzeichnete der marktbreite US-Leitindex S&P 500 im 2. Quartal ein Plus in Euro von mehr als 20 Prozent. Besonders bemerkenswert an der Entwicklung ist, dass die Positionierung institutioneller Anleger vergleichsweise gering ausfällt. Ihre Cash-Bestände sind seit Anfang März um 1,2 Billionen auf rund 5 Billionen US-Dollar gestiegen. Stattdessen sind offenbar Kleinanleger in der Coronavirus-Krise an die Märkte zurückgekehrt. Indiz: Die Anzahl privater Depots mit US-Aktieninvestments hat sich in den vergangenen vier Monaten verdoppelt.

Hohe Gewichtung

Zu den Risiken gehört eine mögliche zweite Pandemie-Welle – die allerdings Wirtschaft und Aktienmärkte weniger stark treffen könnte als der Ausbruch der Corona-Krise. Der Anteil schwer Erkrankter ist vor allem in den USA gesunken, weil es Fortschritte in der medikamentösen Behandlung der Infektion gibt. Die Mehrheit der Bevölkerung befolgt inzwischen freiwillig Abstands- und Hygieneregeln – im Ernstfall bleibt ein Infektionsausbruch leichter regional begrenzbar.

Außerdem laufen fast überall umfassende geld- und fiskalpolitische Hilfen auf Hochtouren. Sie federn die ökonomischen Folgen der Krise ab und stimmen Anleger optimistisch – obwohl absehbar ist, dass ein wichtiger Performancetreiber vorerst ausfällt: Aktienrückkäufe. Die Programme verknappen die im Umlauf befindlichen Aktien und sind gerade in den USA ein wichtiges Instrument der Kurspflege. Sie steigern den Gewinn je Aktie und erhöhen die Dividendenrendite.

Zwischen 2011 und 2019 sank die Zahl der Aktien allein im S&P 500 um 25 Milliarden Stück. Nun aber ist das Volumen der Aktienrückkäufe in den USA regelrecht eingebrochen und dürfte sich nach Einschätzung der Deutschen Bank 2020 im Vergleich zum Vorjahr auf rund 370 Milliarden US-Dollar halbieren. Gleichzeitig versorgen sich börsennotierte Unternehmen im Zuge der Corona-Krise mit Liquidität am Anleihe-, aber auch am Aktienmarkt: Im Mai kletterte das Aktienemissionsvolumen (ohne Börsengänge) auf den Rekordstand von 60 Milliarden US-Dollar.

Langfristiger Trend

Die jüngste Outperformance europäischer Aktien könnte noch etwas anhalten. In der Vergangenheit hat sich der Stoxx 600 immer dann besonders gut entwickelt, wenn sich die Konjunkturaussichten aufhellen. Derzeit ist das der Fall, Europa kommt schneller aus der Pandemie zurück als die USA. Zusätzlichen Schub könnten europäische Aktien erhalten, wenn es rasch gelänge, den erforderlichen EU-Wiederaufbaupakt unter Dach und Fach zu bringen.

Anleger haben im 2. Quartal allen voran auf Halbleiteraktien gesetzt. Mit einem Kursplus von knapp 30 Prozent führt der Sektor klar den europäischen Gesamtmarkt an. Für die Unternehmen spricht ein geringer Verschuldungsgrad. Die Gewinnrevisionen sind zwar immer noch leicht negativ, können sich aber im Sektorvergleich absolut sehen lassen. Die Kaufempfehlungen der Analysten für die beliebten Qualitätszykliker übertreffen die Verkaufsempfehlungen deutlich. Im MSCI Europe weist nur der Bausektor einen höheren Saldo aus. Im historischen Vergleich sind Halbleiterwerte nach den Sektoren Chemie, Einzelhandel und Transport allerdings auch am höchsten bewertet.

Wer nach unterbewerteten Qualitätstiteln sucht, könnte bei Versicherern fündig werden, die außerdem von den zuletzt steigenden Kursen südeuropäischer Staatsanleihen profitieren. Auf der Jagd nach Rendite hat die Branche dort stark investiert. Anleger sollten aber mögliche Gewinnrevisionen im Blick behalten.

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Redaktionsschluss: 09.07.2020