Aktien – 14.07.20

Deutschland: Zahl der Aktienanleger steigt

Die wichtigsten Fakten:

  • Privatanleger aus Deutschland gelten gegenüber Aktien als skeptisch
  • Zuletzt ist die Zahl der neu eröffneten Wertpapierdepots hierzulande gestiegen
  • Die Gründe für das gestiegene Interesse an Aktien sind vielfältig

Die Deutschen zieht es wieder an die Börse. Quelle: Siegfried Layda / Getty Images

Privatanleger in Deutschland gelten als Aktienmuffel. Während Sparbuch und Eigenheim traditionell die beliebtesten Instrumente zur Vermögensbildung sind, verfügen nur rund zehn Millionen Bundesbürger, also etwa 12 Prozent der Bevölkerung, über Aktien. Zum Vergleich: In den Vereinigten Staaten ist rund die Hälfte der Bevölkerung an der Börse investiert.

Privatanleger zieht es an die Börse

Seit Beginn des Jahres steigt in Deutschland das Interesse am Aktienmarkt: Umfragen zufolge wurden im ersten Halbjahr 2020 rund 500.000 neue Wertpapierdepots eröffnet – insbesondere im März und April häuften sich die Depotneueröffnungen. Gleichzeitig handelten Anleger – gemessen an der Anzahl der Wertpapierkauf- und -verkaufsaufträge – mehr an der Börse als im selben Zeitraum 2019. Doch woher kommt das gestiegene Interesse an Aktien?

„Die Deutschen zieht es wieder an die Börse – die Gründe dafür sind vielfältig.“

Neuer Markt kostete vielen Anlegern Geld

Um dieser Frage auf den Grund zu gehen, bietet sich ein Vergleich mit der Situation in den späten 1990er-Jahren an. Damals boomte der sogenannte Neue Markt, das heißt ein Segment beziehungsweise Teilaktienindex der Deutschen Börse, welcher 1997 im Zuge der Euphorie um die New Economy nach dem Vorbild der amerikanischen Technologiebörse NASDAQ eingerichtet wurde. Zahlreiche Kleinaktionäre drängten an die Börse, um von den vermeintlichen Zukunftschancen der jungen Technologieunternehmen zu profitieren – oftmals, ohne die Geschäftsmodelle auch nur im Ansatz zu kennen. Das Ende ist bekannt: Es zeigte sich immer mehr, dass die Unternehmen die hohen Gewinnerwartungen nicht würden erreichen können. Im Jahr 2000 platzte schließlich die Dotcomblase und viele Anleger verloren zum Teil sehr viel Geld – das Verhältnis von in Deutschland ansässigen Privatanlegern zur Börse kühlte zunächst ab. Damals lag die Aktionärsquote in Deutschland auf einem Niveau von rund 9 Prozent.

Schneller investiert durch technologischen Fortschritt

Derzeit zieht es viele Bundesbürger wieder an den Aktienmarkt. Ein Grund dafür könnte sein, dass Aktien kaufen und verkaufen heute so einfach ist wie nie zuvor. Mit wenigen Klicks lässt sich online oder via Smartphone ein Depot eröffnen und nach Videolegitimation sofort mit dem Handeln loslegen. Daneben dürften viele Menschen heute besser über das Kapitalmarktgeschehen informiert sein und sowohl die Chancen als auch die Risiken besser einschätzen können als noch in den 1990er-Jahren. Dabei überrascht es nur auf den ersten Blick, dass Anleger mitten in der Coronavirus-Krise die Börse wieder für sich entdeckt haben: Sie sehen infolge des konjunkturellen Einbruchs und der damit verbundenen Kursrückschläge die Möglichkeit zeitnah wieder anziehender Notierungen. Diese Einschätzung teilt die Deutsche Bank, da es sich bei der aktuellen Rezession um einen „hausgemachten“ Abschwung handelt, der im Zuge der Maßnahmen im Kampf gegen die Coronavirus-Pandemie bewusst in Kauf genommen wurde. Zuletzt haben sich die wirtschaftlichen Perspektiven bereits wieder aufgehellt und die Aktienkurse vielerorts zugelegt.

Bewertungen relativ zu Anleihen attraktiv

Insgesamt ist auch das aktuelle Investmentumfeld kaum mit dem aus den späten 1990er-Jahren vergleichbar. Ein entscheidender Unterschied sind beispielsweise die Aktienbewertungen. Damals waren selbst Standardwerte mit Blick auf die Gewinnerwartungen für die kommenden zwölf Monate deutlich höher bewertet als heute: Im deutschen Leitindex DAX lag das Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) in der Spitze bei knapp 35, in seinem US-Pendant S&P 500 bei nahezu 25. Mit KGVs von 16,1 beziehungsweise 21,8 sind die Aktienmärkte von solchen Werten – vor allem in Europa – heute weit entfernt. Dennoch gilt zu berücksichtigen, dass die Aktienbewertungen deutlich über den jeweiligen langjährigen Mittelwerten liegen. Das bedeutet nach vorne gerichtet: Aktien sind aktuell alles andere als günstig. Viele Investoren scheinen aber über die ihrer Meinung nach nur zwischenzeitliche Gewinndelle hinwegzusehen und auf absehbare Zeit eine Rückkehr zum langfristig positiven Gewinntrend zu erwarten – das stützt die Kurse. Zumal Aktien im Vergleich zu anderen Assetklassen wie Anleihen unter Rendite-Risiko-Gesichtspunkten trotz ihrer hohen Bewertungen selten so interessant erschienen wie heute.

Kaum Alternativen für den Vermögensaufbau

Dazu kommen Unterschiede im Zinsumfeld: Während sich beispielsweise die Europäische Zentralbank damals im Zinserhöhungszyklus befand und der Leitzins beim Platzen der Dotcomblase bei 3,5 Prozent lag, verharrt er nun bereits seit 2016 bei 0,0 Prozent. Damit liegen auch die Sparzinsen auf historisch niedrigem Niveau und Sparbuch und Co bieten für den langfristigen Vermögensaufbau nach Zinsen und Inflation keine positive Rendite. Das bedeutet TINA („There is no alternative“): Es gibt für entsprechend risikobereite Anleger schlichtweg kaum eine Alternative zu Aktien.

Wer schnell handelt, macht schnell Fehler

Bei alledem gilt es jedoch zu beachten: Auch die Welt der Aktien ist nicht ohne Risiken. Denn wer mit den neuen technischen Möglichkeiten schnell handelt, kann auch schnell Fehler machen. Daher gilt es, am Aktienmarkt mit kühlem Kopf und ruhiger Hand zu agieren – und bei Bedarf auf professionelle Unterstützung zurückzugreifen. Daneben sollten nicht nur Börsenneulinge das Kapital immer über unterschiedliche Anlageklassen wie Anleihen, Immobilien, Rohstoffe und im Aktienbereich über verschiedene Branchen und Regionen streuen. Umsetzbar ist dies zum Beispiel mit einem oder mehreren aktiv gemanagten Investment- oder Multi-Asset-Fonds. Ob als Einmalanlage oder ratierlich: Der persönliche Anlagehorizont, also die Frage, wie lange man auf das angelegte Geld verzichten kann, sowie der ganz individuelle Risikoappetit bei der Wahl des Investments sind hierbei zu berücksichtigen.

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Redaktionsschluss: 10.07.2020