Volkswirtschaft / Geldpolitik | Aktien – 02.04.20 (Archiv)

Coronavirus-Krise: europäische Autohersteller unter Druck

Die wichtigsten Fakten:

  • Coronavirus-Krise belastet die Automobilindustrie in hohem Maße
  • Sowohl Angebots- als auch Nachfrageseite unter Druck
  • Sowohl Angebots- als auch Nachfrageseite unter Druck

Coronavirus-Krise: Alarm für Autohersteller. Quelle: RMAX / Getty Images

Die Welt steht im Bann des Coronavirus. Auch an den Finanzmärkten sorgt die Ausbreitung von COVID-19 für immense Unsicherheit und deutliche Kursschwankungen: Erreichte der deutsche Leitindex DAX noch am 19. Februar 2020 mit 13.789 Punkten ein Rekordhoch, gab er seither mehr als 4.000 Indexpunkte nach. Selbst der weniger konjunktursensible und vergleichsweise robuste US-Leitindex S&P 500 verlor vom 29. Februar 2020 bis zum 23. März 2020 über 30 Prozent an Wert. Derart schnelle Kursrückgänge gab es in der Geschichte der Aktienmärkte noch nie. Der VIX-Index, der Ausschluss über die Kursschwankungen (Volatilität) im S&P 500 gibt, kletterte zuletzt auf ein neues Allzeithoch. Die Schwankungsbreite im US-Leitindex lag teilweise bei mehr als 10 Prozent an einem einzigen Tag.

Aktienkurse geben deutlich nach

Wie groß die Nervosität unter den Marktteilnehmern ist, zeigte sich auch an ihrer Reaktion auf die massiven geld- und fiskalpolitischen Maßnahmen bedeutender Zentralbanken beziehungsweise Regierungen. Selbst diese sorgten jeweils nur für eine kurzzeitige Marktberuhigung, bevor die Nervosität wieder die Oberhand gewann. Ein Grund dafür liegt in der Besonderheit der aktuellen Situation: Ausschlaggebend für die Unsicherheit und die Rezessionssorgen sind die – aufgrund fehlender wirksamer Medikamente und Impfungen – notwendigen Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie und ihrer Folgen auf die Realwirtschaft. Wie lange diese aufrechterhalten werden müssen, ist zum jetzigen Zeitpunkt vollkommen unklar.

Autoindustrie: Produktionsausfälle und Nachfragesorgen

Kurzfristig dürfte die Unsicherheit hoch bleiben – und zwar über sämtliche Aktienmarktsektoren und Wirtschaftszweige hinweg. Zu den Branchen, die ganz besonders unter der Corona-Pandemie leiden, gehört eine deutsche Schlüsselindustrie: die Autoindustrie. Diese steht ohnehin vor großen Herausforderungen wie strengeren Umweltauflagen und dem damit verbundenen technologischen Wandel. Nun kommt hinzu, dass die komplexen Lieferketten der Autobauer aufgrund von Mobilitätseinschränkungen, die zur Bekämpfung der COVID-19-Ausbreitung ergriffen wurden, zum Teil unterbrochen sind und die Nachfrage einbricht.

Die europäischen Autobauer sehen sich wegen der Coronavirus-Pandemie mit insgesamt nie dagewesenen Produktionsausfällen und Nachfragerückgängen konfrontiert. Angesichts zu erwartender Umsatzeinbrüche, hoher Fixkosten und mangelnder Präzedenzfälle für derartige Situationen mehren sich am Markt die Sorgen um die finanzielle Verfassung der europäischen Automobilkonzerne. Ihre Aktienkurse haben sich im vergangenen Monat im Schnitt mehr als halbiert. Allerdings verfügten die fünf größten Automobilkonzerne auf dem Kontinent Ende 2019 über 85 Milliarden Euro an Bruttobarmitteln und Kreditlinien in Höhe von 36 Milliarden Euro. Damit ist die Branche deutlich besser aufgestellt als zu Beginn der Weltwirtschaftskrise 2007, als die Unternehmen lediglich über liquide Mittel und Kreditlinien in Höhe von insgesamt rund 50 Milliarden verfügten. Obwohl die kommenden Monate herausfordernd werden dürften: Die europäischen Autobauer sollten auch diese Krise überstehen.

„Coronavirus: Europäische Autohersteller unter Druck – fundamental scheinen die Unternehmen aber solide aufgestellt.“

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Nachfrage nach Autos nimmt bereits ab

Wie stark die Coronavirus-Pandemie die Nachfrage belasten könnte, wird erst allmählich deutlich: Laut Europäischem Automobilverband (ACEA) wurden in der EU bereits im Februar 2020 7,4 Prozent weniger Pkw neu zugelassen als im Vorjahresmonat. Unter den großen Mitgliedstaaten verzeichnete Deutschland mit einem Minus von 10,8 Prozent einen besonders starken Einbruch. Dabei spiegelt sich die Coronavirus-Krise in diesen Zahlen noch gar nicht in vollem Umfang wider – der Nachfragerückgang wird sich daher im weiteren Jahresverlauf höchst wahrscheinlich noch beschleunigen. Bereits im März und April dürften die Absatzzahlen aufgrund der in vielen Ländern Europas – zum Beispiel in Deutschland – verordneten Schließung der Autohäuser massiv einbrechen. Unabhängig davon kommt hinzu: Je länger die Krise in Europa andauert, desto weiter werden die Menschen teure Neuanschaffungen – wie Autos – aufschieben und die Nachfragesorgen der Autobauer größer werden. Denn unter Konsumenten sorgt COVID-19 ebenfalls für starke Verunsicherung. Finanzielle Einbußen etwa durch Kurzarbeit oder Arbeitsplatzverlust sind möglich. Die Corona-Pandemie trägt so entscheidend zu der Einschätzung bei, dass in Europa 2020 mit einem Rückgang der Autoverkäufe um 6 bis 7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr zu rechnen ist. Die gute Nachricht jedoch lautet: Anders als in der Reisebranche oder der Gastronomie scheinen Nachholeffekte möglich. Die aufgeschobenen Autokäufe dürften zu einem späteren Zeitpunkt getätigt werden, wenn sich die Situation entspannt hat.

Erst Risiken kontrollieren, dann Möglichkeiten nutzen

Erreicht die Ausbreitung des Coronavirus im ersten Halbjahr ihren Höhepunkt, könnten die Kurse an den internationalen Aktienmärkten nach Einschätzung der Deutschen Bank im zweiten Halbjahr 2020 wieder steigen – nicht zuletzt aufgrund weiterer geplanter konjunkturstützender geld- und fiskalpolitischer Maßnahmen. Das gilt auch für Papiere der Autohersteller. Verlässliche Prognosen gestalten sich aufgrund der Coronavirus-Krise derzeit aber noch schwieriger als ohnehin, auch die Ertragserwartungen der Analysten sind mit großen Unsicherheiten behaftet. Oberste Priorität sollte daher aktuell das Risikomanagement des Gesamtportfolios haben. Dazu gehört die breite Streuung des Vermögens unter Berücksichtigung von Absicherungsinstrumenten wie Gold und bonitätsstarken Anleihen.

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Redaktionsschluss: 02.04.2020