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Aktien | Immobilien | Volkswirtschaft/Geldpolitik | weitere Themen – 18.12.20

Ausblick: Corona und die Folgen

Die wichtigsten Fakten:

  • Die Unsicherheiten der Pandemie bleiben zunächst akut
  • Die konjunkturelle Erholung dürfte 2021 an Fahrt aufnehmen
  • Positive Effekte auf verschiedene Wirtschaftsfaktoren

Eine nachhaltige Eindämmung der Coronavirus-Pandemie scheint im Hinblick auf bald beginnende, massenhafte Impfungen greifbar. Zuvor gilt es allerdings, vor allem die schwierigen Wintermonate zu überstehen. Schon heute steht fest: Die Auswirkungen der Pandemie auf die Volkswirtschaften und Unternehmen sowie die Kapitalmärkte weltweit dürften noch weit über das Ende der Corona-Krise hinaus spürbar bleiben.

Arbeitsmarkt – robust durch die zweite Welle

Bis Ende November hatte die zweite Welle der Coronavirus-Pandemie in Deutschland insgesamt kaum negative Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt. Die Arbeitslosenquote betrug im November 5,9 Prozent. Das Arbeitsmarktbarometer des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) stieg trotz des Teillockdowns im November nur um 0,4 auf 100,5 Punkte. Damit lag der Arbeitsmarktausblick zuletzt im leicht positiven Bereich – die Skala des IAB reicht von 90 (sehr schlechter Ausblick) bis 110 (sehr guter Ausblick). Für die nächsten Monate rechnet das IAB auf dieser Basis mit einer saisonbereinigt sinkenden Arbeitslosigkeit. Wobei die erwartete Zunahme von Unternehmensinsolvenzen den Arbeitsmarkt in einigen Wirtschaftsbereichen belasten könnte.

Ein Grund für den nur moderaten Anstieg der Arbeitslosigkeit in der Krise: Die Arbeitsplätze werden europaweit massiv durch Kurzarbeit gestützt. Schätzungen des ifo Instituts zufolge dürften im November etwa 2,0 Millionen Personen in Kurzarbeit gewesen sein, im Oktober waren es 1,8 Millionen. Der erneute Anstieg ist vor allem auf den seit Anfang November geltenden „Lockdown light“ zurückzuführen. Betroffen war davon zunächst vor allem das Gastgewerbe. Im Rahmen des harten Lockdowns im Dezember und Januar ist auch im Handel kurzfristig mit einem erneuten Anstieg der Kurzarbeit zu rechnen. Nach einem Rückgang der Infektionszahlen und dem damit verbundenen Ende der Lockdowns dürfte jedoch im Verlauf 2021 die Zahl der Kurzarbeiter deutlich zurückgehen. Die erwartete Konjunkturerholung sollte sich dann als Stütze des Arbeitsmarktes erweisen.


Privater Konsum – erst sparen, dann konsumieren

In Deutschland verstärkt der aktuelle Teillockdown mit den steigenden Infektionszahlen die damit einhergehende Verunsicherung der Verbraucher. Besonders leiden darunter erneut das Gastgewerbe, die Veranstaltungs- und die Tourismusbranche sowie der stationäre Einzelhandel, dem ein Teil des wichtigen Weihnachtsgeschäfts wegbricht. Ab Januar 2021 könnte zudem die Erhöhung der Mehrwertsteuer auf ihr altes Niveau von 19 Prozent kurzfristig die Kauflaune bremsen. Eine nachhaltige Entspannung dürfte ab dem zweiten Quartal 2021 einsetzen – wenn sich erste Impferfolge zeigen und die Wetterlage zu sinkenden Neuinfektionen führt. Positiv auf die Konsumlaune in Deutschland könnten sich auch die für 2021 beschlossenen Steuererleichterungen auswirken, etwa der weitgehende Wegfall des Solidaritätszuschlags. Zudem dürften Nachholeffekte einsetzen: Viele Verbraucher haben in der Krise aufgrund unsicherer Jobaussichten größere Investitionen auf Eis gelegt. Diese könnten im Zuge einer erwarteten Konjunkturerholung 2021 nachgeholt werden.

In den USA wuchsen die Ersparnisse in der Krise auf rund 1 Billion US-Dollar; im April stieg die US-Sparquote auf ein Allzeithoch von 33,7 Prozent. Ein Grund für den US-Sparboom: Jenseits des Atlantiks fließen die staatlichen Hilfen zumeist in Form direkter Transfers an die Haushalte und nicht wie in Europa zum Erhalt der Arbeitsplätze an die Unternehmen. Die verfügbaren Einkommen stiegen dadurch in der Corona-Krise kurzfristig um 10 Prozent, was sogar zu der paradoxen Entwicklung führte, dass die Armutsquote während der Pandemie in den USA zwischenzeitlich sank. Gleichzeitig konnten die Privathaushalte wegen des Lockdowns nicht so viel ausgeben wie sonst üblich. Auch in den Vereinigten Staaten dürften im Jahresverlauf 2021 Nachholeffekte beim Konsum einsetzen.

Nachdem der private Konsum in Deutschland 2020 um 6,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr sinken dürfte, erwartet die Deutsche Bank für 2021 ein Plus von 4,7 Prozent. In den USA könnte der private Konsum 2021 – abhängig von der Ausgestaltung des geplanten Fiskalpakets – um 4,3 Prozent zulegen.


Unternehmensinsolvenzen – das Schlimmste kann noch kommen

Mit der Rückkehr zur Insolvenzantragspflicht und vor dem Hintergrund der aktuellen Corona-Beschränkungen dürfte die Zahl der Insolvenzen im Frühjahr deutlich anziehen. Die Bundesbank rechnet in einem Basisszenario im ersten Quartal 2021 mit 6.000 Insolvenzen im gesamten deutschen Unternehmenssektor. Zum Vergleich: Im gesamten Jahr 2020 meldeten nur geschätzt 16.300 Unternehmen Insolvenz an.

Weltweit erwarten einige Analysten für die Jahre 2020 und 2021 einen kumulierten Anstieg der Insolvenzen um bis zu 35 Prozent. Die verbleibenden Betriebe könnten aufgrund des abnehmenden Wettbewerbsdrucks aber mehr Gewinne erwirtschaften, was letztlich Unternehmensneugründungen anregen sollte. Zudem fördern die Zentralbanken im Rahmen ihrer Krisenpolitik die Kreditvergabe an Unternehmen und sorgen so für die finanzielle Unterstützung des Unternehmenssektors.

„Coronavirus: Die wirtschaftlichen Folgen der Pandemie könnten lange nachhallen – negativ, aber auch positiv.“

Unternehmensinvestitionen – Nachholbedarf auf breiter Front

Die aktuelle schwierige konjunkturelle Lage lässt viele Unternehmen erwartungsgemäß ihre Investitionen zurückschrauben. Die Investitionsneigung dürfte jedoch schnell zurückkehren, wenn sich das Vertrauen in die weltweit erwartete Konjunkturerholung im kommenden Jahr verfestigt. Die Deutsche Bank erwartet für 2021 beim globalen Bruttoinlandsprodukt ein Plus von 5,2 Prozent – das wäre der stärkste Anstieg seit Jahrzehnten. Das chinesische Wachstum könnte im neuen Jahr sogar auf 8,2 Prozent anziehen. Das dürfte auch der exportstarken deutschen Wirtschaft positive Impulse verleihen.

Vor allem in Sachen Digitalisierung hat Deutschland Nachholbedarf. Zwar hat die Corona-Pandemie dem Thema einen Schub gegeben, etwa durch die verstärkte Verlagerung von Arbeitsplätzen ins Homeoffice oder die zunehmende Nutzung von E-Commerce-Angeboten. Größeren Nachholbedarf haben jedoch Unternehmen im Tourismussektor, aber auch im Handel oder im sonstigen produzierenden Gewerbe, etwa der Baubranche. Gerade vor dem Hintergrund, künftig in manchen Bereichen weniger abhängig von internationalen Lieferketten sein zu wollen, scheint etwa im Industriesektor eine fortschreitende Automatisierung vorstellbar. Wichtig erscheinen zudem Investitionen in das Wachstumsfeld einer klimaneutralen Wirtschaft, etwa die Elektromobilität.


Aktienmarkt – Crashgefahr unwahrscheinlich

Ein erneuter Kollaps an den Börsen weltweit erscheint momentan unwahrscheinlich. Zwar gelten die Bewertungen mancher Technologieunternehmen als vergleichsweise hoch, doch profitieren diese Unternehmen mit ihren Produkten und Dienstleistungen auch überdurchschnittlich von einer zunehmend digitalisierten Welt. Dies mündet bereits heute in hohe Gewinne. Anleger sollten allerdings bei ihren Techinvestitionen den zunehmenden regulatorischen Gegenwind in Europa, den USA und auch China im Blick behalten.

Sollte die Weltwirtschaft ihren Erholungskurs wie prognostiziert fortsetzen, dürften die globalen Aktienmärkte davon profitieren. Aber auch andere Rahmenbedingungen sprechen aus Anlegersicht für Aktien: etwa ein durch den neuen US-Präsidenten Joe Biden bereits angekündigtes aktiveres Krisenmanagement in Bezug auf COVID-19. Die Gewinnerwartungen der Unternehmen weltweit liegen für 2021 im unteren bis mittleren zweistelligen Bereich. Überproportional gut entwickeln dürften sich im Rahmen einer Sektorrotation 2021 die während der Coronavirus-Krise besonders unter Druck geratenen zyklischen Sektoren. Dazu zählen Branchen wie Tourismus, Banken, Grundstoffe, Industrie und Automobil. Zwischenzeitliche Rücksetzer in diesen Bereichen sind bei negativen Corona-Meldungen oder Lockdowns aber auch im neuen Jahr nicht ausgeschlossen.

Immobilien – „stabile“ Fundamente

Bei den Kaufpreisen für Immobilien kam es 2020 in den meisten Regionen nicht zu einem coronabedingten Einbruch. Die Gründe dafür dürften unter anderem in den staatlichen Maßnahmen zur Absicherung der privaten Einkommen sowie dem verstärkten Trend zum mobilen Arbeiten liegen. Bei Wohnimmobilien stieg das Preisniveau mancherorts sogar weiter an. In Deutschland beispielsweise verteuerten sich Häuser und Wohnungen vom Jahresanfang bis Ende November im Durchschnitt um mehr als 7 Prozent. Hierzulande dürften die Preise auch 2021 weiter anziehen. Denn trotz gestiegener Bautätigkeit werden immer noch zu wenig Wohngebäude fertiggestellt, um die Nachfrage insbesondere nach urbanem Wohnraum zu decken. Zudem dürften die Finanzierungskonditionen dank niedriger Zinsen auch in den kommenden Jahren günstig bleiben.

An den Gewerbeimmobilienmärkten sind die Aussichten trotz eines coro-nabedingten Nachfragerückgangs weiterhin solide. Weltweit dürfte der Bedarf an Büroflächen schnell wieder steigen, denn nicht nur in Deutschland entstehen neue Arbeitsplätze, vor allem im Dienstleistungsbereich. Dabei gilt es allerdings, im Blick zu behalten, ob der durch COVID-19 eingeläutete Trend zum mobilen Arbeiten nach dem Ende der Pandemie anhält und inwieweit er die Büroflächennachfrage beeinflusst. Besonders stark gefragt dürften in vielen Regionen weltweit Industrie- und hier vor allem Logistikimmobilien bleiben, denn der boomende Online-Handel benötigt Lagerhäuser und Verteilzentren mit guter Verkehrsanbindung. Klassische Einzelhandelsimmobilien könnten dagegen weiter unter Druck stehen.


Inflation – mehr Dynamik auf niedrigem Niveau

In Industrienationen kann von Preisdruck aktuell kaum die Rede sein. Im Zaum gehalten wird das Preisniveau unter anderem durch die niedrigen Energiepreise. Hinzu kommen temporäre Mehrwertsteuersenkungen in einigen Ländern, etwa Deutschland. Es erscheint jedoch unwahrscheinlich, dass die Schwächephase weltweit langfristig andauert. Bereits nach der ersten Viruswelle war zu erkennen, dass die Inflation im Zuge einer Normalisierung der Lebensumstände wieder verstärkt zurückkehrte. Vor allem der vor dem Hintergrund einer breiten Konjunkturerholung zu erwartende Anstieg der Energiepreise könnte die Inflation treiben. Ausgangsbasis ist dabei allerdings ein aktuell sehr niedriges Niveau: In Deutschland etwa betrug die Inflationsrate im November 2020 minus 0,3 Prozent. In Europa dürfte deshalb die von der Europäischen Zentralbank anvisierte Marke von 2 Prozent kaum erreicht werden.

Staatsverschuldung – Fass ohne Boden?

Laut dem Internationalen Währungsfonds (IWF) ergriffen die Regierungen weltweit zur Abmilderung der Corona-Folgen bis Oktober 2020 fiskalpolitische Maßnahmen in Höhe von 12 Billionen US-Dollar. Vor allem wegen eines hohen Fiskaldefizits von 11,3 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) dürfte die Staatsverschuldung 2020 in Relation zum BIP im Durchschnitt um 7,4 Prozentpunkte auf 59 Prozent zunehmen: Die Europäische Zentralbank beispielsweise beschloss auf ihrer Zinssitzung im Dezember ein ganzes Bündel Maßnahmen, darunter weitere Anleihekäufe mit einem Volumen von 500 Milliarden Euro. Inwieweit die Investitionsprogramme der EU-Kommission das potenzielle Wachstum positiv beeinflussen, dürfte sich erst mittel- bis langfristig zeigen. Der Löwenanteil der Zuschüsse und Kredite aus dem Wiederaufbaufonds – zusammen gut 80 Prozent – wird erst verteilt über die Jahre 2022 bis 2025 fließen.

Da die Verzinsung von Anleihen großer Industrieländer um die null liegt und die Notenbanken mit dem Kauf von Staatsanleihen auch weiterhin massiv die Märkte unterstützen, erscheint das Risiko von Staatspleiten aktuell gering.

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Redaktionsschluss: 16.12.2020, 15:45 Uhr