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Aktien – 15.12.20

Eurostärke: Leiden jetzt europäische Unternehmen?

Die wichtigsten Fakten:

  • Euro hat gegenüber US-Dollar zuletzt stark aufgewertet
  • Auswirkungen auf europäische Unternehmen dürften gering bleiben 
  • Europäische Aktieninvestments bleiben interessant

Im Zuge der erwarteten weltweiten konjunkturellen Erholung dürften sich 2021 die in der Coronavirus-Krise besonders unter Druck geratenen zyklischen Sektoren überproportional gut entwickeln. Dazu gehören zum Beispiel der Industrie- und der Automobilsektor sowie die Bereiche Tourismus, Banken und Grundstoffe. Profitieren könnten davon insbesondere die europäischen Aktienmärkte, denn diese sind stärker von den konjunktursensiblen zyklischen Sektoren geprägt als etwa der US-Markt. Entsprechend liegen die Gewinnerwartungen der Unternehmen im europäischen Leitindex Stoxx Europe 600 für 2021 derzeit bei plus 40 Prozent im Vergleich zu 2020, die der Unternehmen im US-Leitindex S&P 500 dagegen bei „nur“ plus 23 Prozent. Darüber hinaus hat die jüngste Einigung auf einen Kompromiss bei der Verknüpfung von EU-Auszahlungen mit Rechtsstaatsprinzipien den Weg für die geplanten milliardenschweren EU-Corona-Hilfen im Rahmen des Wiederaufbaufonds freigemacht. Zwar dürfte das Volumen der Zuschüsse und Kredite 2021 überschaubar bleiben – maximal 10 Prozent der insgesamt vorgesehenen 750 Milliarden Euro dürften in der zweiten Jahreshälfte ausgezahlt werden. Vor dem Hintergrund massenhafter Impfungen ist im kommenden Jahr aber ohnehin mit einer starken Konjunkturerholung zu rechnen, größere Fiskalmaßnahmen scheinen daher kaum nötig. Der Löwenanteil der Gelder – zusammen gut 80 Prozent – wird verteilt über die Jahre 2022 bis 2025 fließen. Das dürfte dazu beitragen, dass der Aufschwung in der EU über das kommende Jahr hinaus anhält, was die Chancen für eine Fortsetzung der Hausse an den europäischen Aktienmärkten erhöht.

Den positiven Erwartungen für Europa stehen allerdings zunehmend Befürchtungen entgegen, der aktuell starke Euro könnte den erwarteten Aufschwung der exportorientierten europäischen Wirtschaft ausbremsen: Seit dem Sommer 2020 hat die Gemeinschaftswährung gegenüber dem US-Dollar deutlich aufgewertet und steht aktuell auf einem Zweieinhalb-Jahreshoch von 1,21 US-Dollar. Die Währungsstärke könnte europäische Unternehmen belasten, weil ihre Kosten in Euro anfallen, während die Umsätze zum Teil in US-Dollar erzielt werden.

Eurostärke – Belastung für europäische Aktien?


Die Deutsche Bank teilt diese Befürchtungen einiger Marktteilnehmer nicht. Zwar erscheinen die Bedenken hinsichtlich des starken Euro nicht unbegründet: In den vergangenen zehn Jahren gingen Aufwertungsphasen des Euro häufig mit einer schwächeren Wertentwicklung europäischer Aktien einher, da die Märkte negative Währungseffekte auf die Gewinne der Unternehmen einpreisten. Verschiedene Gründe sprechen jedoch dafür, dass ein solches Negativszenario dieses Mal ausbleiben könnte.

„Warum der starke Euro keine akute Bedrohung für die positiven Aussichten europäischer Aktien ist.“

1. Die negativen Währungseffekte auf die Gewinne dürften verglichen mit dem prognostizierten Gewinnwachstum im mittleren zweistelligen Bereich vergleichsweise gering ausfallen. Eine Aufwertung des Euro auf beispielsweise 1,25 US-Dollar würde die Gewinne europäischer Unternehmen unter Berücksichtigung von Währungsabsicherungen um nur gut 1 Prozent drücken.

2. Die jüngste Aufwertung des Euro zum US-Dollar scheint eher Ausdruck eines schwachen US-Dollar als eines starken Euro zu sein. Das zeigt ein Blick auf den handelsgewichteten US-Dollar: Er notiert aktuell auf dem niedrigsten Stand seit 2018, während der handelsgewichtete Euro, der zur Abschätzung der Währungseffekte auf die Gewinne europäischer Unternehmen herangezogen werden sollte, nur wenig über den Höchstständen vom Sommer 2020 steht. Der handelsgewichtete Wechselkurs ist der Wert einer Währung gegenüber den Währungen der wichtigsten Handelspartner.

3. Die Abwertung des US-Dollar ging zuletzt mit steigenden Inflationserwartungen und anziehenden US-Anleiherenditen sowie einer steileren Zinsstrukturkurve in den USA einher. In einem solchen Umfeld haben sich in der Vergangenheit europäische Aktien in der Regel überdurchschnittlich gut entwickelt. Denn Sektoren wie Finanzen, Industrie, Energie und Grundstoffe können jeweils von höheren Anleiherenditen und steigender Inflation profitieren. Beides sind Anzeichen einer konjunkturellen Erholung, die das Interesse der Investoren an zyklischen Aktienmarktsektoren verstärken.

4. Zudem scheinen viele europäische Unternehmen mittlerweile weniger anfällig für kurz- bis mittelfristige Währungsschwankungen zu sein, da sie sich vermehrt mit entsprechenden Finanzinstrumenten absichern. Ohnehin produzieren viele europäische Unternehmen, etwa aus dem Automobilbereich, bereits in erheblichem Umfang direkt in den USA und sind deshalb nur bedingt von Währungsschwankungen betroffen.

Die Deutsche Bank sieht für die nähere Zukunft keine weiteren stärkeren Aufwertungstendenzen für den Euro-US-Dollar-Kurs. Doch selbst ein Anstieg auf 1,25 US-Dollar je Euro dürfte die Erholung europäischer Aktien kaum beeinträchtigen. Die Deutsche Bank hält deshalb trotz des jüngsten Zweieinhalb-Jahreshochs des Euro zum US-Dollar an ihrer positiven Einschätzung zu europäischen Aktien fest. Darüber hinaus könnten sich aus dem schwachen Greenback aber auch Chancen zur regionalen Diversifizierung des Portfolios in Richtung US-Aktien eröffnen.

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Redaktionsschluss: 15.12.2020, 15:45 Uhr