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Es ist der größte Wachstumssprung, den die US-Wirtschaft seit dem Zweiten Weltkrieg vollzogen hat: Im dritten Quartal legte das Bruttoinlandsprodukt (BIP) aufs Jahr hochgerechnet um 33,1 Prozent zu. Im Vergleich zum Vorquartal betrug das Plus zwischen Juli und September 7,4 Prozent. Damit hat sich die US-Wirtschaft im Rekordtempo zumindest teilweise von ihrem historischen Einbruch im zweiten Quartal (-9 Prozent) erholt – liegt aber noch rund 3,5 Prozent unter dem Vergleichswert des Vorjahres. Auch die Wirtschaft in Deutschland und der gesamten Eurozone meldet für das Sommerquartal historische BIP-Zuwächse: plus 8,2 Prozent in Deutschland und 12,7 Prozent in der Eurozone, jeweils gegenüber dem Vorquartal.

Einkaufsmanagerindizes Deutschland/Eurozone

Quelle: Bloomberg L.P.; Stand: 10.11.2020 Wertentwicklungen der Vergangenheit und Prognosen sind kein verlässlicher Indikator für künftige Wertentwicklungen

Starker Konsum

Während die Erholung in Europa infolge der zweiten Coronavirus-Welle und erneuter Lockdown-Maßnahmen aber wieder ins Stottern gerät, sieht die Deutsche Bank die US-Wirtschaft auf gutem Weg. Unverändert spendierfreudige Verbraucher sorgen für einen sprunghaften Zuwachs beim privaten Konsum, und auch die Ausrüstungsinvestitionen senden Signale einer V-förmigen Erholung. Die Aussichten auf weitere Konjunkturhilfen und die Zulassung auf einen Impfstoff gegen Sars-CoV-2 stimmen zusätzlich optimistisch.

Dagegen dürften sich auch unter US-Präsident Joe Biden die Beziehungen zu China schwierig gestalten. Die alte Weltmacht USA wird den möglichen Aufstieg Chinas zur Großmacht des 21. Jahrhunderts nicht tatenlos hinnehmen – zu viel steht auf dem Spiel. Der asiatische Herausforderer kam 2019 auf ein BIP von 14,3 Billionen US-Dollar und ist damit die weltweit zweitgrößte Volkswirtschaft. Gemessen an der Kaufkraft lag die Volksrepublik sogar schon auf Platz eins. Setzt sich die Entwicklung fort, könnte China 2030 die USA als größte Wirtschaftsmacht ablösen.

Die Spannungsfelder zwischen den Kontrahenten sind vielschichtig. Neben den Handelsbeziehungen und politischen Fragen spielt die Technologieführerschaft in den Bereichen Künstliche Intelligenz, Halbleiterproduktion und Softwareentwicklung eine wichtige Rolle. Mit der „Made in China 2025“-Initiative versucht Peking die Abhängigkeit von ausländischen Technologien zu verringern. Das technologische Wettrüsten könnte mittelfristig zu einer „Tech-Wall“ führen, die eine Interaktion unterschiedlicher Plattformen (Internet, Telekommunikation, Zahlungssysteme) nur bedingt zulässt. Nach Berechnungen der Deutschen Bank könnte dies den Tech-Sektor inklusive der Neuordnung globaler Lieferketten bis 2025 rund 3,5 Billionen US-Dollar kosten.

Bedrohliche Entwicklung

Der neue US-Präsident Joe Biden sollte den Konflikt zwar nicht weiter eskalieren, sondern in geordnete Bahnen lenken. In der Sache aber dürfte Biden hart bleiben. Es droht eine Blockbildung mit China und den Staaten des Verbands der Südostasiatischen Nationen auf der einen sowie Japan, Südkorea und Australien, die sich stärker den USA zuwenden, auf der anderen Seite. Für Europa wird es schwieriger, in diesem Spannungsfeld eine neutrale Position einzunehmen. Das gilt insbesondere für deutsche Firmen mit ihren wachsenden Umsätzen in China.

Die Umgestaltung von Lieferketten brächte nicht nur Einnahmeausfälle. Investitionen müssten abgeschrieben und in anderen Absatzmärkten neu getätigt werden. Es ist nur ein schwacher Trost, dass sich dieser Prozess über Dekaden hinziehen dürfte. Denn hinzu kommt: In vielen Ländern ist die Revitalisierung der inländischen Wirtschaft mit der Hoffnung auf positive Effekte für den heimischen Arbeitsmarkt wieder salonfähig. Außerdem hat sich durch Corona für systemrelevante Bereiche der Fokus stärker auf inländische Produktion und Lieferketten verschoben.

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Redaktionsschluss: 12.11.2020