Die Organisation erdölexportierender Länder (OPEC) existiert im September 2020 seit 60 Jahren. Die Feierlaune dürfte sich bei den Mitgliedern des Ölkartells aber in Grenzen halten: Die mittel- bis langfristigen Perspektiven an den Ölmärkten sind aufgrund struktureller Veränderungen bei der Nachfrage wenig erfreulich. In den kommenden Monaten könnten die Ölnotierungen zwar etwas zulegen. Das ist allerdings nach dem massiven Einbruch im 2. Quartal wenig überraschend. Nach Schätzungen der Internationalen Energieagentur war die tägliche Nachfrage zwischen März und Juni 2020 mit 16 Millionen Barrel gegenüber dem Vorjahreszeitraum so stark rückläufig wie nie zuvor. Mit der wirtschaftlichen Erholung zieht die Nachfrage nun wieder an.

Trotz der sich aufhellenden Konjunktur erwartet die Deutsche Bank aber nur moderat steigende Ölpreise. Das hängt auch damit zusammen, dass die globale Ölnachfrage den Prognosen zufolge nicht vor 2022 das Niveau des vergangenen Jahres überschreiten und in den Folgejahren deutlich geringer ansteigen dürfte als vor der Corona-Krise. 2030 könnte die Gesamtnachfrage mit 105 Millionen Barrel pro Tag ihren Peak erreichen – das wären nur 5 Millionen Barrel mehr als 2019.

Quelle: Bloomberg L.P.; Stand: 30.09.2020 Wertentwicklungen der Vergangenheit und Prognosen sind kein verlässlicher Indikator für künftige Wertentwicklungen

Mehr E-Mobilität

Die nachlassende Dynamik der Ölnachfrage ist eng verknüpft mit den Entwicklungen im Flug- und Autoverkehr. Während mit einer Normalisierung bei Flugreisen erst in drei bis vier Jahren zu rechnen ist, nimmt der Straßenverkehr deutlich zu. In der EU lagen die Pkw-Neuzulassungen im Juni nur noch 22 Prozent unter dem Vorjahresmonat, im April waren es noch 80 Prozent. In der Pandemie ziehen die Menschen aus Risikoerwägungen den Individualverkehr dem öffentlichen vor.

Allerdings nimmt bei Neuwagen der Anteil von Verbrennungsmotoren ab. Aktuell ist mehr als ein Viertel der globalen Ölnachfrage auf Pkw zurückzuführen. Elektrofahrzeuge könnten einen Marktanteil von 35 Prozent bis 2030 erreichen. Das würde die globale Ölnachfrage um 2,5 Millionen Barrel pro Tag verringern.

Der sich abzeichnende Boom von Elektrofahrzeugen hat auch Folgen für andere Rohstoffe. Rund 40 Prozent der Lithiumnachfrage resultieren aus der Batterieproduktion für E-Autos – hier wird für dieses Jahr ein Anstieg um 13 Prozent erwartet. Dennoch sind die Preise für Lithiumkarbonat aufgrund eines Überangebots seit Jahresbeginn um 18 Prozent gesunken. Eine Preiserholung ist auch bei steigender Nachfrage auf Sicht von fünf Jahren nicht wahrscheinlich. Bei Kobalt liegt der Anteil der Nachfrage von E-Autos bei rund 25 Prozent. Lieferunterbrechungen im Kongo haben die Preise zuletzt gestützt und den Rückgang kompensiert. Aus ethischen Gründen (Kinderarbeit im Kongo) versuchen die Hersteller, den Kobaltanteil in Batterien zu verringern. Nickel wiederum profitiert von Batterien mit höherer Energiedichte. Die Nachfrage von Elektrofahrzeugen, die derzeit nur für 3 Prozent der Gesamtnachfrage steht, könnte in den nächsten fünf Jahren um 36 Prozent steigen.

Wenig Potenzial

Eine wichtige Rolle spielt die Automobilindustrie auch für die Entwicklung der Preise in der Platin-Gruppe. Rund 80 Prozent der weltweiten Palladium- und Rhodiumnachfrage gehen auf die Autoindustrie zurück, bei Platin sind es immerhin 40 Prozent. Zwar sollte sich die Erholung des Automobilsektors fortsetzen, allerdings dürfte die globale Automobilproduktion laut Prognosen von IHS Automotive auch 2021 unter dem Vorkrisenniveau verbleiben. Da gleichzeitig Südafrika als weltweit größter Exporteur von Metallen der „Platin-Gruppe“ die Produktion bereits wieder auf 90 Prozent des Vorkrisen-Niveaus hochgefahren hat, schätzt die Deutsche Bank das weitere Preispotenzial als gering ein.

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Redaktionsschluss: 08.10.2020