Aktien – 07.08.19

Chinesische Konjunktur vor Comeback

Die wichtigsten Fakten:

  • Chinesisches Wirtschaftswachstum zuletzt unter Druck
  • Konjunkturelle Stützungsmaßnahmen der Regierung entfalten Wirkung
  • Frühindikatoren sprechen für konjunkturelle Stabilisierung

Sie könnte die Geldpolitik lockerer gestalten: die chinesische Zentralbank People’s Bank of China. Quelle: Yongyuan Dai / Getty Images

Es war das schwächste Quartalswachstum seit Beginn der Aufzeichnung im Jahr 1992: Von April bis Juni 2019 legte die chinesische Wirtschaft nur um 6,2 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum zu. Eine Überraschung war das gleichwohl nicht. Zum einen belastet seit einiger Zeit der Handelsstreit mit den Vereinigten Staaten die chinesische Konjunktur. Zum anderen ist es für eine Volkswirtschaft von der Größe Chinas schlichtweg unmöglich, in reiferen Entwicklungsphasen ihre Wachstumsraten aus der Vergangenheit beizubehalten. Bereits heute liegt das Bruttoinlandsprodukt (BIP) im Reich der Mitte nach Kaufkraftparität (KKP) betrachtet bei rund 25 Billionen US-Dollar und damit über dem US-BIP. Bei einem jährlichen Konjunkturplus von rund 6 Prozent wächst die chinesische Wirtschaft alle vier Jahre um die Größe der gesamten deutschen Wirtschaft – immer noch ein sehr großes Plus.

China: Konjunkturstützende Maßnahmen scheinen zu wirken

Um diese Dynamik beizubehalten und den negativen Auswirkungen des Handelsstreits entgegenzuwirken, hat die Regierung in Peking in den vergangenen Monaten diverse konjunkturstützende Maßnahmen lanciert – wohl auch vor dem Hintergrund des 70. Jahrestags der Volksrepublik China am 1. Oktober 2019 und dem 100-jährigen Bestehen der Kommunistischen Partei Chinas 2021. Denn im Umfeld der Feierlichkeiten käme eine Wachstumsschwäche besonders ungelegen.

Aktuell scheint es, als würden sich die gelockerte Kreditvergabe, Steuersenkungen und die mehrfache Senkung des Mindestreservesatzes positiv in der Realwirtschaft niederschlagen. Darauf deuten jüngste Konjunkturdaten aus dem Juni hin: Die Investitionen in langlebige Güter wie beispielsweise Maschinen stiegen um 5,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr. Die Industrieproduktion legte sogar um 6,2 Prozent zu – Marktteilnehmer hatten lediglich mit einem Anstieg um 5,2 Prozent gerechnet.

„Druckphase überwunden? Chinas Wirtschaft scheint wieder auf solidem Wachstumsweg.“

Schwächelnder Konsum als Konjunkturbremse

Eine Belastung für die chinesische Konjunktur bleibt dagegen der schwächelnde Konsum. Zwar wiesen die Einzelhandelsumsätze im Juni ein Plus von 9,8 Prozent im Jahresvergleich auf. Dafür dürften jedoch insbesondere Einmaleffekte im Automobilsektor verantwortlich gewesen sein: Seit 1. Juli gelten in vielen chinesischen Provinzen strengere Abgasregeln für neu zugelassene Fahrzeuge. Händler hatten daher Modelle, welche die neuen Auflagen nicht mehr erfüllen, im Vorfeld mit hohen Rabatten verkauft.

Angesichts der verhaltenen Konsumstimmung im Land, des schwelenden Handelsstreits und der insgesamt abnehmenden globalen Konjunkturdynamik rechnet die Deutsche Bank mit weiteren konjunkturstützenden Maßnahmen seitens der Regierung in Peking. Die chinesische Notenbank dürfte sowohl den Leitzins als auch den Mindestreservesatz senken – und damit zu einer Stabilisierung der chinesischen Wirtschaft beitragen.

Geldpolitik in Asien wird lockerer

Profitieren dürfte China außerdem von geldpolitischen Maßnahmen in anderen asiatischen Staaten. In Indien, Malaysia und Singapur beispielsweise wurden die Leitzinsen bereits im ersten Halbjahr 2019 gesenkt. Für die zweite Jahreshälfte erwartet die Deutsche Bank dort weitere Zinssenkungen, ebenso wie in Taiwan und Thailand. Ein verbessertes konjunkturelles Umfeld auf dem Kontinent sollte aufgrund der engen wirtschaftlichen Verflechtung auch dem Reich der Mitte zugutekommen – rund 50 Prozent der chinesischen Exporte gehen in andere asiatische Staaten. Insgesamt rechnet die Deutsche Bank für das Gesamtjahr 2019 mit einem soliden Wirtschaftswachstum von 6,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahr – womit die Regierung auch ihr Wachstumsziel von 6,0 bis 6,5 Prozent erreichen würde.

Angebotsreformen für mehr Effizienz

Während geld- und fiskalpolitische Maßnahmen eher kurzfristig die Konjunktur stimulieren, dürfte Chinas Wirtschaft auf lange Sicht von den angestoßenen Angebotsreformen profitieren („Supply-Side Structural Reforms“, SSSR). Diese sind ein zentraler Bestandteil der wirtschaftspolitischen Agenda Chinas und zielen darauf ab, die Produktionsstruktur im Land effizienter zu gestalten. Dabei zeigten sich bereits Erfolge hinsichtlich des Abbaus von Überkapazitäten in Branchen wie beispielsweise der Stahlindustrie. Darüber hinaus sollen durch die Reformen langfristig Innovationen und neue, zukunftsträchtige Technologien (unter anderem künstliche Intelligenz, fortgeschrittene Fertigungstechnologien, alternative Antriebe) gefördert sowie mehr öffentliche Dienstleistungen bereitgestellt werden.

Kurzfristig schwankungsanfällig, langfristig interessant

Obwohl bei Schwellenländerinvestments stärkere Kursschwankungen insbesondere in Zeiten anhaltender Handelskonflikte nicht auszuschließen sind: Für entsprechend risikobereite, langfristig orientierte Anleger bleiben das Reich der Mitte und die asiatischen Schwellenländer damit insgesamt interessante Investmentziele.

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Redaktionsschluss: 01.05.2020