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Mit den zeitnah zur Verfügung stehenden ersten Impfstoffen gegen COVID-19 sind zwar auch die Konjunkturhoffnungen stark angewachsen, dennoch bleibt die Geldpolitik der Zentralbanken rund um den Globus voraussichtlich weiterhin expansiv. Im Dezember könnten sowohl die Europäische Zentralbank als auch die US-Notenbank Federal Reserve noch einmal mit zusätzlichen Anleiheankäufen nachlegen. Dies hat bis dato noch keine
steigenden Inflationsraten zur Folge gehabt, da pandemiebedingt unter anderem die Energiepreise aufgrund gesunkener Nachfrage unter Druck sind.

In einigen Staaten halten zusätzlich temporäre Mehrwertsteuersenkungen die Preise im Zaum. Beide Effekte laufen jedoch 2021 aus. Hinzu kommen zusätzliche fiskalpolitische Hilfen, mutmaßlich auch in den USA. Dennoch sind die Risiken, dass die Inflationsraten auf mittlere bis längere Sicht auch einmal wieder Richtung 3 Prozent steigen können, an den Märkten
aktuell kaum eingepreist. Für Investoren erscheinen daher inflationsgesicherte Anleihen aktuell interessanter als ihre ungesicherten Pendants. Außerdem dürften prozyklische Aktien von moderat steigenden Inflationsraten profitieren.

Renditedifferenz zwischen 10-jähriger US-Staatsanleihen

Quelle: Bloomberg L.P.; Stand: 04.12.2020 Wertentwicklungen der Vergangenheit und Prognosen sind kein verlässlicher Indikator für künftige Wertentwicklungen

Hohe Liquidität

Getrieben durch die Nachricht, dass bald sogar mehrere Impfstoffe zur Verfügung stehen könnten, gingen die Risikoaufschläge von US-Unternehmensanleihen mit „Investment Grade“-Rating (IG) im November um knapp 0,2 Prozentpunkte auf rund ein Prozent zurück. Neben dem steigenden Konjunkturoptimismus wird die Performance von Unternehmensanleihen auch durch die Verringerung des Angebots gestützt. Denn nach den diesjährigen Rekordemissionen von IG-Anleihen im Wert von knapp 1,8 Billionen US-Dollar haben US-Unternehmen inzwischen Bargeldbestände von rund 500 Milliarden US-Dollar angehäuft.

Zukünftig dürften sich die Unternehmen daher auf Investitionen sowie die Verringerung ihrer Verschuldung konzentrieren, weshalb die Neuemissionen 2021 rund 30 Prozent geringer ausfallen könnten als dieses Jahr. Da außerdem bereits ein Viertel aller weltweit mit IG bewerteten Anleihen eine negative Rendite aufweist, sorgt die Renditejagd der Anleger für eine anhaltend hohe Nachfrage, wodurch sich die Verringerung der Risikoaufschläge fortsetzen könnte.

Wachsende Verschuldung

In den Schwellenländern nimmt coronabedingt die öffentliche und private Verschuldung zu. Fiskalprogramme lassen die Haushaltsdefizite im Schnitt auf 11,3 Prozent und die Staatsschuldenquote um 7,4 Prozentpunkte auf 59 Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) wachsen. Noch stärker dürfte die private Verschuldung 2020 gegenüber dem Vorjahr steigen: um 18 Prozentpunkte auf 146,8 Prozent des BIP. Das Bild ist allerdings durch China, wo die private Verschuldung um 20 Prozentpunkte auf 219 Prozent des BIP springt, stark verzerrt. Ohne China fallen in den Schwellenländern sowohl der Anstieg der Schulden (+8,9 Prozentpunkte) als auch die Schuldenquote (89,9 Prozent) moderater aus.
Unter dem Strich ist eine allgemeine Schuldenkrise der Schwellenländer aktuell nicht zu erwarten. Für Staaten mit hohen Auslands- und/oder Fremdwährungsverbindlichkeiten steigt aber das Risiko, wenn die Belastungen durch die Corona-Krise noch lange andauern und eine konjunkturelle Erholung auf sich warten lässt. Trotz des starken Verschuldungsanstiegs sind die derzeitigen Risikoaufschläge für Schwellenländeranleihen vergleichsweise gering. Das ist allerdings auch eine Folge massiver Anleihekäufe durch Notenbanken.

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Redaktionsschluss: 10.12.2020