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Aktien – 31.05.21

Beginnt jetzt ein neuer Rohstoff-Superzyklus?

Die wichtigsten Fakten:

  • Rohstoffpreise zuletzt deutlich gestiegen – Trend könnte anhalten
  • Steigende Nachfrage trifft auf zunehmend begrenztes Angebot
  • Politische Maßnahmen und Nachhaltigkeitsziele dürften Trend langfristig stützen

Die Preise für Rohstoffe haben in den vergangenen Monaten deutlich zugelegt und erreichten zum Teil neue Allzeithochs: Aluminium etwa verteuerte sich in US-Dollar gerechnet seit Anfang Mai 2020 um mehr als 60 Prozent, der Kupferpreis konnte sich fast verdoppeln. Selbst Öl und Kohle, die im Zuge immer intensiverer Diskussionen um das Thema Nachhaltigkeit langfristig global an Bedeutung zu verlieren drohen, konnten stark zulegen.

Rohstoffpreise: Superzyklus oder Strohfeuer?

Viele Marktteilnehmer sprechen schon von einem neuen Rohstoff-Superzyklus. Doch was ist dran an dieser Einschätzung – erleben die Märkte aktuell wirklich den Anfang eines langfristigen Aufwärtstrends bei den Rohstoffpreisen oder handelt es sich nur um ein zyklisches Strohfeuer? Nach Einschätzung der Deutschen Bank trifft Ersteres zu: Die konjunkturelle Erholung nach der Coronavirus-Krise und langfristig ausgerichtete Investitionspakete der Regierungen dürften die Preise über die kurze Frist hinaus weiter nach oben treiben – mit entsprechend interessanten Möglichkeiten für Anleger.

Beginnt jetzt ein neuer Rohstoff-Superzyklus?

Was ist ein Superzyklus?

Für einen Superzyklus braucht es mehr als steigende Preise einzelner Rohstoffe nach einer schweren Rezession. Vielmehr ist damit ein lang anhaltender, 10 bis 15 Jahre andauernder, nachfragegetriebener Preisanstieg über alle Rohstoffklassen gemeint. So zum ersten Mal geschehen am Ende des 19. Jahrhunderts in Zusammenhang mit der Industrialisierung in den USA. Ein weiterer Rohstoff-Superzyklus folgte vor dem Zweiten Weltkrieg, getrieben unter anderem durch die massive weltweite Aufrüstung. Nach dem Krieg sorgten die Investitionsprogramme der US-Regierung zur Bekämpfung der Armut im Land sowie der Wiederaufbau der Industrien in Europa und Japan für einen erneuten Rohstoff-Preisanstieg bis in die 1970er-Jahre hinein, bevor mit der Aufnahme Chinas in die Welthandelsorganisation und seinem industriellen Aufstieg Anfang dieses Jahrtausends der bislang letzte Superzyklus begann.

Kurzfristig: Konjunkturerholung treibt Nachfrage

Dafür, dass die Rohstoffmärkte aktuell am Beginn eines erneuten Superzyklus stehen könnten, gibt es mehrere Gründe. Auf kurze Sicht nähren die zunehmend erfolgreichen Impfkampagnen weltweit die Hoffnung auf eine baldige Normalisierung der wirtschaftlichen Aktivitäten: Reisen beispielsweise wären dadurch wieder möglich und das Verbrauchervertrauen würde unter anderem durch eine steigende Jobsicherheit voraussichtlich zulegen, wodurch die Nachfrage nach zum Beispiel Öl oder Materialien zur Herstellung langlebiger Konsumgütern weiter steigen dürfte.

Langfristig: Investitionsstau sorgt für Angebotsdefizit

Auf lange Sicht spricht unter anderem die zu erwartende Angebotsverknappung bei Rohstoffen für einen anhaltend positiven Preistrend. Denn im Zuge der zunehmenden Fokussierung vieler Marktteilnehmer auf nachhaltige Technologien und umweltschonende Geschäftsmodelle gerieten Minen- und Ölunternehmen in den vergangenen Jahren zunehmend unter Druck: Abnehmende Investments und Gewinne in diesen Sektoren sorgten dafür, dass die Unternehmen weniger Geld in den Ausbau und Erhalt ihrer Produktionskapazitäten investierten. Dadurch könnte beispielsweise die tägliche globale Ölfördermenge im Jahr 2025 um rund 8 Millionen Fass geringer ausfallen als bisher erwartet. Bei Kupfer könnte die Angebotslücke im Jahr 2030 bei über 8 Millionen Tonnen liegen. Die erwarteten Angebotslücken dürften aufgrund sehr langer Durchlaufzeiten produktionssteigender Investitionen selbst bei größten Anstrengungen nur langsam geschlossen werden können.

Politische Maßnahmen stützen langfristigen Trend

Der letztlich entscheidende Faktor für die Etablierung eines Superzyklus ist jedoch die Politik: In allen vorangegangenen Zyklen waren es umfangreiche Investitionsprogramme einzelner Regierungen, die die Grundlage für langfristig steigende Rohstoffpreise darstellten. Entsprechende Fiskalpakete wurden und werden auch aktuell aufgelegt – und das sogar auf globaler Ebene, sei es der Infrastrukturplan der Biden-Regierung in den USA, „Next Generation EU“ in Europa oder die angekündigten Maßnahmen im Rahmen des jüngst verabschiedeten chinesischen Fünfjahresplans.

Allen Plänen gemeinsam sind die Bestrebungen, den Wohlstand innerhalb der jeweiligen Gesellschaften besser zu verteilen – eine der Lehren der Coronavirus-Krise, die die soziale und wirtschaftliche Ungleichheit deutlich offengelegt hat. Eine solche Umverteilung könnte dazu führen, dass Haushalte mit niedrigeren Einkommen mehr konsumieren, was die Nachfrage nach Rohstoffen stützen würde.

Hinzu kommt der Aspekt Nachhaltigkeit. Denn um die Klimaziele der Weltgemeinschaft zu erreichen, bedarf es über die kommenden Jahrzehnte riesiger Investitionen: Schätzungen gehen bis 2050 von durchschnittlich 2 Billionen US-Dollar jährlich aus – das entspräche rund 28 Prozent des Weltbruttoinlandsprodukts. Das sind ähnliche Dimensionen wie Anfang der 2000er-Jahre beim industriellen Aufstieg Chinas.

Bei all diesen Entwicklungen dürften Industriemetalle eine besonders wichtige Rolle spielen. Es ist daher kaum verwunderlich, dass viele Länder bereits versuchen, sich den Zugang zu Materialien, die zur Herstellung von zum Beispiel Batterien, 5-G-Technik oder Wasserstoffzellen benötigt werden, durch den Aufbau entsprechender Lieferketten zu sichern. Auch dieser Aspekt dürfte sich preissteigernd auswirken.

Rohstoffpreise – mehr als ein zyklischer Aufschwung? Was Energie- und Grundstoffaktien jetzt interessant machen könnte.

Für Anleger: Aktien statt Rohstofflager

Um an dem möglichen langfristigen Rohstofftrend zu partizipieren, könnte sich für entsprechend risikobereite Anleger ein Engagement am Aktienmarkt anbieten – direkte Investments am Rohstoffmarkt sind dagegen zum Teil sehr kompliziert und mit besonderen Risiken verbunden. Dabei sollte grundsätzlich berücksichtigt werden, dass auch ein indirektes Rohstoffinvestment im Rahmen eines breit aufgestellten Portfolios erfolgen sollte.

Interessant könnten dabei Unternehmen aus den Sektoren sein, die durch die Investitionsprogramme der Regierungen in Zukunft unterstützt werden sollen, etwa solche aus den Bereichen erneuerbare Energien oder Digitalisierung. Zwar würden ihre Kosten durch höhere Rohstoffpreise steigen, allerdings auch ihre Umsätze sowie das allgemeine Preisniveau. Es ist davon auszugehen, dass das Nachfragewachstum die Kosteneffekte in diesen Branchen übersteigen dürfte – die Margen also stabil bleiben.

Besonders stark von höheren Rohstoffpreisen profitieren dürften zudem die Energie- sowie die Roh- und Grundstoffunternehmen selbst. Im Energiesektor des Weltleitindex MSCI World erwartet die Analystengemeinde in den kommenden zwölf Monaten beispielsweise Gewinnsteigerungen von 150 Prozent – ausgehend von einem coronabedingt niedrigen Niveau. Im Roh- und Grundstoffsektor wird mit einem Gewinnwachstum von 27 Prozent gerechnet.

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Redaktionsschluss: 28.05.2021, 12:00 Uhr