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Aktien – 20.05.21

Indien: strukturelle Herausforderungen auch nach Corona

Die wichtigsten Fakten:

  • Die zweite Pandemiewelle hat in Indien verheerende Ausmaße
  • Die indische Wirtschaft befand sich zuletzt auf einem Erholungskurs
  • Kurzfristige Erholung für 2021 möglich

Mehr als 307.000 Inder haben sich in den vergangenen 7 Tagen täglich mit dem Coronavirus infiziert. Der Grund für die explodierenden Neuinfektionszahlen wird von Experten unter anderem in religiösen und politischen Massenveranstaltungen und der Ausbreitung der hoch ansteckenden indischen Virusvariante B.1.617 gesehen. Überlastete Krankenhäuser und der Mangel an Sauerstoff zur Beatmung Schwererkrankter haben in der Folge das Land in eine humanitäre Krise gestürzt. Aktuell scheint die zweite, schwere Viruswelle ihren Scheitelpunkt jedoch erreicht zu haben. Doch von einem spürbaren Abflauen der Pandemie in Indien kann noch längst nicht die Rede sein.

Wirtschaftliche Erholung kurzfristig möglich

Aus wirtschaftlicher Sicht stellt sich die Frage, wie stark das Pandemiegeschehen das zuvor für 2021 erwartete Wachstum in der fünftgrößten Volkswirtschaft der Welt beeinträchtigen könnte. Mobilitätsdaten weisen darauf hin, dass die indische Wirtschaft trotz der jüngsten Entwicklungen zuletzt aktiver war als im zweiten Quartal 2020, in dem aufgrund der ersten COVID-19-Welle ein harter Lockdown für ganz Indien verhängt worden war. Kürzlich veröffentlichte Daten für den Zeitraum vor dem drastischen Anstieg der Infektionszahlen deuteten auf eine robuste Erholung der indischen Wirtschaft hin. Die Einkaufsmanagerindizes für April 2021 befinden sich mit 55,5 Punkten für die Industrie beziehungsweise 54,0 Punkten für den Dienstleistungssektor deutlich oberhalb der Expansionsschwelle von 50 Punkten.

DB Markt und Meinung Indien Grafik

Etwas Anlass zur Hoffnung gab zuletzt auch der Impffortschritt im Land: Bis zum 17. Mai erhielten 143 Millionen Inder ihre erste Impfung, fast 41 Millionen Menschen sind bereits vollständig durchgeimpft. Sollte das aktuelle Impftempo durchgehalten werden, könnten Ende dieses Jahres 30 bis 40 Prozent der indischen Bevölkerung durchgeimpft sein und bis Ende April 2022 zirka 60 Prozent.

Milliardenhilfen für den Gesundheits- und den Finanzsektor

Vorausgesetzt, dass Indien den Höhepunkt der COVID-19-Pandemie tatsächlich bald überschritten hat, sollte die indische Wirtschaft im zweiten Halbjahr 2021 einen Erholungskurs einschlagen können. Die Indische Zentralbank (RBI) kündigte an, kurzfristige Liquiditätshilfen von umgerechnet 6,8 Milliarden US-Dollar für den Gesundheitsnotdienst bereitzustellen. Finanzdienstleister, die für die Bevölkerung wichtige Klein- und Kleinstkredite vergeben, erhalten Refinanzierungshilfen von rund 1,4 Milliarden US-Dollar. Diese Stärkung des Finanzsektors könnte Indien die notwendige Zeit verschaffen, um von einer Erholung zu profitieren. Die Analystengemeinde erwartet für das Gesamtjahr 2021 ein Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) von mehr als 10 Prozent im Vergleich zum schwachen Vorjahr.

Der Scheitelpunkt der zweiten Corona-Welle in Indien könnte erreicht sein. Grund zur Hoffnung auch für die Wirtschaft?

Mittelfristig langsames Wachstum – langfristig größeres Potenzial

Die Deutsche Bank erwartet für die kommenden vier Jahre ein jährliches Wachstum des indischen BIP um lediglich etwa 5,5 Prozent – zu wenig für ein Schwellenland, um zu den Industrieländern aufschließen zu können. Zum Vergleich: China, wenn auch mit einer anderen Wirtschaftsstruktur als Indien, konnte in den 5 Jahren vor der Coronavirus-Pandemie jährlich um durchschnittlich 6,6 Prozent wachsen. Auch bleibt offen, ob das prognostizierte langfristige Bevölkerungswachstum Indiens von heute 1,38 Milliarden auf 1,64 Milliarden Einwohner im Jahr 2050 trotz einer möglicherweise damit einhergehenden Stärkung des indischen Binnenmarktes einen ausreichenden Wachstumsimpuls setzen wird. Hinzu kommen politische Risiken wie die Diskriminierung der muslimischen Minderheit Indiens, die unweigerlich zu Problemen führen dürfte, wenn Indien seine wirtschaftlichen Beziehungen insbesondere zu westlichen Ländern intensivieren will.

Die baldige Eindämmung der Coronavirus-Pandemie vorausgesetzt, könnte Indien auf kurzfristige Sicht ein vergleichsweise starkes wirtschaftliches Wachstum verzeichnen. Langfristig jedoch dürfte Indien mit seiner wachsenden jungen Bevölkerung und als geopolitisches Gegengewicht zu China über wirtschaftliches Potenzial verfügen. Anleger sollten dabei jedoch die strukturellen Herausforderungen des Landes genau im Blick behalten.

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Redaktionsschluss: 19.05.2021, 17:00 Uhr