Aktien – 17.09.20

Europas Aktienmarktnavi – Routenplaner für Anleger

Die wichtigsten Fakten:

  • Europas Aktienmärkte profitieren von Konjunkturerholung
  • Regionale Unterschiede zum Teil erheblich
  • Großbritannien und Spanien als mögliches Risikoinvestment

Quelle: Daniel Day / Getty Images

Die positiven Konjunktursignale weltweit geben Anlass zur Hoffnung auf eine anhaltende Erholung der Wirtschaft. Aufgrund ihres relativ großen Anteils von Unternehmen mit konjunkturabhängigen Geschäftsmodellen könnten die europäischen Aktienmärkte davon besonders stark profitieren. Allerdings nicht jeder in gleichem Maße – die regionalen Unterschiede sind zum Teil erheblich, was bei einem Blick auf die Fundamentaldaten der breiter gefächerten europäischen MSCI-Länderindizes deutlich wird.

„Kontinent der Gegensätze: Welche europäischen Länder und Märkte für Aktienanleger jetzt interessant sein könnten.“

Großbritannien

Die Verunsicherung von Investoren und Anlegern durch den Brexit lastet seit Jahren auf der britischen Wirtschaft und dem Aktienmarkt. Die jüngsten Bestrebungen von Premierminister Boris Johnson, das bereits verabschiedete Austrittsabkommen mit der Europäischen Union zu kippen, macht einen harten Brexit wieder wahrscheinlicher und verstärkt damit den Druck. Ein Ergebnis ist schwierig zu prognostizieren, aber nach vier Jahren des Verhandelns wird die Zeit langsam knapp. Zum Jahresende sollte hier mehr Klarheit herrschen. Ein zusätzlicher Belastungsfaktor für den britischen Aktienmarkt war zuletzt sein hoher Anteil an Value-Titeln: Old-Economy-Sektoren wie Finanzen, Energie, Stahl- und Bergbau sind im bisherigen Jahresverlauf schwach gelaufen, machen aber rund 40 Prozent des MSCI UK aus. Für langfristig orientierte und entsprechend risikobereite Anleger könnte diese Konstellation jedoch interessante Möglichkeiten bieten. Denn die Bewertung des britischen Aktienmarkts ist gemessen am Kurs-Gewinn-Verhältnis, am Kurs-Buchwert-Verhältnis sowie an der Dividendenrendite im Vergleich zum europäischen Gesamtaktienmarkt so niedrig wie seit 20 Jahren nicht mehr. Dieses Aufholpotenzial gegenüber dem MSCI Europe dürfte allerdings erst dann freigesetzt werden, wenn sich die Brexit-Unsicherheiten endgültig aufgelöst haben und die globale konjunkturelle Erholung an Stabilität gewinnt.

Spanien

Auch der spanische Aktienmarkt war bei Anlegern zuletzt wenig begehrt. Im Zuge der anhaltenden und konjunkturbelastenden Maßnahmen zur Eindämmung der COVID-19-Pandemie litt er unter seiner im internationalen Vergleich besonders hohen Abhängigkeit von der heimischen Wirtschaftsentwicklung. Die Folge waren stark negative Revisionen der Unternehmensgewinne: Mittlerweile rechnet die Analystengemeinde im MSCI Spain für 2020 mit einem Gewinneinbruch von mehr als 70 Prozent. Entsprechend stark sank auch das Kurs-Buchwert-Verhältnis und liegt aktuell auf einem 30-Jahres-Tief im Vergleich zum MSCI Europe. Sollte sich das Zinsniveau in den kommenden Monaten wie von der Deutschen Bank erwartet erholen, könnte der spanische Aktienmarkt allerdings entsprechend stark profitieren. Denn Nutznießer dieser Entwicklung wären unter anderem Banken, die im MSCI Spain immerhin für ein Fünftel der gesamten Marktkapitalisierung stehen.

Aktien: USA noch vor Europa
Niederlande

Anders als in Großbritannien und Spanien gehörte der Aktienmarkt in den Niederlanden in den vergangenen Corona-Monaten zu den Gewinnern. Grund dafür war sein hoher Anteil an Technologiewerten, die sich weltweit überproportional gut entwickelten, bevor ihr Aufwärtstrend Mitte September eine Pause einlegte. Zugute kamen ihnen dabei unter anderem der globale Siegeszug des Homeoffice sowie die vergleichsweise geringen negativen Auswirkungen von Kontaktbeschränkungen auf ihre Geschäftsmodelle. Insgesamt weist der MSCI Netherlands unter allen europäischen Leitindizes die höchste positive Korrelation zum US-Technologieindex Nasdaq auf. Die Folge der guten Kursentwicklung ist eine vergleichsweise hohe Bewertung niederländischer Aktien im gesamteuropäischen Vergleich. Hinzu kommt, dass bei einer konjunkturellen Erholung vermehrt zyklische Titel in den Anlegerfokus rücken und hoch bewertete Technologietitel zu den weniger gefragten Titeln zählen dürften – wie es bereits in den vergangenen Wochen zu beobachten war. Langfristig bleibt der niederländische Aktienmarkt aufgrund seiner zukunftsgewandten Sektorstruktur allerdings interessant.

Deutschland

Der MSCI Germany wird trotz der zunehmenden Bedeutung von Wachstumswerten aus dem Techbereich weiterhin von zyklischen, also konjunktursensiblen Titeln aus den Sektoren Industrie, Chemie und Automobil dominiert. Bei einem Wechsel der Anlagefavoriten im Zuge einer weltweiten konjunkturellen Erholung würde der deutsche Aktienmarkt daher besonders stark profitieren. Zumal die Bewertungen trotz der Kursgewinne in den vergangenen Monaten noch moderat erscheinen. Hinzu kommt, dass die negativen Effekte des aktuell stärkeren Euro auf die exportstarken deutschen Firmen nicht mehr so stark ins Gewicht fallen wie noch vor einigen Jahren: Deutsche Unternehmen produzieren mittlerweile verstärkt direkt in ihren internationalen Absatzmärkten und haben sich obendrein größtenteils gegen Währungsrisiken abgesichert.

Anleger, die ihren Blick auf Europa richten, sollten auch die Stärken und Schwächen der einzelnen Länder unter die Lupe nehmen. Dabei gilt es, die länderspezifischen Risiken im Auge zu behalten. Für ein ausgewogenes Europainvestment ist es ratsam, einen möglichst breiten Investmentansatz zu wählen. Das Risiko einzelner Fehlentwicklungen wäre in diesem Investmentansatz besser gestreut, während zugleich die Ertragschancen durch eine weltweite Konjunkturerholung am europäischen Aktienmarkt genutzt werden könnten.

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Redaktionsschluss: 30.09.2020