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Die Corona-Krise hat eine erhebliche Lockerung der globalen Geldpolitik ausgelöst, die sich bis heute fortsetzt. Auch in den USA führte im Frühjahr der massive Ankauf von Staatsanleihen durch die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) zu einem kräftigen Kursanstieg und damit zu entsprechend sinkenden Renditen. Auf den ersten Blick überrascht es allerdings, dass die enorme Erhöhung der Staatsausgaben zur Bekämpfung der ökonomischen Folgen der Pandemie in den vergangenen Monaten die laufende Verzinsung nicht wieder nach oben getrieben hat. Seit Ende März bewegen sich die US-Renditen seitwärts.

Eine Erklärung hierfür ist der Anstieg der privaten Sparquote. Die Ersparnisse des privaten Sektors haben ausgereicht, um die Neuverschuldung des öffentlichen Sektors von 23 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) im ersten Halbjahr fast vollständig zu finanzieren. Gleichzeitig setzten sich die Kapitalzuflüsse von Kreditgebern wie der Fed oder ausländischen Investoren fort.

Lockere Konditionen

Der Anstieg des privaten Sparvolumens hat auch Auswirkungen auf das Fiskalpaket, um dessen Höhe und Ausgestaltung sich die Demokraten und Republikaner seit Monaten streiten. Dabei rücken Verteilungsfragen verstärkt in den Fokus. Das Konjunkturpaket sollte so geschnürt sein, dass die Einkommen derjenigen gestärkt werden, die eine geringere marginale Sparneigung aufweisen, damit der fiskalische Stimulus den US-Konsum und damit das Wachstum ankurbelt.

Solange der mögliche Renditeanstieg kontrolliert und moderat erfolgt, dürfte sich auch die US-Notenbank dem nicht entgegenstellen. Für diese Einschätzung spricht die Entwicklung der vergangenen Monate. Seit Juli kletterte die Renditedifferenz zwischen US-Staatspapieren mit 10- und 30-jähriger Laufzeit auf knapp 80 Basispunkte, ohne dass die Fed eingegriffen hat. Das war auch nicht erforderlich, weil insbesondere die Renditen der Papiere mit extrem langen Laufzeiten, die sich kaum auf die Kreditzinsen für Verbraucher und Unternehmen auswirken, den Trend bestimmt haben. Da zeitgleich der marktbreite US-Aktienindex S&P 500 neue Höchststände verzeichnete, blieben die Finanzmarktkonditionen insgesamt locker.

Renditedifferenz zwischen 10- und 30-jährigen US-Staatsanleihen

Quelle: Bloomberg L.P.; Stand: 10.11.2020 Wertentwicklungen der Vergangenheit und Prognosen sind kein verlässlicher Indikator für künftige Wertentwicklungen

Nach Einschätzung der Deutschen Bank könnten die Währungshüter in den USA eine steilere Renditekurve auch künftig tolerieren, wenn ein durch die langen Laufzeiten verursachter Anstieg der Renditedifferenz um 10 Basispunkte mit einem Kursanstieg am Aktienmarkt um etwa 0,7 Prozent korrespondiert. Außerdem darf die Fed nur 70 Prozent des ausstehenden Volumens von US-Staatsanleihen jeder Laufzeit halten. Dies spricht dafür, dass sich die Fed mit Ankäufen künftig etwas zurückhält, denn bei Papieren mit 10 oder mehr Jahren Laufzeit rückt dieser Grenzwert immer näher.

Starke Nachfrage

In der Eurozone sind Renditen und Risikoaufschläge von Staatsanleihen ebenfalls abgetaucht. Bei italienischen Papieren haben die Spreads zuletzt mit einem Rückgang auf 1,25 Prozent ein 2-Jahrestief markiert. Die laufende Verzinsung 10-jähriger Anleihen sank im Verlauf des Oktobers auf ein Allzeittief von 0,7 Prozent. Zu dieser Entwicklung haben vergleichsweise gute Konjunkturdaten beigetragen, die auf eine Erholung der drittgrößten Volkswirtschaft der Eurozone im dritten Quartal hingedeutet hatten. In ihrer Jagd auf Rendite haben Anleger verstärkt auf italienische Staatsanleihen gesetzt, deren Kurse zusätzlich von massiven Käufen der Europäischen Zentralbank (EZB) gestützt werden. Diese Entwicklung sollte aber nach Einschätzung der Deutschen Bank weitgehend ausgereizt sein.

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Redaktionsschluss: 12.11.2020