Aktien | Rohstoffe – 07.07.20

Europäische Aktien – im Windschatten der Weltkonjunktur

Die wichtigsten Fakten:

  • Europäische Unternehmen mit hohem Auslandsanteil am Umsatz
  • Globale Konjunkturerholung könnte Aktienkurse weiter treiben
  • Coronavirus und USA-China-Konflikt als Hauptunsicherheitsfaktoren

Quelle: Daniel Day / Getty Images

Unternehmen aus den USA erwirtschaften im Schnitt fast drei Viertel ihrer Umsätze im eigenen Land. Es erscheint daher logisch, dass Anleger, die Vertrauen in die Stärke der US-Wirtschaft haben, auch dort investieren. Blickt man hingegen nach Europa, zeigt sich ein anderes Bild: Hier erwirtschaften viele Unternehmen einen Großteil ihrer Gewinne und Umsätze im Ausland.

„Europaaktien mit weiterem Kurspotenzial – Weltkonjunktur als maßgeblicher Impulsgeber“

Europa: vom Ausland abhängig und konjunktursensibel

Insgesamt weisen europäische Unternehmen im weltweiten Vergleich die höchste Abhängigkeit vom Auslandsgeschäft auf: Mit durchschnittlich 53 Prozent generieren sie mehr als die Hälfte ihrer Gesamtumsätze außerhalb des Heimatkontinents. Auch für die Gewinne ist das außereuropäische Ausland in den vergangenen Jahren immer wichtiger geworden: Im Eurozonen-Leitindex Euro Stoxx 50 beispielsweise liegt der Anteil der innerhalb der Währungsunion erwirtschafteten Gewinne heute bei nur noch 28 Prozent – 2011 waren es noch rund 50 Prozent. Grund für diese Verschiebung ist vor allem die Veränderung der Indexzusammensetzung. Während die Gewichtung von Banken, Versorgern, Telekommunikations- und Energieunternehmen von 46 Prozent im Jahr 2010 auf lediglich 21 Prozent gefallen ist, hat sich der Anteil von IT-, Gesundheits-, Konsum- und Luxustiteln auf 40 Prozent vervierfacht. Dadurch ist der Index heute deutlich abhängiger von der Weltkonjunktur als vor zehn Jahren. Ähnliches gilt für den DAX. Die 30 Unternehmen im deutschen Leitindex erwirtschaften mittlerweile fast vier Fünftel ihrer Umsätze im Ausland, vor allem in den USA und in China – womit ein breites Investment in Deutschland automatisch eine nicht unerhebliche US- und Chinakomponente beinhaltet.

Anleger, die in europäische Aktien investieren, sollten daher nicht allein auf die wirtschaftlichen Entwicklungen in der Alten Welt schauen, sondern sich einen globalen Überblick verschaffen und die entsprechenden Risiken und Chancen berücksichtigen.

Interessante Aussichten für die Europa-AG

Dank ihrer internationalen und insgesamt eher zyklischen Ausrichtung könnten europäische Unternehmen von einer erwarteten Erholung der Weltkonjunktur in den kommenden Quartalen besonders stark profitieren – auch gegenüber Aktien aus den USA, wo die konjunkturellen Unsicherheiten aufgrund hoher Arbeitslosen- und Infektionszahlen derzeit noch größer sind. Nach den starken Kursverlusten zu Beginn der Coronavirus-Krise sind die europäischen Notierungen in den vergangenen Monaten zwar bereits wieder gestiegen und erscheinen mit einem KGV von 17 nicht mehr günstig. Jedoch hat sich auch die finanzielle Situation der Konzerne verbessert: Die Nettoverschuldung der im Euro Stoxx 50 gelisteten Unternehmen hat sich seit 2012 annähernd halbiert. Vor diesem Hintergrund dürften die strukturell höheren Bewertungen gerechtfertigt sein.

Risiko für Kursrücksetzer bleibt bestehen

Ein Selbstläufer wird die Erholung aber natürlich auch an den europäischen Aktienmärkten nicht. Denn den Vorteilen der hohen internationalen Verflechtungen und der Konjunktursensibilität stehen ebensolche Nachteile gegenüber. Sollte beispielsweise der Handels- und Technologiekonflikt zwischen den USA und China eskalieren, könnte das einige in die globalen Wertschöpfungsketten stark integrierte europäische Unternehmen besonders hart treffen – ebenso wie eine zweite schwere Coronavirus-Welle oder wenn sich das Virus in einzelnen, beispielsweise lateinamerikanischen Schwellenländern langfristig festsetzen sollte.

Sektorauswahl als ein entscheidender Aspekt

Potenzielle Anleger sollten mögliche Europa-Engagements daher breit aufstellen. Je nach Einschätzung der globalen Entwicklungen könnten dabei einzelne Sektoren als Portfoliobeimischung für entsprechend risikobereite Anleger besonders interessant sein. Dazu zählen zum Beispiel zyklische, also besonders konjunktursensible Branchen wie die Ölindustrie, die sich zuletzt schwächer als der Gesamtmarkt entwickelt hatten, im Zuge einer globalen Konjunkturerholung aber überproportional profitieren könnten. Die Deutsche Bank rechnet mit einer weltwirtschaftlichen Erholung im zweiten Halbjahr 2020 – die Outperformance europäischer Aktien könnte also noch etwas anhalten.

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Redaktionsschluss: 05.06.2020