Die Signale verdichten sich: Der Welthandel erholt sich offenbar deutlich schneller vom Corona-Einbruch als von der globalen Finanzkrise 2008/2009. Ende August hat das Institut für Weltwirtschaft in Kiel (IfW) errechnet, dass der globale Güterverkehr bereits im Juni nur noch 9 Prozent unter seinem Vorkrisenniveau lag. Seither deutet eine Reihe von Konjunkturindikatoren auf eine Verstetigung des Aufwärtstrends hin: So bewegt sich der Economic Surprise Index sowohl für die USA als auch für die Eurozone auf hohem Niveau im positiven Bereich. Das ökonomische Überraschungsbarometer gibt an, ob und in welchem Umfang aktuelle Daten die Markterwartungen übertreffen.

Citi Economic Suprise Indizes im Zeitverlauf

Quelle: Bloomberg L.P.; Stand: 30.09.2020 Wertentwicklungen der Vergangenheit und Prognosen sind kein verlässlicher Indikator für künftige Wertentwicklungen

So erfreulich auch in Deutschland die V-förmige Konjunkturerholung ist – seit der Finanzkrise schwächen sich mit Ausnahme der Jahre 2016 und 2017 die Zuwachsraten beim Welthandel ab. Die Erklärung für diesen Trend ist vielschichtig. Zu den entscheidenden Faktoren zählen der beendete Rohstoff-Superzyklus, die Sättigung globaler Lieferketten und eine wachsende Globalisierungsskepsis. In den Industriestaaten mit ihrer alternden Gesellschaft verlagert sich zudem die Konsumnachfrage zunehmend auf den Dienstleistungssektor.

Grüne Investitionen

In Europa nimmt unterdessen die Transformation der Wirtschaft für das EU-Ziel der Klimaneutralität bis 2050 konkretere Formen an. Ein kürzlich von EU-Kommissionschefin Ursula von der Leyen vorgestellter Entwurf sieht eine Reduzierung der Treibhausgasemissionen bis 2030 gegenüber dem Niveau von 1990 um mindestens 55 Prozent vor. Außerdem machte die Kommission die Ergebnisse einer umfangreichen Kosten-Nutzen-Analyse publik. Demzufolge sind für das Erreichen des ehrgeizigen Klimaziels bis 2030 zusätzliche Investitionen in die Energiewirtschaft von jährlich 90 Milliarden Euro erforderlich.

Das Geld soll nur zum Teil aus öffentlicher Hand kommen. Über den „Sustainable Finance Action Plan“ der EU könnte privates Kapital in Bereiche gelenkt werden, die den Nachhaltigkeitsanforderungen genügen. So sollen 30 Prozent des 750 Milliarden Euro schweren Corona-Wiederaufbaufonds über die Ausgabe von Green Bonds finanziert werden. Herzstück des Aktionsplans ist die Taxonomieverordnung, die ein einheitliches Klassifizierungssystem für nachhaltiges Wirtschaften etablieren und Anleger vor „Greenwashing“ schützen soll.

Gleichzeitig verweist die EU-Kommission auf positive Effekte durch geringere Treibhausgasemissionen. Eine Verringerung der Luftverschmutzung könnte bis 2030 die Gesundheitsausgaben, die auf Luftverschmutzung zurückzuführen sind, um mindestens 110 Milliarden Euro senken. Außerdem würde der Ausbau der Erneuerbaren Energien zu weniger Energieimporten aus dem außereuropäischen Ausland führen. Bis 2030 könnten die EU-Staaten hier 100 Milliarden Euro einsparen, bis 2050 sogar drei Billionen.

Große Anstrengungen

Die Zustimmung von EU-Parlament und EU-Rat zu den Kommissionsplänen scheint nur eine Formsache zu sein – das Umwelt-Komitee des Parlaments hat sich sogar für eine Anhebung des CO2-Ziels auf 60 Prozent Reduktion gegenüber 1990 ausgesprochen. Ein Vorschlag, der bei den europäischen Konservativen (EPP) aber nicht verfangen dürfte. Doch auch mit dem 55-Prozent-Ziel zieht die EU-Kommission die Daumenschrauben vor allem für Industrie- und Energieunternehmen an, die besonders viel Treibhausgas ausstoßen. Sie werden weiter hohe Summen investieren müssen, um im neuen regulatorischen Umfeld gewinnbringend wirtschaften zu können. Wer bei der Transformation trödelt oder sie verschläft, dürfte es künftig nicht nur bei Anlegern schwer haben

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Redaktionsschluss: 08.10.2020