In den Industriestaaten mehren sich die Anzeichen, dass sich die konjunkturelle Erholung verstetigt. Doch der Aufschwung ist fragil und eine mögliche zweite Corona-Infektionswelle könnte die Krise rasch wieder verschärfen. Führende Notenbanken haben bereits erklärt, ihre expansive Geldpolitik auf Jahre beizubehalten – und falls nötig auszuweiten. In diesem Zusammenhang ist eine Diskussion über negative Leitzinsen entbrannt.

Während die Notenbanker in den USA, Kanada und Australien diesem Gedankenspiel eine klare Absage erteilt haben, steht das Führungspersonal der Bank of England und der Reserve Bank of New Zealand der Option deutlich offener gegenüber. An den Märkten wird diese Möglichkeit nun zunehmend eingepreist. Die Renditekurve britischer Staatsanleihen ist bereits bis zu einer Laufzeit von bis zu 5 Jahren negativ. Neuseeländische Staatsanleihen rentieren bis zu 7 Jahren Laufzeit bei 0,3 Prozent oder niedriger. 

Begrenzte Wirkung

Die Deutsche Bank beurteilt für die beiden Länder mögliche negative Leitzinsen unterschiedlich. So haben die Geschäftsbanken in Neuseeland die bisherigen Zinssenkungen nicht vollständig weitergegeben, die Inflationserwartungen sind gering und der Kiwi-Dollar hat Spielraum, über negative Leitzinssätze abzuwerten. Etwas anders sieht die Lage in Großbritannien aus: Dort entwickeln sich Kreditwachstum und Inflation bereits robust. Das britische Pfund hat gegenüber dem US-Dollar kräftig abgewertet – die Wirksamkeit weiterer Leitzinssenkungen dürfte daher sehr begrenzt sein.

Das gilt sicherlich auch für die USA. Der US-Dollar hat bereits deutlich abgewertet, das Kreditwachstum ist stark. Außerdem akzeptiert die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) nun auch über einen längeren Zeitraum Inflationsraten über 2 Prozent. Während die Fed also die kurzfristigen Zinsen weiterhin bei null hält, hat die Rendite 10-jähriger US-Staatsanleihen bereits reagiert und lag Ende August über 0,7 Prozent. Die Differenz zu Papieren mit 30 Jahren Laufzeit ist auf 0,8 Prozent-Punkte gestiegen – rund 50 Basispunkte über dem langjährigen Durchschnitt. 

Der sprunghafte Renditeanstieg Ende August dürfte viele Anleger unvorbereitet getroffen haben. Allerdings ist nicht zu erwarten, dass sich diese Entwicklung fortsetzt – noch ist dafür die Konjunkturdynamik zu gering und die Sorge vor steigenden Corona-Neuinfektionen in den USA zu groß. Auch deshalb dürften sich die 10-jährigen US-Renditen nach wie vor nur um rund 20 Basispunkte von ihrem Rezessionstief entfernt haben.

Neue Papiere

Im Segment für Unternehmensanleihen hat das Angebot neuer Papiere massiv zugelegt: So lag das Emissionsvolumen von Hochzinsanleihen (High-Yield, HY) Ende August um 50 Prozent über dem des Vorjahreszeitraums. In kleinerem Maßstab verzeichnet der europäische Rentenmarkt eine vergleichbare Entwicklung. Nach Einschätzung der Deutschen Bank könnte sich die hohe Emissionstätigkeit fortsetzen. Die Befürchtung, dass eine zweite Infektionswelle schlechtere Refinanzierungsbedingungen nach sich zieht, ist groß. 

Eine Reihe von Unternehmen diesseits und jenseits des Atlantiks dürfte deshalb geplante Emissionen vorziehen. Allerdings zeichnet sich bereits eine Abschwächung der Nachfrage ab. US-Fonds, die in Papiere mit guter und sehr guter Bonität investieren (Investment Grade), melden rückläufige Kapitalzuflüsse, europäische Pendants sogar Kapitalabflüsse. Gleichzeitig nahm die Fed zuletzt deutlich weniger Anleihen in ihre Bilanz. Das Ankaufvolumen betrug im Juli nur noch knapp 2,5 Milliarden US-Dollar, in den 6 Wochen davor waren es noch 7,5 Milliarden US-Dollar.

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Redaktionsschluss: 10.09.2020