Aktien – 17.04.20

Bodenbildung am Aktienmarkt – eine Orientierungshilfe

Die wichtigsten Fakten:

  • Weiterhin hohe Schwankungen an den Aktienmärkten
  • Erste Anzeichen einer nachhaltigen Erholung
  • Zum Jahresende insgesamt höhere Kurse erwartet

Quelle: Manfred Gottschalk / Getty Images

Seriös beantworten lässt sich die Frage nach dem Zeitpunkt der Bodenbildung an den Aktienmärkten natürlich nicht. Aber die Antworten auf die vier folgenden Leitfragen können Anlegern eine erste Orientierung geben, wann der aktuelle Bärenmarkt (eine Börsenphase längerer, teils starker Kursverluste) sein Ende finden könnte – oder ob die Kurse nach den jüngsten, zum Teil deutlichen Kursgewinnen ihren Boden sogar bereits hinter sich gelassen haben. Doch auch hier gilt der stets gültige Hinweis: Wertentwicklungen der Vergangenheit sind kein verlässlicher Indikator für zukünftige Wertentwicklungen.

„Wann erreichen die Aktienkurse ihren Boden? Eine Orientierungshilfe.“

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Wie vergleichbar ist der jüngste Börsencrash mit historischen Phasen großer Kursverluste?

Auch wenn es vielen anders erscheinen mag: Sollte es bei dem maximalen Verlust von derzeit beispielsweise 35 Prozent des S&P 500 bleiben, wäre der jüngste Kurseinbruch vergleichsweise gering. Denn normalerweise fallen die Kurse tiefer, wenn die US-Wirtschaft in eine Rezession rutscht: Kam es innerhalb der ersten zwölf Monate nach einem Höchststand des US-Leitindex S&P 500 zu einer Rezession in den USA, fiel der US-Leitindex historisch betrachtet um durchschnittlich 48 Prozent. Der größte Unterschied zwischen der aktuellen Verlustphase und zurückliegenden Bärenmärkten ist die Reaktion der Notenbanken, allen voran der US-amerikanischen Fed. Während die US-Währungshüter in früheren Krisenzeiten die Leitzinsen durchschnittlich sukzessive um lediglich 50 Basispunkte gesenkt hatten, fielen die Zinssenkungen mit 150 Basispunkten allein seit Mitte Februar dieses Mal deutlich massiver aus. Hinzu kommen umfangreiche Anleihekaufprogramme nicht nur der Fed, sondern aller bedeutender Notenbanken sowie Konjunkturpakete der Regierungen, die weit über das hinausgehen, was in der jüngeren Vergangenheit auf den Weg gebracht worden ist.

Wie lange dauerte es in der Vergangenheit, bis sich die Kurse nach einem Crash wieder erholt hatten?

Im Mittel vergingen 15 Monate, bis der breite Weltleitindex MSCI ACWI (All Country World Index mit mehr als 3.000 Aktientiteln großer bis mittlerer Unternehmen aus insgesamt 49 Industrie- und Schwellenländern) Verluste aus einem Bärenmarkt vollständig aufgeholt hatte. Der US-Leitindex S&P 500, der MSCI Europe und der japanische TOPIX benötigten 20 Monate. Allerdings ist die zeitliche Bandbreite relativ groß. Nach dem Crash im Zuge der Asienkrise von 1997/1998 erholte sich der MSCI ACWI beispielsweise bereits innerhalb von nur zwei Monaten. Nach der Weltwirtschaftskrise 2008/2009 dauerte dies hingegen mehr als fünf Jahre – und der Schwellenländerindex MSCI Emerging Markets erreichte seine Höchststände von 2007 bislang gar nicht wieder. Insgesamt sind v-förmig verlaufende Erholungen ohnehin selten: Von den 17 vergangenen Phasen, in denen der S&P 500 mindestens 20 Prozent seines Wertes verloren hatte, konnten lediglich die Verluste aus den Jahren 1932/1933 innerhalb eines Jahres vollständig wiedergutgemacht werden.

Wie stark fiel die Kurserholung nach einem Bärenmarkt im Schnitt aus?

Im ersten Monat nach seinem Tiefpunkt während eines Bärenmarktes legte der MSCI ACWI in der Vergangenheit im Mittel um 14 Prozent zu. Nach sechs Monaten betrugen die Kursgewinne 23 Prozent, nach einem Jahr 35 Prozent. Ganz ähnliche Entwicklungen nahmen auch die Indizes in Europa, Japan, den USA und den Schwellenländern.

Was spricht dafür, dass die Kurse bereits ihren Boden gefunden haben könnten?

Die Auswertung zurückliegender Bärenmärkte zeigt ein Muster, das mehr oder weniger gleichmäßig immer wieder zu beobachten war. Die zeitliche Abfolge der einzelnen Ereignisse vor Erreichen des Kurstiefpunkts im S&P 500 sowie im MSCI ACWI lässt sich wie folgt zusammenfassen:

  • Rund sechs Monate davor: Die Stimmung beginnt zu kippen. Aufgrund erster konjunktureller Sorgen der Marktteilnehmer überschreiten die Anleiherenditen ihren Höhepunkt und beginnen, langsam zu sinken. Die US-Notenbank beginnt, ihre Leitzinsen zu senken, und es kommt zu einem Anstieg des Goldpreises.
  • Rund drei Monate davor: Die Verunsicherung nimmt zu, Investoren ziehen sich aus Risikoanlagen zurück. Die Schwankungsintensität der Aktienkurse (gemessen am US-Volatilitätsindex VIX) sowie der Zinsunterschied zwischen als sicher geltenden US-Staatsanleihen und riskanteren Emerging-Market-Anleihen erreichen ihren jeweiligen Höhepunkt.
  • Rund eine Woche davor: Tiefpunkt in Sicht. Die Konsumentenstimmung in den USA erreicht ihren Boden. Gleichzeitig beginnen Aktien aus den Sektoren Grundstoffe und Finanzen aufgrund aufkeimender Wachstumserwartungen, sich besser zu entwickeln als der Gesamtmarkt.

Versucht man diese Abfolge auf die Coronavirus-Krise zu übertragen, wird eines deutlich: Anders als viele Krisen der Vergangenheit hatte die aktuelle Krise kaum einen Vorlauf – sie ist hausgemacht und entspringt nicht etwa dem gewöhnlichen wirtschaftlichen „Drehbuch“ einer Rezession. Dieses Mal wurde eine Rezession bewusst in Kauf genommen, um zum Beispiel durch umfangreiche Ausgangsbeschränkungen eine Ausbreitung des Virus und damit eine Überlastung der Gesundheitssysteme zu vermeiden.

Insofern ist ein Abgleich der Coronavirus-Krise mit vergangenen Verlustphasen nur bedingt sinnvoll. Die alles entscheidende Frage für den weiteren Verlauf der Krise und damit auch der Aktienkurse ist vielmehr, wann die Zahl der Neuinfizierten nachhaltig sinkt und eine allmähliche Normalisierung des alltäglichen Lebens eingeleitet werden kann. Die Deutsche Bank geht derzeit davon aus, dass dies in Europa und den USA im zweiten Quartal der Fall sein dürfte. Aktuell ist beispielsweise in China bereits eine gewisse Entspannung in dieser Hinsicht zu beobachten.

Für die Aktienmärkte bedeutet das, dass die Kurse ihren Boden möglicherweise bald erreicht haben könnten – mit größeren Schwankungen und zwischenzeitlichen Verlusten allerdings jederzeit zu rechnen ist. Das jedoch setzt voraus, dass die Hilfsprogramme der Notenbanken und Regierungen greifen und es zu keiner unkontrollierten zweiten Infektionswelle kommt. Insgesamt rechnet die Deutsche Bank zum Jahresende 2020 mit zum Teil höheren Kursständen als derzeit.

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Redaktionsschluss: 16.04.2020