Aktien – 15.07.20

China: Innovationen eröffnen Anlagemöglichkeiten

Die wichtigsten Fakten:

  • Chinas Innovationsfähigkeit im weltweiten Vergleich top
  • Hohe Bildungsabschlüsse und steigende Investitionen stützen Entwicklung
  • Anleger könnten vom chinesischen Hightechtrend profitieren
Hightech im Fokus: China fordert die globale Technologieführerschaft der USA heraus.

Hightech im Fokus: China fordert die globale Technologieführerschaft der USA heraus. MirageC / Getty Images

Die Dynamik an den globalen Aktienmärkten war in den vergangenen Monaten besonders hoch. Nach den massiven coronabedingten Kursrückgängen aus dem ersten Quartal zogen die Notierungen im zweiten Quartal deutlich an und glichen die Verluste ein gutes Stück weit aus. Es war eines der besten Quartale seit mehr als zwanzig Jahren. Viele Investoren bewerteten die langfristigen Aussichten für die Börsen grundsätzlich positiver als die konjunkturelle Lage. Niedrige Zinsen und die Hoffnung auf eine baldige Rückkehr der Unternehmen zum langfristigen Gewinntrend – getrieben unter anderem durch die enormen fiskal- und geldpolitischen Hilfsmaßnahmen weltweit – stützten die Notierungen ebenso wie die Hoffnung auf eine baldige Corona-Impfung bzw. ein entsprechendes Medikament.

Der strukturelle Wandel dürfte sich fortsetzen

In diesem von Ad-hoc-Meldungen geprägten Marktumfeld traten langfristige Entwicklungen wie strukturelle Änderungen innerhalb von Volkswirtschaften zeitweise in den Hintergrund. Dabei haben diese aus Anlegersicht nichts an Relevanz verloren. Ein Beispiel: die Entwicklung der Innovationskraft eines Landes. Sie ist maßgeblich verantwortlich dafür, wie sich die Produktivität und damit der Wohlstand entwickelt. Für Anleger ist sie damit ein zentraler Indikator dafür, wie sich eine Volkswirtschaft über einen längeren Zeitraum wandeln könnte. 

Globales Innovationszentrum China

Als Gradmesser der Innovationskraft eines Landes lässt sich die Zahl der angemeldeten und publizierten Patente nach dem strengen und international einheitlichen PCT-Standard (Patent Cooperation Treaty) in Betracht ziehen. Galten die USA lange Zeit als Vorreiter technologischer Innovationen, kommt China mit großen Schritten dem bislang unangefochtenen Innovationsführer näher. Die zweitgrößte Volkswirtschaft der Welt hat sich in den vergangenen dreißig Jahren von der Werkbank der Welt mit billigen Arbeitskräften zu einem ernst zu nehmenden Konkurrenten und Hightechstandort entwickelt. Während das Reich der Mitte bei der Anzahl der tatsächlich erteilten Patente noch knapp hinter den USA liegt, ist es bei den Patentbeantragungen mittlerweile weltweit die Nummer eins. Allein in den vergangenen fünf Jahren stieg die Zahl der Anmeldungen in China um 128 Prozent, während sie im weltweiten Durchschnitt nur um 22 Prozent zulegte. In den USA gab sie im selben Zeitraum sogar um 7 Prozent nach – wenngleich das absolute Niveau in der größten Volkswirtschaft der Welt nach wie vor hoch ist.

„China: Innovationen eröffnen Anlagemöglichkeiten“

Innovation in Zukunftsbranchen

Innovationsfreudig zeigt sich China vor allem in Zukunftsbranchen. Mit der Agenda „Made in China 2025“ (MIC25) hat das Land seinen technologischen Anspruch bereits deutlich gemacht. Im Rahmen von MIC25 wurden zehn Wirtschaftsbereiche identifiziert, in denen China eine globale Führungsrolle anstrebt, darunter beispielsweise Telekommunikation, Automatisierung und Robotik, Energie, Luftfahrt- und Fahrzeugtechnik sowie Medizin. Daneben versucht das Reich der Mitte, diese Technologien mit Projekten wie der Neuen Seidenstraße zu exportieren. Bei der Entwicklung des neuen Mobilfunkstandards 5G scheint das Reich der Mitte bereits einen Vorsprung zu haben und auch im Halbleiterbereich macht das Reich der Mitte besonders große technologische Schritte nach vorn. Und das Tempo dürfte hoch bleiben: Im Rahmen von MIC25 plant die chinesische Regierung in den kommenden fünf Jahren Investitionen in Zukunftstechnologien wie 5G, künstliche Intelligenz und Cybersecurity in Höhe von umgerechnet 1,25 Billionen Euro. Für chinesische IT-Unternehmen sollte das eine gesicherte Nachfrage bedeuten. Im Bereich Cybersecurity beispielsweise stand die Regierung im vergangenen Jahr für mehr als ein Viertel der Gesamtausgaben – und nicht nur in dieser Branche könnte der Anteil weiter steigen. 


Mithilfe dieser Investitionen möchte sich das Reich der Mitte unabhängiger machen von globalen Lieferketten – ein angesichts des Technologiekonflikts mit den USA bedeutender Entwicklungsschritt. Denn trotz aller Fortschritte ist China nach wie vor etwa von Chipimporten abhängig. Und diese werden seitens der USA zunehmend erschwert. Beispielsweise benötigen alle Unternehmen, deren Halbleiter auf US-Technologie basieren, für die Lieferung an den chinesischen Telekommunikationsriesen Huawei eine spezielle Exportlizenz. 

Vom Techanwender zum Techinnovator

Dafür, dass dieser chinesische Innovationsschub nachhaltig sein dürfte, sprechen zum einen die stetig wachsenden Ausgaben für Forschung und Entwicklung im Land, die durch staatliche Impulse wie den bis 2035 ausgelegten „Long-Term Science and Technology Development-Plan“ langfristig gestützt werden. Zum anderen profitiert China von der Quantität und Qualität seines „Humankapitals“: Jährlich erlangen rund 61.000 Chinesen einen Doktortitel (USA: 55.000), wobei der Anteil an Ingenieuren mit 35 Prozent besonders hoch ist (USA: 15 Prozent). Zudem könnte es aufgrund zunehmender geopolitischer Spannungen zu einer verstärkten Rückkehr von in den USA ausgebildeten chinesischen Wissenschaftlern in ihr Heimatland kommen.

Asienfokus bei Techinvestments stärken

Für China als Innovationszentrum sind das vielversprechende Entwicklungen. Für entsprechend risikobereite und langfristig orientierte Anleger, die am globalen Technologietrend partizipieren möchten, könnte es bedeuten, bei einem entsprechenden Investment neben den USA auch den asiatischen Raum in Erwägung zu ziehen – zumal sich der chinesische Markt zunehmend öffnet. Im chinesischen Leitindex CSI 300 beispielsweise beträgt allein der Anteil von IT- und Kommunikationsunternehmen mehr als 15 Prozent. Im asiatischen Schwellenländerindex MSCI EM Asia wiederum sind neben chinesischen auch ebenso innovative südkoreanische oder taiwanesische Techunternehmen prominent vertreten.

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Redaktionsschluss: 15.07.2020