Aktien – 03.07.20

Steigende Aktienkurse – oder die Angst, etwas zu verpassen

Die wichtigsten Fakten:

  • Die Börsenkurse haben sich seit Mitte März deutlich erholt
  • Bewertungen liegen mittlerweile über langjährigem Schnitt
  • Aussichten am Aktienmarkt insgesamt weiterhin positiv

Quelle: Nikada /Getty Images

Seit ihrem zwischenzeitlichen Tiefpunkt im März 2020 sind die Aktienkurse weltweit wieder deutlich gestiegen: Der US-Leitindex S&P 500 etwa legte vom 23. März bis zum 30. Juni in Euro gerechnet fast 30 Prozent zu, der Stoxx Europe 600 schaffte im selben Zeitraum ein Plus von etwa 29 Prozent, im MSCI Emerging Markets Asia waren es rund 27 Prozent. Grund für den zurückgekehrten Optimismus der Marktteilnehmer sind in erster Linie die sinkenden Coronavirus-Infektionszahlen rund um den Globus und die Hoffnung, dass die konjunkturellen Störungen aufgrund des pandemiebedingten Shutdowns bald ein Ende finden könnten. Gestützt wird die positive Stimmung durch die massiven geld- und fiskalpolitischen Maßnahmen der Notenbanken und Regierungen, etwa in China, den USA und der Europäischen Union. Zu beachten ist bei den jüngsten Entwicklungen, dass der Kursaufschwung anfänglich hauptsächlich von nur wenigen großen Wachstumswerten, vor allem aus dem Technologiesektor, getragen wurde. Konjunktursensible zyklische Werte zogen zuletzt nach, nachdem Investoren größeres Vertrauen in die wirtschaftliche Erholung gefasst hatten.

Von steigenden Kursen und hohen Bewertungen

Durch das schnelle Comeback am Aktienmarkt ist unter den Marktteilnehmern aber auch ein Phänomen zu beobachten, das als FOMO bekannt ist. Die „Fear of missing out“, also die Angst, etwas zu verpassen – in diesem Fall den Rebound der Aktienmärkte –, sorgt für eine hohe Nachfrage und stützt die Kurse. Und das, obwohl die Erwartungen an die Unternehmensgewinne für die kommenden zwölf Monate zuletzt deutlich nachgaben: Im S&P 500 wurden die Prognosen in den vergangenen sechs Monaten um 29,9 Prozent nach unten revidiert, im Stoxx 600 um 35,1 Prozent und im MSCI EM Asia sogar um 36,9 Prozent. Die Folge sind zum Teil deutlich erhöhte Bewertungen: Im S&P 500 beispielsweise liegt das Kurs-Gewinn-Verhältnis auf 12-Monats-Sicht aktuell bei 21,1 und damit rund ein Drittel über dem 10-Jahres-Schnitt – ähnlich sieht es in fast allen bedeutenden Leitindizes weltweit aus. Dass Anleger trotzdem vermehrt bei Aktien zugreifen, hat einen einfachen Grund: Aufgrund der zuletzt weiter gesunkenen Renditeerwartungen bei Anleihen liegt der Risikoaufschlag von Aktien trotz ihrer gestiegenen Bewertungen derzeit auf einem niedrigen Niveau. Das bedeutet: Aktien sind relativ zu Anleihen aktuell eher günstig.

Aktien bleiben wichtiger Portfoliobestandteil

Trotz FOMO stellen sich viele Anleger daher jetzt wiederum die Frage, ob es für einen Einstieg nicht schon zu spät beziehungsweise die Gefahr von Rücksetzern zu hoch sein könnte. Grundsätzlich lässt sich sagen, dass Aktien Bestandteil eines jeden ausgewogenen Portfolios sein sollten – ganz unabhängig von der aktuellen Marktlage. Das bedeutet: Für Anleger mit entsprechender Risikobereitschaft erscheint es ratsam, auch weiterhin in Aktien zu investieren. Dabei sollten sie sich jedoch weder von der Angst, etwas zu verpassen, noch von der Furcht vor temporären Kursrücksetzern leiten lassen, sondern die tatsächlichen Risiken und Chancen gegeneinander abwägen

„Unsicherheiten an den Aktienmärkten bleiben hoch – langfristige Aussichten insgesamt positiv.“

Ausblick langfristig positiv

Das größte Risiko für die Aktienmärkte dürfte derzeit eine mögliche zweite schwere Coronavirus-Infektionswelle sein. Hinzu kommen die Unsicherheiten in den Beziehungen zwischen den USA und China sowie die US-Präsidentschaftswahl im November. Je nach den kommenden Entwicklungen ist daher durchaus mit zwischenzeitlichen Kursrücksetzern zu rechnen. Gleichzeitig gibt es aber auch gute Gründe, an einen langfristig positiven Kurstrend zu glauben. Vor allem die geld- und fiskalpolitischen Maßnahmen dürften in den kommenden Monaten ihre volle Wirkung entfalten und die globale Konjunkturerholung stützen. Das wiederum könnte die Rohstoffnachfrage treiben, wodurch unter anderem die Währungen der Schwellenländer Auftrieb erhielten – was Schwellenländeraktien aus Euroanlegersicht zusätzlich interessant machen könnten. Insbesondere die Entwicklung der chinesischen Volkswirtschaft ist hier von zentraler Bedeutung – und die befindet sich nach dem überstandenen Ausnahmezustand mittlerweile auf dem Weg der Normalisierung. Die Deutsche Bank rechnet für das Gesamtjahr 2020 sogar mit einem leichten Wachstum der chinesischen Wirtschaft.

Je stärker sich die erwartete konjunkturelle Erholung etabliert, desto mehr dürften zyklische Aktien – beispielsweise Industrie- oder zyklische Konsumtitel – in den Fokus rücken und damit Wachstumswerte als Anlegerfavoriten ablösen. Potenzielle Aktienanleger sollten sich also insgesamt weniger Gedanken um den richtigen Einstiegspunkt machen als um die Frage, wie sie ihr Aktienportfolio langfristig optimal diversifizieren und durch defensive Investments ergänzen können.

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Redaktionsschluss: 02.07.2020