Aktien | Volkswirtschaft / Geldpolitik – 18.07.19

Notenbanken treiben Aktienkurse – aber wie lange noch?

Die wichtigsten Fakten:

  • Trotz anhaltender Unsicherheiten zuletzt positive Aktienmarktentwicklung
  • Erwartete geldpolitische Lockerung stützt aktuell die Börsen
  • Auf absehbare Zeit scheinen Kursrücksetzer möglich

Die Äußerungen von Fed-Chef Jerome Powell stützten zuletzt die Aktienkurse – kurzfristig sollten sich Anleger jedoch auf Schwankungen einstellen. Quelle: Drew Angerer / Getty Images

Eigentlich spricht das Kapitalmarktumfeld für alles andere als steigende Aktienkurse: Der Ausgang des Brexits ist nach wie vor nicht geklärt und der Handelsstreit zwischen den USA und China schwelt weiter, trotz einer Annäherung beider Parteien beim G-20-Gipfel Ende Juni. Die Konjunktur kühlt sich auch aufgrund dieser Unsicherheitsfaktoren ab. Die Industrie befindet sich weltweit in einem Abwärtstrend, der sich zunehmend verschärft: Im Vergleich zu seinem Stand vor zwölf Monaten sank der deutsche ifo-Geschäftsklimaindex so stark wie seit 2012 nicht mehr, der US-Einkaufsmanagerindex ISM für das Verarbeitende Gewerbe gab so stark nach wie zuletzt während der Finanzkrise.

Gewinnerwartungen seit Jahresbeginn halbiert

Das herausfordernde konjunkturelle Umfeld spiegelt sich auch in den Gewinnerwartungen für die Unternehmen wider: Im globalen Aktienindex MSCI All Countries World rechnet die Analystengemeinde für 2019 mit Gewinnsteigerungen von 3,5 Prozent im Vergleich zu 2018 – Anfang des Jahres waren es noch 7 Prozent. Auch die Unternehmen selbst werden pessimistischer: Im Vorfeld der Berichtssaison häuften sich zum Beispiel in den USA die Gewinnwarnungen.

Aktienkurse trotzen herausforderndem Umfeld

Trotz aller Unsicherheitsfaktoren stiegen die Kurse in den bedeutenden Aktienregionen in den vergangenen Monaten zum Teil deutlich: Der deutsche Leitindex DAX legte seit Beginn des Jahres rund 17 Prozent zu, sein US-Pendant S&P 500 liegt 20 Prozent im Plus – damit war das erste Halbjahr 2019 das beste seit mehr als 20 Jahren für den US-Index. Anfang Juli knackte der S&P 500 sogar erstmals in seiner Geschichte die Marke von 3.000 Punkten. Die positive Kursentwicklung steht auf einer breiten Basis: Eher defensive Sektoren mit stabilen Geschäftsmodellen entwickelten sich besonders positiv, aber auch konjunkturabhängige Titel – etwa aus den Sektoren IT oder zyklischer Konsum – verzeichneten Kursgewinne.

Geldpolitische Kehrtwende stützt die Kurse

Maßgeblich für die jüngsten Kurssteigerungen ist die angekündigte geldpolitische Kehrtwende der Notenbanken in den USA und Europa. Sowohl die US-amerikanische Federal Reserve (Fed) als auch die Europäische Zentralbank (EZB) haben rhetorisch zuletzt eine Lockerung ihrer Geldpolitik angedeutet. Beispielsweise erklärte Fed-Chef Jerome Powell in seiner Rede vor dem US-Kongress am 10. Juli 2019, auf konjunkturelle Risiken „angemessen“ reagieren zu wollen. Insgesamt rechnen die Marktteilnehmer im weiteren Jahresverlauf mit drei Zinssenkungen der US-Notenbank. Zu Beginn des Jahres wurden nach vier Erhöhungen 2018 noch weitere Anhebungen prognostiziert. In der Eurozone geht die Deutsche Bank von einer Senkung des Einlagenzinses aus. Darüber hinaus brachte EZB-Präsident Mario Draghi bereits eine Neuauflage des Anleiheankaufprogramms ins Spiel (Quantitative Easing, QE).

Durch eine Lockerung der Geldpolitik verbessern sich die Finanzierungsbedingungen für Unternehmen, wodurch die Investitionstätigkeit zulegen und die Konjunktur stimulieren könnte – so das Kalkül der Anleger.

Hohe Erwartungen bergen Enttäuschungspotenzial

Die geldpolitischen Erwartungen der Marktteilnehmer dürften in den aktuellen Kursen jedoch berücksichtigt sein und bergen Enttäuschungspotenzial: Sollten die Lockerungen der Zentralbanken geringer ausfallen als prognostiziert, drohen daher Kursrücksetzer. Ebenfalls im Blick behalten sollten Anleger die anstehende Berichtssaison. Denn die Unternehmensgewinne sind ein entscheidender Faktor für die Aktienmarktentwicklung. Die gesunkenen Gewinnerwartungen bergen in dieser Hinsicht positives Überraschungspotenzial. Sollten die Unternehmenszahlen jedoch negativer ausfallen als prognostiziert, könnten die Marktteilnehmer die bereits hohen Bewertungen nicht mehr akzeptieren und Gewinne mitnehmen – was die Kurse belasten würde. Aufgrund der steigenden Notierungen bei sinkenden Gewinnerwartungen ist das Kurs-Gewinn-Verhältnis im US-amerikanischen S&P 500 beispielsweise seit Jahresbeginn von 14 auf derzeit knapp 18 gestiegen, legt man die Analystenerwartungen für die kommenden zwölf Monate zugrunde.

„Notenbanken stützen aktuell die Aktienkurse – auf absehbare Zeit scheinen jedoch Rücksetzer möglich.“

Kurzfristig herausfordernd – langfristig interessant

In den ohnehin schwankungsintensiveren Sommermonaten sollten sich Anleger daher auf erhöhte Volatilität an den Aktienmärkten einstellen. Langfristig scheinen Aktien aus Sicht der Deutschen Bank für entsprechend risikobereite Anleger aus Renditegesichtspunkten einen wichtigen Depotbestandteil darzustellen. Zwischenzeitliche Kursrücksetzer könnten daher als Einstiegsmöglichkeit dienen.

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Redaktionsschluss: 01.05.2020