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Aktien / Volkswirtschaft/Geldpolitik – 08.03.21

Corona, Inflation, Zinsen: Wohin steuern die Märkte?

Die wichtigsten Fakten:

  • Wirtschaftliche Erholung weltweit dürfte sich beschleunigen
  • Inflations- und Zinsentwicklung als wichtige Markttreiber
  • Aussichten für Aktien und Immobilien weiter positiv, Anleihen unter Druck

In den vergangenen Wochen kam es zu deutlichen Bewegungen an den Anleihemärkten: In den USA legte die Renditen 10-jähriger Staatsanleihen seit Jahresbeginn von knapp 0,9 Prozent auf zeitweise rund 1,6 Prozent zu. Ihre deutschen Pendants kletterten von –0,6 Prozent auf –0,25 Prozent. Dieser schnelle Anstieg führte unter vielen Marktteilnehmern zur Verunsicherung: Er befeuerte die Sorge vor steigenden Finanzierungskosten für Unternehmen und Haushalte und nährte damit Spekulationen über mögliche negative Auswirkungen auf die konjunkturelle Entwicklung weltweit. An den Börsen sorgte die Aussicht auf vermeintlich „sichere“ Anlagealternativen zu Aktien für zwischenzeitliche Kursverluste, da die Risikoprämie auf Aktien durch den Renditeanstieg verringert wurde.

Die Deutsche Bank sieht die jüngste Zinsentwicklung als Ausdruck eines sich weiter verbessernden Konjunkturausblicks und daher nicht als aktuellen Dämpfer für Wirtschaft und Kapitalmärkte. Trotz der in den vergangenen Tagen zu beobachtenden Beruhigung an den Anleihemärkten und eines Rückfalls der US-Renditen auf 1,4 Prozent dürfte auf absehbare Zeit an den Aktienmärkten jedoch mit einer erhöhten Schwankungsintensität und zum Teil deutlich unterschiedlichen Entwicklungen auf Sektorbasis zu rechnen sein – mit Vorteilen für zyklische Branchen gegenüber defensiven Werten.

Deutliche Konjunkturerholung in Sicht

Angaben der Weltgesundheitsbehörde (WHO) zufolge haben sich die Infektions- und Todeszahlen in Zusammenhang mit der Coronavirus-Pandemie in den vergangenen sechs Wochen weltweit halbiert – wenngleich in Europa und in den USA aktuell die Sorge vor einer dritten Infektionswelle zuzunehmen scheint. Insgesamt verläuft die wirtschaftliche Erholung besser als noch vor einigen Monaten erwartet: Nach einem für Pandemiezeiten guten 4. Quartal 2020 und einem coronabedingten Rückschlag in den ersten Monaten des Jahres 2021 dürfte die Konjunktur im weiteren Jahresverlauf stark zulegen. In Deutschland beispielsweise hat sich der ifo Geschäftsklimaindex insbesondere bei den Erwartungskomponenten zuletzt weiter aufgehellt. Vor allem im Außenhandel, Konsum und Einzelhandel wird ein deutlicher Aufholprozess erwartet. Das Verarbeitende Gewerbe und der Export laufen bereits deutlich besser als befürchtet. Weltweit wachstumsstützend dürften insbesondere die billionenschweren Fiskalprogramme, allen voran in den USA, Europa und China, wirken. Die Deutsche Bank rechnet unter anderem dadurch für das Jahr 2021 mit einem Wirtschaftswachstum in den USA zwischen 5 und 6 Prozent – nach Verabschiedung weiterer Fiskalprogramme könnten es sogar mehr als 8 Prozent werden. In der Eurozone scheinen bis zu 6 Prozent und in Deutschland rund 4 Prozent möglich. Die chinesische Wirtschaft könnte nach 2,3 Prozent im vergangenen Jahr sogar mit bis zu 10 Prozent zulegen.

„Corona, Inflation, Zinsen: Wohin steuern die Märkte
2021? Das Markt-Update für Anleger“

Potenzialwachstum und Inflation

Warum bei diesen Zahlen nicht nur Euphorie an den Märkten herrscht, sondern zunehmend Inflationssorgen aufkommen, wird klarer, wenn man sich den Unterschied zwischen Potenzialwachstum und Konjunktur anschaut. Das Potenzialwachstum beschreibt die Größenordnung, in der eine Volkswirtschaft langfristig wachsen kann, ohne Inflation zu erzeugen. Es ist abhängig von den Produktionsfaktoren Arbeit, Kapital und technischer Fortschritt. Für die USA wird das Potenzialwachstum auf etwa 2 Prozent pro Jahr geschätzt, in der Eurozone sind es 1,5 Prozent und in Deutschland weniger als 1 Prozent. Die Konjunktur wiederum schwankt um dieses Potenzialwachstum herum: In guten Konjunkturphasen liegt ihr Wachstum über, in schwachen Konjunkturphasen unter dem Potenzialwachstum.

Zuletzt hinkte die konjunkturelle Entwicklung dem Potenzialwachstum coronabedingt hinterher. In den USA zum Beispiel liegt diese sogenannte Produktionslücke immer noch geschätzt bei rund 3 Prozent, in Deutschland bei 3,5 Prozent. Im Zuge der laufenden und möglicher weiterer Fiskalprogramme sollten sich diese Lücken bis zum Sommer 2021 jedoch schließen. Ab dann dürfte die Wirtschaft an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen – was definitionsbedingt zu einem Anstieg der Inflation führen sollte.

Ob es tatsächlich dazu kommen wird, bleibt jedoch abzuwarten. Einige Experten gehen davon aus, dass inflationsdämpfende Faktoren wie die Globalisierung oder die Digitalisierung die Oberhand behalten könnten. Andere argumentieren hingegen, dass die Produktionslücke und damit das Potenzialwachstum unterschätzt würde.

Notenbankpolitik bleibt expansiv

Zuletzt zog die Inflation mancherorts vergleichsweise stark an, zum Beispiel in Deutschland. Das war allerdings vor allem auf Basiseffekte wie höhere Energiepreise, die Einführung einer CO2-Abgabe oder die Wiedererhöhung der Mehrwertsteuer zurückzuführen. Langfristig scheint es derzeit am wahrscheinlichsten, dass die Inflation moderat in einen Bereich um 2 Prozent ansteigt: Die Marktteilnehmer rechnen für die kommenden zehn Jahre in den USA mit einem Preisanstieg von jährlich 2,2 Prozent, in Europa könnte es etwas mehr werden. Ein solches Niveau gäbe den Notenbanken genug Spielraum, um die wirtschaftliche Erholung durch eine anhaltend unterstützende Geldpolitik weiter zu begleiten: In den USA wird mit einer ersten Leitzinsanhebung frühestens 2023 gerechnet, in der Eurozone könnte es sogar erst 2025 so weit sein.

Anleihen weiter unter Druck

Was aber bedeutet dies alles für die Kapitalmärkte? An den Anleihemärkten führt das Zusammenspiel aus steigenden, aber nach wie vor niedrigen Zinsen zu ungünstigen Bedingungen für Anleger: Einerseits sind Kursverluste wahrscheinlich, andererseits sind kaum reale Zinserträge zu erwirtschaften. Das gilt insbesondere für bonitätsstarke Staats- und Unternehmensanleihen, etwa aus den USA oder Europa. Interessanter dürften für entsprechend risikobereite Anleger Staatsanleihen aus den Schwellenländern sein, ebenso wie Unternehmensanleihen geringerer Bonität, zumal hier vor dem Hintergrund einer zunehmenden Konjunkturerholung in den kommenden Monaten mit Hochstufungen zu rechnen sein dürfte.

Aktientrend intakt – zyklische Aktien im Fokus

Grundsätzlich hält die Deutsche Bank den positiven Aktienmarkttrend für intakt. Diese Einschätzung wird nicht zuletzt durch die Ergebnisse der Berichtssaison zum 4. Quartal 2020 gestützt: Sowohl in Europa als auch in den USA konnten die meisten Unternehmen die Gewinnerwartungen der Analystengemeinde übertreffen. Im US-Leitindex S&P 500 beispielsweise lag das tatsächlich erreichte Gewinnwachstum im Vergleich zum Vorjahreszeitraum bei plus 1 Prozent – prognostiziert wurde zuvor ein Minus von 14 Prozent. Für das Gesamtjahr 2021 wird ein Gewinnwachstum von 24 Prozent im Vergleich zum Vorjahr erwartet. Im Weltleitindex MSCI World beträgt das prognostizierte Wachstum 28 Prozent. Fortschritte sind auch in Europa zu beobachten. Hier liegen die Gewinnerwartungen der Unternehmen für das Jahr 2021 bei 40 Prozent und werden laufend weiter nach oben korrigiert.

Das gilt allerdings nicht für alle Bereiche gleichermaßen. Denn der derzeitige, wachstumsgetriebene Zinsanstieg führt zu uneinheitlichen Marktbewegungen. Profiteure der konjunkturellen Entwicklung sollten vergleichsweise niedrig bewertete Titel aus zyklischen Sektoren wie Finanzen, Reise, Freizeit, zyklischer Konsum und Rohstoffe sein. Unter Druck geraten dürften dagegen defensive Branchen wie Nahrungsmittel, Versorger oder Telekommunikation. Insgesamt sollten sich die negativen Auswirkungen des Zinsanstiegs aber in Grenzen halten. Zumal die Vergangenheit gezeigt hat, dass Aktienkurse und Anleiherenditen in einem starken konjunkturellen Umfeld gemeinsam steigen können. Sollten die Zinsen hingegen zu schnell anziehen, könnte es kurzfristig auch zu größeren Kursbewegungen kommen. Daher sollten Anleger auf absehbare Zeit mit einer erhöhten Schwankungsintensität an den Märkten rechnen und dem aktiven Risikomanagement ihres Portfolios eine besonders hohe Aufmerksamkeit widmen.

Immobilien bleiben interessant

Bestandteil eines ausgewogenen Portfolios könnten weiterhin auch Immobilieninvestments sein. Aus Anlegersicht bieten sich in den Sektoren Wohnen und Logistik aktuell besonders interessante Möglichkeiten. Büroimmobilien dürften trotz des Trends zum mobilen Arbeiten von der wachsenden Bedeutung des Dienstleistungssektors profitieren. Einzelhandelsimmobilien dürften dagegen weiter unter Druck geraten.

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Redaktionsschluss: 05.03.2021, 12:00 Uhr