Aktien – 16.09.20

Gute Aussichten: Europas Aktienmarkt im Wandel

Die wichtigsten Fakten:

  • Europaaktien scheinen zunehmend in den Anlegerfokus zu rücken
  • Anteil von Wachstumswerten in Europaindizes nimmt weiter zu
  • Fiskalische Impulse könnten europäische Aktienmärkte langfristig stützen

Quelle: Daniel Day / Getty Images

Mit Blick auf die aktuellen Konjunktur- und Stimmungsdaten rund um den Globus scheint die Weltwirtschaft ihren Talboden mittlerweile hinter sich gelassen zu haben und in eine Phase der Erholung eingetreten zu sein: Der Welthandel beispielsweise legte bereits im Juni um 7,6 Prozent im Vergleich zum Vormonat zu – das war der stärkste jemals gemessene Monatsanstieg. Konjunkturelle Indikatoren deuten darauf hin, dass sich dieser Aufwärtstrend im Juli und August fortgesetzt hat. Aufgrund der weltweiten fiskalischen und monetären Stimuli rechnen viele Analysten nun mit einem schnellen Wiederanfahren der Weltwirtschaft.

Zykliker rücken in den Fokus

Von dieser erwarteten Konjunkturerholung könnten die europäischen Aktienmärkte aufgrund ihres relativ großen Anteils von Unternehmen mit konjunkturabhängigen Geschäftsmodellen in besonders hohem Maße profitieren. Zu diesen sogenannten Zyklikern, deren Aktienkurse sich in der Coronavirus-Krise durchschnittlich weniger gut entwickelt haben, gehören unter anderem Titel aus den Sektoren Finanzen, Automobil, Energie oder auch langlebige Konsumgüter beziehungsweise Bekleidung. Ihr Vorteil: Verbessern sich die Aussichten für die Wirtschaft wie erwartet, dürften sie sich an der Börse überproportional gut entwickeln.

Einiges spricht für Europa

Dadurch könnten die europäischen Aktienmärkte ihre Position gegenüber den in den vergangenen Jahren deutlich besser gelaufenen US-Aktien stärken. Zumal die Coronavirus-Pandemie in Europa bislang insgesamt erfolgreicher gemanagt wurde als in den USA, wodurch eine schnellere Erholung der Wirtschaft möglich erscheint. Zusätzlich gestützt werden könnte diese Erholung vom bereits eingesetzten Konjunkturaufschwung in Asien, der unter anderem der deutschen Exportwirtschaft zugutekommt: Während die Ausfuhren im Juli in die USA (–17 Prozent) und in die Eurozone (–10,7 Prozent) im Vergleich zum Vorjahr noch deutlich im Minus lagen, haben die Chinaexporte bereits wieder ihr Vorjahresniveau erreicht. Einen weiteren positiven Konjunkturimpuls dürfte der auf den Weg gebrachte Wiederaufbaufonds der Europäischen Union geben: Die einzelnen Maßnahmen des Programms mit einem Gesamtvolumen von 750 Milliarden Euro könnten dazu beitragen, das Gewinnwachstum der europäischen Unternehmen bereits in absehbarer Zeit über das Vorkrisenniveau zu heben.

Aktien: USA noch vor Europa

Sektorverschiebungen Richtung Wachstum

Langfristig positiv auf die Investorennachfrage nach europäischen Aktien dürfte sich noch ein anderer Punkt auswirken: die langsame, aber stetige Veränderung im Sektorenmix großer Indizes wie des Euro Stoxx 50 oder des MSCI Europe. Denn während in der Vergangenheit der relativ geringe Anteil an Technologie- und Wachstumswerten in europäischen Indizes deren Wertentwicklung hemmte, verschieben sich die Gewichte seit einiger Zeit spürbar in Richtung der sogenannten New Economy. Allein in den vergangenen zehn Jahren hat sich der Anteil von IT-Unternehmen im MSCI Europe von 3 Prozent auf 8 Prozent fast verdreifacht. Ebenfalls gestiegen ist die Gewichtung des Pharma- sowie des Luxus-, Haushalts- und Investitionsgütersektors. Gesunken dagegen ist die Bedeutung von Bankaktien sowie Titeln aus den Bereichen Automobil oder Energie – also der klassischen Old Economy. Insgesamt dürfte sich der „Wachstumsvorsprung“ des US-Aktienmarktes dadurch weiter verringern und mit ihm auch die Wertentwicklungsnachteile europäischer Indizes.

„Aktienmärkte im Wandel: Wie Europa den Rückstand zu den USA langfristig aufholen könnte.“

Fiskalische Maßnahmen stützen Strukturwandel

Zur Fortsetzung dieser Sektorverschiebung dürfte der Wiederaufbaufonds der EU im Zusammenspiel mit dem im Juni vereinbarten 7-Jahres-Budget der Staatengemeinschaft in Zukunft einen bedeutenden Beitrag leisten. Denn im Mittelpunkt der von Brüssel geplanten Investitionen stehen die grüne und die digitale Transformation und damit Märkte, denen viel Wachstumspotenzial bescheinigt wird. Allein für die Dekarbonisierung energieintensiver Industrien, die Unterstützung nachhaltiger und intelligenter Mobilität, die Förderung der Energieeffizienz und die Sicherung eines stabilen Angebots an kohlenstoffarmer, preisgünstiger Energie stehen mehr als 500 Milliarden Euro bereit. Hinzu kommen Mittel insbesondere für Schlüsseltechnologien wie künstliche Intelligenz, Robotik, Blockchain, Quantencomputer und Cloud-Infrastruktur – wenn auch „nur“ 85 Milliarden Euro.

Herausforderungen bleiben bestehen

Trotz all dieser Maßnahmen: Europäische Unternehmen sehen sich nach wie vor mit großen Herausforderungen konfrontiert. Dazu zählen die Billiglohnkonkurrenz aus Asien, vergleichsweise rigide Umweltschutzauflagen, die technologische Dominanz der USA und Chinas im IT-Sektor sowie der Handelsstreit zwischen den beiden Wirtschaftssupermächten. Auch die europäischen Aktienmärkte sind trotz zuletzt positiver Entwicklungen noch nicht auf dem Performanceniveau der USA angekommen: Nach wie vor sind in den europäischen Indizes die seit vielen Jahren besonders gut gelaufenen Bereiche IT und Internet deutlich untergewichtet. Allerdings: Die Vorzeichen stehen gut, dass die Aktienmärkte der Alten Welt ihren Rückstand auf die der Neuen Welt nach und nach verkürzen könnten. Kurzfristig durch ihren höheren Anteil an zyklischen Titeln und die Unsicherheiten in Bezug auf die bevorstehenden US-Präsidentschaftswahlen Anfang November, die die Märkte jenseits des Atlantiks belasten dürften. Langfristig durch eine strukturelle Neuausrichtung der europäischen Wirtschaft in Richtung zukunftsweisender Technologien, ein höheres Potenzialwachstum und dadurch steigende Unternehmensgewinne.

Europa mit Aufholpotenzial, USA weiter Kerninvestment

Für Anleger bedeutet das nicht, jetzt dem US-Aktienmarkt den Rücken zu kehren. Im Gegenteil: Im Zuge eines über Länder und Regionen breit diversifizierten Wertpapierportfolios bleibt der US-Aktienmarkt für entsprechend risikobereite Anleger ein Kerninvestment und langfristig interessant. Darüber hinaus könnte es sich anbieten, die europäischen Aktienmärkte wieder etwas stärker in den Fokus zu nehmen. Die konkrete Titelauswahl ist stark abhängig vom persönlichen Chancen- und Risikoprofil. Hierfür eignen sich neben Direktinvestitionen (Aktien) auch Zertifikate, aber auch breit gestreute und aktiv gemanagte Investmentfonds.

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Redaktionsschluss: 11.09.2020