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Volkswirtschaft/Geldpolitik – 08.06.21

Der Wandel der Halbleiterindustrie

Die wichtigsten Fakten:

  • Globaler Halbleitermarkt aktuell in der Hand sehr weniger Unternehmen
  • Viele Länder planen umfangreiche Investitionen in diesem Bereich
  • Deutliche Verschiebung der Marktanteile in fünf bis zehn Jahren möglich

Der globale Halbleitermarkt ist riesig und dürfte in den kommenden Jahren weiter dynamisch wachsen: Lag das Umsatzvolumen 2019 noch bei 412 Milliarden US-Dollar, könnte es 2024 bereits 532 Milliarden US-Dollar betragen. Haupttreiber dieser Entwicklung sind neue Technologien, unter anderem in zukunftsweisenden Bereichen wie der E-Mobilität, dem neuen Mobilfunkstandard 5G oder dem Internet der Dinge.

Großer Markt, kleine Anbietergemeinde

So groß der Markt für Computerchips auch sein mag, so klein ist die Gruppe von Unternehmen, die den Löwenanteil der weltweiten Umsätze erwirtschaftet. Bei der Fertigung von Computerchips etwa erwirtschaften nur zwei Unternehmen – eines aus Südkorea und eines aus Taiwan – zusammengenommen gut 70 Prozent des weltweiten Umsatzes. Bei der Produktion von Fertigungsmaschinen teilen sich ein niederländisches, ein japanisches und drei US-Unternehmen mehr als zwei Drittel der Umsätze.

Ein Grund für die Branchenstruktur: Die Entwicklung und Herstellung von Halbleitern ist äußerst komplex und setzt ein hohes Maß an Know-how und Innovationskraft voraus. Die Forschungs- und Entwicklungsaufwendungen in diesem Sektor sind besonders hoch und die Produktionsstätten müssen kontinuierlich modernisiert werden – Anforderungen, die aktuell nur wenige große Konzerne erfüllen können.

Weltweit massive Investitionen geplant

Die Hauptabnehmer des „digitalen Goldes“ dagegen sitzen vor allem in China, das insgesamt rund 35 Prozent der jährlichen Chipproduktion „verbraucht“. Doch auch die USA und Europa benötigen mehr Produktionskapazitäten, um ihren Hunger nach Halbleitern in Zukunft aus eigener Kraft verlässlich stillen zu können – insbesondere im Angesicht von Handelsstreitigkeiten und geopolitischen Verschiebungen, die zukünftig immer wieder zu Lieferengpässen führen könnten. Der jüngste „Stau“ im Suezkanal sowie pandemiebedingte Störungen in zuvor global etablierten Produktions- und Lieferketten haben gezeigt, dass nach vorne gerichtet eine Überprüfung dieser Ketten notwendig ist. Geht es nach den politischen Entscheidungsträgern in den drei Regionen, soll sich die Struktur der globalen Halbleiterindustrie in den kommenden Jahren spürbar ändern. Geplant sind massive Investitionsprogramme für den Auf- und Ausbau eigener Produktionskapazitäten, um sich von den herrschenden Oligopolen unabhängiger zu machen. Aber auch Südkorea und Japan haben bereits entsprechende Investitionspläne vorgelegt – weitere Nationen könnten folgen.

„Mehr Wettbewerb statt Oligopol: Warum die Halbleiterindustrie vor einer langfristigen Transformation steht.“    

USA wollen zurück zu alter Stärke

In den USA haben die Demokraten jüngst einen Entwurf für eine weitere Förderung des US-Halbleiterstandorts in den Senat eingebracht. Im Eingangstext verweisen die Autoren darauf, dass im Jahr 1990 noch 37 Prozent aller weltweit gefertigten Halbleiter in den USA produziert wurden – heute seien es nur noch 12 Prozent. Zudem warnen sie davor, dass Konkurrenten wie China stark in die Technologie investieren würden, um die Vorherrschaft im Markt zu erlangen. Vor diesem Hintergrund sieht der Entwurf zwischen 2022 und 2026 Investitionen in Höhe von insgesamt 52 Milliarden US-Dollar vor. Der Großteil der Gelder soll bereits im kommenden Jahr fließen und Anreize für private Investitionen in die Herstellung, Montage, Testung, Verpackung und Entwicklung von Wafern schaffen – also den Grundplatten, auf denen integrierte Schaltkreise hergestellt werden.

Europa hat neue Marktanteile im Blick

Europa hat sich ebenfalls ehrgeizige Ziele gesetzt: Der Anteil an der weltweiten Halbleiterproduktion soll sich in den kommenden Jahren von derzeit 10 Prozent auf 20 Prozent verdoppeln und Fertigungsstätten für Chips der Größen zehn Nanometer und kleiner errichtet werden. Hierzu sind im Wiederaufbaufonds der Europäischen Union insgesamt Fördermittel in Höhe von 145 Milliarden Euro vorgesehen. In Deutschland beteiligt sich die Bundesregierung bereits mit bis zu 1 Milliarde Euro am „Important Project of Common European Interest on Microelectronics“, das unter anderem 18 deutsche Unternehmen bei der Errichtung moderner Chipfabriken und der Schaffung zukunftsfähiger Arbeitsplätze im Halbleitersektor unterstützt.

China investiert bereits kräftig

China investiert indes bereits größere Summen. Um unabhängiger von Importen zu werden, fördert China die heimische Chipindustrie mit umgerechnet rund 100 Milliarden US-Dollar. Dazu gehört unter anderem der China Integrated Circuit Industry Investment Fund, der umgerechnet ca. 29 Milliarden US-Dollar eingesammelt hat. Experten erwarten, dass die Zentralregierung weiter entschlossen daran arbeiten wird, die heimische Halbleiterproduktion aufzubauen. Technologisch hängt das Land nämlich noch hinter den internationalen Konkurrenten zurück. Zudem haben die USA durch Sanktionen den Druck in den letzten Jahren merklich erhöht.

Südkoreas Pläne zur Zementierung der Vorherrschaft

Als sehr ambitioniert sind die Pläne Südkoreas einzuschätzen. Am 12. Mai 2021 gab die koreanische Regierung bekannt, bis 2030 umgerechnet 450 Milliarden US-Dollar in die heimische Chipindustrie investieren zu wollen. Damit soll laut ISI Evercore die Verdopplung der Halbleiterexporte von 99,2 Milliarden US-Dollar im Jahr 2020 auf 200 Milliarden US-Dollar im Jahr 2030 sichergestellt werden. Die Pläne beinhalten unter anderem Anhebungen der Steuerfreibeträge für Chipproduzenten, die Reduzierung der Energiekosten sowie die Finanzierung der Ausbildung von 36.000 Halbleiterexperten. Gleichzeitig planen auch die großen koreanischen Chipunternehmen hohe Investitionen, im Volumen von umgerechnet rund 360 Milliarden US-Dollar bis zum Jahr 2030.

Japan noch eher verhalten

Japan wiederum zielt darauf ab, einen Marktanteil von 40 Prozent bei sogenannten Powerchips, die zum Beispiel in E-Autos verbaut werden, zu erreichen. Hierzu wurden jedoch bisher erst umgerechnet 2 Milliarden US-Dollar an Fördermitteln bereitgestellt. Weitere Gelder wird Tokio jedoch aller Voraussicht nach bald zur Verfügung stellen.

Halbleiter ins Portfolio?

Für entsprechend risikobereite Anleger könnte der Bereich Halbleiter daher auf lange Sicht interessant bleiben. Aufgrund der sehr dynamischen Entwicklungen in diesem Sektor dürfte sich bei möglichen Investments ein aktives Management, beispielsweise in Form eines entsprechenden Fonds, anbieten.

Hinweis: Alle im Text verwendeten Daten und Fakten haben, wenn nicht anders gekennzeichnet, als Quelle die Deutsche Bank.

Hinweis: Alle im Text verwendeten Daten und Fakten haben, wenn nicht anders gekennzeichnet, als Quelle die Deutsche Bank.

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Redaktionsschluss: 07.06.2021, 17:00 Uhr