Aktien – 20.12.19 (Archiv)

Neue Emissionsregeln – ein Bremsklotz für Autoaktien?

Die wichtigsten Fakten:

  • Europäische Automobilaktien 2019 mit starker Wertentwicklung
  • Strengere CO2-Grenzwerte als Herausforderung für Autohersteller
  • Branche bleibt aus Anlegersicht interessant

Die neuen CO2-Grenzwerte der Europäischen Union stellen eine Herausforderung für die Autohersteller auf dem Kontinent dar. Quelle: David Hecker / Getty Images

Aktien europäischer Autohersteller haben Anleger 2019 einige Nerven gekostet: Im ersten Halbjahr sorgten Konjunktursorgen und der schwelende Handelsstreit für eine Berg- und Talfahrt. Der Blick auf die gesamte Wertentwicklung seit Jahresbeginn dürfte die Anleger jedoch versöhnlich stimmen. In der zweiten Jahreshälfte trieb der wiederaufkeimende Konjunkturoptimismus vieler Marktteilnehmer die Kurse der Branche nach oben, sodass die Autobauer, gemessen am Index MSCI Europe Automobiles, in diesem Jahr bislang über 23 Prozent an Wert gewannen – das sind nur etwa drei Prozentpunkte weniger als der Gesamtindex MSCI Europe.

Neue CO2-Grenzwerte als Herausforderung

Dennoch steht die europäische Autoindustrie vor Herausforderungen. Ab dem 1. Januar 2020 gelten in der Europäischen Union strengere Grenzwerte für den CO2-Ausstoß von Pkw. Im kommenden Jahr dürfen die durchschnittlichen Emissionen aller neu zugelassenen Fahrzeuge eines Herstellers 95 Gramm pro Kilometer nicht überschreiten. Für jedes Gramm oberhalb des Grenzwerts wird eine Strafe von 95 Euro pro in der EU zugelassenen Fahrzeug fällig. Gemessen am Emissionsniveau von 2018 würden sich die aggregierten Strafzahlungen der europäischen Autobauer auf enorme 32,7 Milliarden Euro belaufen. Diese neuen Vorgaben stellen wie die globalen Handelsstreitigkeiten inklusive der nach wie vor im Raum stehenden US-Zölle auf europäische Autos einen Unsicherheitsfaktor für die Branche dar.

Welche Konsequenzen verschärfte Umweltauflagen für die Autobauer haben können, zeigte sich bereits im September 2018 im Zuge der Einführung des Abgastests WLTP (Worldwide Harmonized Light-Duty Vehicles Test Procedure). Zu dieser Zeit waren manche Hersteller nicht ausreichend auf das neue Testverfahren vorbereitet, woraufhin sie ihre Produktion zeitweise stoppen mussten und die Absätze einbrachen.

Begrenzte Batteriekapazität begrenzt Ausbau der E-Mobilität

Ein Risiko stellen die neuen EU-Vorgaben insbesondere für die Hersteller im Premiumsegment dar. Denn häufig haben deren profitabelsten Modelle wie beispielsweise SUVs den höchsten CO2-Ausstoß. Um auf die neuen verschärften Grenzwerte zu reagieren und Strafzahlungen zu vermeiden, bieten sich ihnen verschiedene Möglichkeiten. Aktuell setzen die Hersteller verstärkt auf Elektromobilität, um die Emissionen im Flottendurchschnitt zu senken. Alle großen Automobilproduzenten haben ambitionierte Pläne für die Erweiterung ihres Angebots elektrisch angetriebener Pkw vorgelegt. Die Pläne beruhen jedoch auf der Verfügbarkeit enormer Batteriekapazitäten, die aktuell noch nicht gegeben sind: Gemäß den vorgestellten Unternehmensplänen wird die Nachfrage nach Batterien seitens europäischer Autobauer von 2018 bis 2025 von 151 auf 933 Gigawattstunden (GWh) pro Jahr steigen. Zum Vergleich: Aktuell haben selbst die größten Batteriefabriken der Welt lediglich eine theoretische Produktionskapazität von 35 GWh/Jahr.

Gewinnmargen könnten unter Druck geraten

Die vollständige Weitergabe von Strafzahlungen an die Kunden dürfte keine Option darstellen, vielmehr könnten die Produzenten ihre Premiummodelle unter Einsatz hoher Investitionen umrüsten oder ihren Verkauf in Europa stoppen. Darüber hinaus wäre es möglich, die Preise für emissionsarme Pkw zu reduzieren, um ihren Verkauf anzukurbeln und somit über einen steigenden Absatz in diesem Segment die Emissionen im Durchschnitt zu senken. Allerdings wären diese Varianten mit sinkenden Gewinnmargen verbunden, was sich wiederum negativ auf die Aktienkursentwicklung auswirken könnte.

Deutsche Autohersteller vor Stellenabbau

Die deutschen Autohersteller haben bereits auf die aktuellen Herausforderungen wie schärfere Umweltauflagen und den grundsätzlichen Wandel der Mobilität – etwa durch die Trends E-Mobilität und Carsharing – reagiert. Zuletzt haben sie Stellenstreichungen angekündigt, um die Kostenseite zu entlasten. Der Effekt dürfte jedoch erst langfristig wirken. Kurzfristig könnte die Umstrukturierung mit steigenden Kosten – zum Beispiel für Abfindungen – verbunden sein, die ebenfalls zusätzlichen Druck auf die Margen ausüben.

„Trotz aller Herausforderungen: Aktien ausgewählter europäischer Autohersteller bleiben interessant.“

Automobilsektor mit Licht und Schatten

Anleger sollten die möglichen Auswirkungen der neuen EU-Auflagen nicht unterschätzen. Denn die europäischen Autohersteller machen rund die Hälfte ihres Umsatzes in Europa – auch wenn der chinesische Markt derzeit das stärkste Wachstum aufweist. Insgesamt scheinen Aktien europäischer Autoproduzenten aber trotz der bestehenden Risiken weiterhin interessant, da sie in besonders hohem Maße von der erwarteten globalen Konjunkturstabilisierung und einer möglichen Entspannung der globalen Handelsstreitigkeiten profitieren könnten. Für die kommende zwölf Monate rechnet die Analystengemeinde mit einem Gewinnwachstum von knapp 20 Prozent. Gleichzeitig sind die Bewertungen günstig: Basierend auf den Gewinnprognosen für die kommenden zwölf Monate liegt das Kurs-Gewinn-Verhältnis der europäischen Autobauer mit 7,0 so niedrig wie in keinem anderen Sektor des MSCI Europe. Für entsprechend risikobereite Anleger könnten Aktien europäischer Automobilhersteller im Depot daher weiterhin eine Rolle spielen – zum Beispiel im Rahmen eines breit gestreuten, aktiv gemanagten Aktienfonds.

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Redaktionsschluss: 19.12.2019