Volkswirtschaft / Geldpolitik – 30.01.20 (Archiv)

Trotz Niedrigzinsen: Finanzmarktstabilität scheint nicht in Gefahr

Die wichtigsten Fakten:

  • Ertragsmöglichkeiten im Anleihebereich 2020 gering
  • Finanzmarktstabilität scheint trotz anhaltender Niedrigzinsen nicht in Gefahr
  • Anleihen bleiben wichtiger Depotbestandteil

Die Finanzmarktstabilität scheint trotz anhaltender Niedrigzinsen aktuell nicht in Gefahr. Quelle: Mitch Diamond / Getty Images

Mit bonitätsstarken Anleihen dürfte 2020 kaum Geld zu verdienen sein. Weltweit rentieren derzeit Anleihen im Volumen von rund 12 Billionen US-Dollar im negativen Bereich. Damit liegt die Zahl zwar deutlich unter den 17 Billionen US-Dollar von Ende August 2019 – allerdings nach wie vor ungewöhnlich hoch. Das gilt umso mehr, da negativ rentierende Anleihen noch 2014 kein Thema waren. Bei 10-jährigen deutschen Bundesanleihen beträgt die Rendite aktuell beispielsweise ca. –0,4 Prozent. Auch US-Staatsanleihen mit selber Laufzeit rentieren auf einem für ihre Verhältnisse niedrigen Niveau von rund 1,6 Prozent. Darüber hinaus deutet sich mit Blick auf die Geldpolitik der US-Notenbank Fed ein Paradigmenwechsel an. Mit der aktuellen Geldpolitik stoßen die Währungshüter langsam an ihre Grenzen, da die Anzahl an möglichen Zinssenkungsschritten begrenzt ist. Im Rahmen der aktuellen Überprüfung ihrer Geldpolitik könnte die Fed zu dem Entschluss kommen, nicht mehr einen „starren“ Inflationszielwert von 2 Prozent anzustreben, sondern sich dabei am langjährigen Durchschnitt zu orientieren. Da die Inflation in den USA in den vergangenen Jahren im Mittel unter 2 Prozent lag, könnten die Währungshüter künftig einen leicht höheren Wert tolerieren. Das dürfte zu einer strukturell expansiven Geldpolitik führen. Mit weiter sinkenden Renditen – und entsprechenden Kursgewinnen – rechnet die Deutsche Bank für das Jahr 2020 angesichts moderater Konjunkturaussichten und niedriger Inflationserwartungen sowie anhaltender politischer Risiken ebenfalls nicht. Aus Renditegesichtspunkten dürften Aktien für entsprechend risikobereite Anleger daher weiterhin interessanter sein als Rentenpapiere und die Nachfrage nach Unternehmensbeteiligungen entsprechend hoch bleiben.

Finanzmarktstabilität in Gefahr?

In der gestiegenen Risikobereitschaft der Anleger sehen einige Marktteilnehmer bereits Gefahren für die Finanzmarktstabilität – insbesondere, wenn sie weiter zunehmen sollte. Bundesbankpräsident Jens Weidmann, der als Kritiker der expansiven Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB) gilt, weist beispielsweise regelmäßig darauf hin, dass die anhaltenden Niedrigzinsen die Preise an den Kapitalmärkten verzerren und damit zur Blasenbildung beitragen können. Denn da sich mit vergleichsweise sicheren Anlagen kaum noch auskömmliche Renditen erzielen lassen, investieren einige Anleger derzeit in riskantere Papiere – ein Grund für die zuletzt starken Kursgewinne am Aktienmarkt. Daneben steigt durch die günstigen Finanzierungskonditionen die Gefahr von Überhitzungen an den Immobilienmärkten. Außerdem werden Unternehmen am Leben gehalten, die aufgrund ihrer Überschuldung im Umfeld höherer Zinsen keine Chance hätten. Die Bedenken Weidmanns teilen auch einige US-Währungshüter: Zuletzt waren aus ihren Reihen ebenfalls Stimmen zu vernehmen, die sich besorgt hinsichtlich möglicher Gefahren für die Finanzmarktstabilität zeigen. Insgesamt sieht die US-Notenbank Fed die Stabilität der Finanzmärkte in den Vereinigten Staaten jedoch nicht gefährdet. Ähnlich sehen das die Experten der Deutschen Bank und erachten die Risiken für das US-Finanzsystem ebenfalls als gering.

Regulierung sorgt für Stabilität

Zwar ist die Risikoneigung der Marktteilnehmer im historischen Vergleich leicht erhöht – ebenso wie die Verschuldung der Unternehmen. In Bezug auf die Ausfallrisiken von Hypotheken- und Konsumentenkrediten oder zu niedrige Ersparnisse der Haushalte lassen sich hingegen keine Risiken erkennen, wenn man die Situation zur Zeit der Finanzkrise 2007/2008 als Maßstab nimmt. Insgesamt scheint das Finanzsystem aus Sicht der Deutschen Bank stabil – zumal infolge der großen Finanzkrise zahlreiche Regulierungsmaßnahmen ergriffen worden sind, die das System stabilisieren sollen. Dazu zählen beispielsweise höhere Eigenkapitalanforderungen an die Banken oder regelmäßige Stresstests, bei denen die Stabilität der Institute in Krisensituationen überprüft wird. Sollten die Risiken wider Erwarten zunehmen, sind zudem weitere Gegenmaßnahmen denkbar. Dazu gehört insbesondere ein antizyklischer Kapitalpuffer für Banken, der bereits aufseiten der Fed diskutiert wird. Im Falle wachsender Risiken müssten die US-Institute demnach vorübergehend ihr Kernkapital erhöhen. Die Deutsche Bank geht jedoch nicht davon aus, dass diese Maßnahme in absehbarer Zeit Anwendung findet.

Eurozone: geldpolitische Trendwende unwahrscheinlich

Das Niedrigzinsumfeld dürfte Anleger nach Einschätzung der Deutschen Bank weiterhin begleiten. Das gilt insbesondere für Europa. Zwar hat die Schwedische Reichsbank jüngst mit einer Leitzinsanhebung von –0,25 auf null Prozent gezeigt, dass eine Zinswende möglich ist – auch wenn der Einlagezinssatz weiterhin im negativen Bereich bleibt. Dass die EZB dem Weg der Schweden folgen und ihre Geldpolitik bald restriktiver gestalten wird, ist jedoch unwahrscheinlich: Das schwache Wirtschaftswachstum in der Eurozone und die damit verbundene niedrige Inflation sind gewichtige Gegenargumente. Mit einer weiteren Lockerung der Geldpolitik rechnet die Deutsche Bank hingegen ebenfalls nicht – zumal auch die europäischen Währungshüter die zunehmenden Risiken und Nebenwirkungen der Niedrigzinspolitik sehen.

„Anhaltende Niedrigzinsen: Deutsche Bank schätzt Gefahren für die Finanzmarktstabilität als gering ein.“

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Anleihen bleiben sinnvoller Depotbestandteil

Aufgrund der verhaltenen Renditeaussichten im Anleihebereich dürften Aktien auf absehbare Zeit gefragter bleiben als Anleihen. Komplett auf Rentenpapiere zu verzichten, scheint jedoch aus Diversifikations- und Korrelationsgründen nicht sinnvoll. Anleihen können ebenso wie beispielsweise Immobilieninvestments zur Stabilisierung des Depots beitragen. Wie hoch der Anteil solcher eher defensiven Investments am Portfolio sein sollte, hängt von der individuellen Risikobereitschaft des Anlegers ab: Je risikobereiter, desto geringer kann die Gewichtung ausfallen. Unabhängig davon dürfte es keine Option mehr sein, Anleihen zu erwerben und bis zum Ende ihrer Laufzeit im Depot zu behalten. Vielmehr sollten Anleger auf ein aktives Management des Anleiheportfolios setzen.

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Redaktionsschluss: 28.01.2020