Volkswirtschaft / Geldpolitik – 09.04.20 (Archiv)

Coronavirus-Krise: unsere Antworten auf Ihre Fragen

Die wichtigsten Fakten:

  • Massiver Einbruch des Wirtschaftswachstums weltweit
  • Geld- und Fiskalpolitik scheinen auf dem richtigen Weg
  • Inflation könnte in den kommenden Jahren leicht anziehen

Quelle: MicroStockHub / iStock by Getty Images

Die Coronavirus-Pandemie hat das Leben der Menschen weltweit in den vergangenen Wochen stark verändert. Zu den sozialen und gesundheitlichen Folgen kommen massive ökonomische Auswirkungen: Viele Volkswirtschaften rutschen in die Rezession und die Arbeitsmärkte stehen massiv unter Druck.

Für Anleger stellen sich in dieser Zeit viele Fragen. Im Folgenden möchten wir die häufigsten Anfragen unserer Kunden aus den vergangenen Tagen beantworten. Weitere Informationen zum Thema „Anlegen in Zeiten des Coronavirus“ finden Sie hier.

„Update Coronavirus-Krise: Wir beantworten Ihre Fragen zur aktuellen Situation.“

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Was macht die Coronavirus-Krise so besonders – waren die starken Kursverluste nicht vorherzusehen?

In der Vergangenheit hatten die meisten externen Konjunkturschocks ihren Ursprung an den Finanzmärkten – etwa die Finanzkrise 2008. Bei der Coronavirus-Krise verhält es sich anders: Unternehmen sind dieses Mal nicht die Auslöser der Krise, sondern die Leidtragenden. Auslöser der Krise waren die als Reaktion auf die Ausbreitung des Coronavirus eingeleiteten Quarantänemaßnahmen in China, die zu einem plötzlichen und massiven Einbruch der chinesischen Produktion führten. Dieser Angebotsschock führte weltweit schnell zu einer Unterbrechung wichtiger Lieferketten. Nachdem auch in Europa und den USA immer mehr Infektionsfälle aufgetreten und umfangreiche Eindämmungsmaßnahmen umgesetzt worden waren, kam es zusätzlich zu einem Nachfrageschock, also einem Einbruch bei Konsum und Investitionen. Insgesamt handelt es sich um eine bewusst in Kauf genommene, hausgemachte Krise: Staaten fahren ihre wirtschaftliche Aktivität massiv herunter, um ihre Gesundheitssysteme vor einer Überlastung zu schützen.

Ein solcher externer Schock ist nicht vorhersehbar und damit auch nicht in einer Anlagestrategie abzubilden. Das erklärt auch die hohe Marktdynamik der Coronavirus-Krise: Der massive Kurseinbruch am Aktienmarkt von etwa Mitte Februar bis Mitte März war der schnellste aller Zeiten – deutlich schneller als etwa bei der Finanzkrise 2008 oder beim Platzen der New-Economy-Blase 2000. Gleichzeitig stieg die Schwankungsbreite der Kurse auf ein neues Allzeithoch: Nach dem rasanten Kurseinbruch mit Verlusten, zum Beispiel im deutschen Leitindex DAX von fast 40 Prozent, schwankten die Notierungen an einzelnen Tagen im zweistelligen Prozentbereich. So wie die aktuelle Krise in ihrem Ausmaß ohne historisches Vorbild ist, folgt auch die Entwicklung der Aktienkurse derzeit keinem bekannten Muster.

Was ist nötig, damit die Wirtschaft sich erholen kann – sind Regierungen und Notenbanken auf dem richtigen Weg?

Die wichtigste Voraussetzung für eine konjunkturelle Erholung ist sicher die nachhaltige Abnahme der Zahl von Coronavirus-Neuinfektionen. Denn erst die globale Eindämmung der Pandemie gestattet eine allmähliche Rückkehr zur Normalität – für jeden Einzelnen von uns ebenso wie für die Betriebe und Unternehmen.

Um die negativen Auswirkungen auf die Realwirtschaft möglichst gering zu halten und ein weiteres Übergreifen der Coronavirus-Krise auf die Finanzmärkte zu verhindern, sind zudem rasche fiskal- und geldpolitische Hilfsmaßnahmen erforderlich. Es scheint so, als würden Regierungen und Notenbanken in vielen Ländern dieser Aufgabe gerecht werden. In den USA beispielsweise – wo mittlerweile ein Konjunkturminus im zweiten Quartal 2020 von bis zu 40 Prozent (!) im Vergleich zum Vorjahreszeitraum erwartet wird – wurde Ende März ein mehr als 2 Billionen Dollar schweres Hilfspaket geschnürt. Das laut US-Demokrat Chuck Schumer „größte Rettungspaket in der amerikanischen Geschichte“ umfasst unter anderem einkommensabhängige Direkthilfen für US-Haushalte (1.200 US-Dollar für Erwachsene und 500 US-Dollar pro Kind), eine Aufstockung des Arbeitslosengeldes, Investitionen in das Gesundheitssystem und Unterstützungen für Bundesstaaten und Kommunen. Hinzu kommt die Bereitstellung eines Kapitalpuffers, der es der US-Notenbank Fed erlaubt, Kredite im Gesamtvolumen von mehr als 4 Billionen US-Dollar an Not leidende Unternehmen zu vergeben. Weitere Hilfen für Privathaushalte und Unternehmen sind in der Diskussion.

In Deutschland wurde ein Nachtragshaushalt über 156 Milliarden Euro beschlossen sowie ein Wirtschaftsstabilisierungsfonds mit einem Volumen von 600 Milliarden Euro ins Leben gerufen, der Liquiditätsengpässe bei Unternehmen überbrücken sowie zu ihrer Kapitalstärkung beitragen soll. Für Selbstständige und kleinere Betriebe sind zudem 50 Milliarden Euro Direkthilfen vorgesehen. Ferner wurde der Zugang zu Kurzarbeitergeld vereinfacht und Soforthilfen für Krankenhäuser, Arztpraxen und Pflegeeinrichtungen beschlossen. Ähnliche Programme wurden von anderen europäischen Ländern sowie der Europäischen Union aufgelegt. Auch in Europa sind weitere staatliche Hilfspakete im Gespräch. Zudem dauern die Diskussionen über die stärkere Einbindung des Europäischen Stabilitätsmechanismus (ESM) oder die Auflegung sogenannter Coronabonds weiter an. Hilfe kommt auch vonseiten der Notenbanken: Die US-amerikanische Fed hat ebenso wie die Europäische Zentralbank umfangreiche Anleihekaufprogramme aufgelegt und vergibt günstige Kredite an Banken.

Aktuell erscheint es möglich, dass es bereits in absehbarer Zeit durch eine Lockerung der strikten Coronavirus-Eindämmungsmaßnahmen (Ausgangs-, Reise- und Kontaktbeschränkungen) sowie die geld- und fiskalpolitischen Hilfen zu einer allmählichen konjunkturellen Erholung kommen könnte. Die Deutsche Bank erwartet dies frühestens im zweiten Halbjahr 2020.

Wird der Inflationsdruck durch die billionenschweren Hilfspakete in absehbarer Zukunft steigen?

Momentan ist Inflation sicher kein Thema. Im Gegenteil: Die Rezession in vielen Volkswirtschaften und der stark unter Druck stehende Konsum dürften auf absehbare Zeit kaum für steigende Preise sorgen. Allerdings ist die Frage im Angesicht der immensen geld- und fiskalpolitischen Maßnahmen rund um den Globus durchaus berechtigt.

Dabei ist der Zusammenhang zwischen der Geldmenge und den Preisen nicht mehr so direkt auszumachen, wie er einst erschien. Das liegt unter anderem daran, dass Haushalte und Unternehmen heute mehr sparen als früher. Vertreter der „Secular Stagnation“-Theorie beispielsweise gehen davon aus, dass die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen langfristig zu niedrig sein wird, um die vorhandenen Kapazitäten auszulasten. Begründet wird dies unter anderem mit dem über die Zeit abnehmenden Bevölke-rungswachstum und der zunehmenden Digitalisierung, die in den vergangenen Wochen noch einmal einen massiven Bedeutungsschub erfahren hat. Denn neue Techniken führten zu einer strukturellen Verschiebung der Investitionstätigkeit in weniger kapitalintensive Bereiche: Beispielsweise mache der Siegeszug des Online-Handels den Neubau von Shoppingcentern weitestgehend überflüssig und die Sharing Economy, also die gemeinschaftliche, zeitlich begrenzte Nutzung von Ressourcen, verstärke den Rückgang der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage noch. Statt zu investie-ren beziehungsweise zu konsumieren, werde gespart – und zwar sowohl von Unternehmen als auch von privaten Haushalten. Folgen seien ein langfristig schwaches Wirtschaftswachstum, geringe Lohnzuwächse sowie niedrige Zin-sen, was insgesamt eher deflationär wirken würde.

Darüber hinaus gibt es eine ganze Reihe weiterer Aspekte, die einem baldigen Inflationsanstieg entgegenwirken könnten:

  • Viele Unternehmen bleiben aktuell buchstäblich auf ihren Produkten sitzen – die Lager bleiben voll, was bei einer Normalisierung der wirtschaftlichen Lage den Preisdruck senken könnte.
  • Die Fiskalmaßnahmen in Europa sind nicht so groß wie etwa in den USA. Zudem handelt es sich meist „nur“ um Überbrückungshilfen. Diese lassen sich bei Bedarf schnell zurückfahren, wodurch Konsumenten dann weniger Geld zur Verfügung hätten.
  • Der niedrige Ölpreis dürfte sich ebenfalls eher dämpfend auf das Preisniveau auswirken.
  • Aufgrund der hohen Belastungen für die Arbeitsmärkte dürfte es in absehbarer Zukunft nicht zu stärker steigenden Löhnen kommen.
  • Schließlich lohnt ein Blick nach Fernost: In Japan gab es in den vergangenen 30 Jahren immer wieder große Fiskalpakete, die Staatsverschuldung stieg immer weiter an. Trotzdem blieb die Inflation niedrig.

Andererseits gibt es, neben der bereits erwähnten Zunahme der Geldmenge und der Schulden, valide Argumente für eine steigende Inflation in den kommenden Jahren:

  • Verbraucher schieben ihren Konsum aktuell teilweise auf. Bei einer Normalisierung der Lage könnten Nachholeffekte den Konsum und damit die Preise treiben.
  • Die Unterbrechung der globalen Lieferketten könnte noch einige Zeit anhalten und zu höheren Preisen bei Ersatzteilen und Fertigprodukten führen. Gleiches gilt bei einer grundsätzlichen Abnahme der globalen Arbeitsteilung, wie sie aufgrund der momentanen Störung des internationalen Handels bereits diskutiert wird.
  • Der zuletzt offensichtlich gewordene, notwendige Ausbau ihrer Gesundheitssysteme dürfte in einzelnen Volkswirtschaften zu großen Investitionsausgaben führen.
  • Die Zentralbanken zeigten bereits vor der Coronavirus-Krise Bereitschaft, eine höhere Inflation zuzulassen.

Bei allem Für und Wider in Sachen Inflation wird es letztlich darauf ankommen, wie gut und schnell die Erholung gelingt und wie lange die außergewöhnlichen geld- und fiskalpolitischen Maßnahmen aufrechterhalten werden. Momentan steht ganz eindeutig die Krisenbewältigung im Fokus: Unternehmen müssen jetzt mit gezielten Hilfspaketen unterstützt und am Leben gehalten werden, um eine ökonomische Erholung nach der Krise überhaupt möglich zu machen und den Euro zu stabilisieren. Später im Jahr könnte es dann notwendig werden, zusätzlich breit angelegte Konjunkturpakete nachzuschieben. Insgesamt sieht die Deutsche Bank die Staaten und die Europäische Zentralbank mit ihren Maßnahmen auf einem guten Weg.

Sobald sich die Weltwirtschaft normalisiert, sollten dann aber strukturelle Probleme angegangen werden, um das langfristige Potenzialwachstum anzuheben. Dies jedoch ist meist mit spürbaren Einschnitten für Arbeitnehmer und Unternehmen verbunden und in der Politik entsprechend unpopulär. Wie nach der Finanzkrise 2008/2009 ist daher nicht unbedingt damit zu rechnen, dass auch nach der akuten Coronavirus-Krise die Geldflut ein schnelles Ende finden wird. Das muss allerdings nicht zwangsläufig zu höheren Preisen führen: Auch in den Jahren nach 2009 stieg die Inflation nicht nachhaltig stark an.

Aktuell dürften die deflationären Tendenzen aus dem Nachfrageschock die inflationären Tendenzen aus dem Angebotsschock ohnehin noch überwiegen. Zumal, wie derzeit in China zu beobachten ist, der Konsum erst mit einem gewissen Zeitverzug auf das Wiederanfahren der Industrieproduktion reagiert. Im kommenden Jahr könnte die Inflation dann aber tatsächlich etwas höher ausfallen als heute – für deutlich steigende Preise oder sogar eine Hyperinflation gibt es jedoch keinerlei Anzeichen.

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Redaktionsschluss: 09.04.2020