Aktien – 07.02.20 (Archiv)

Überwindet Indien seine Wachstumsschwäche?

Die wichtigsten Fakten:

  • Indien 2019 mit vergleichsweise schwachem Wirtschaftswachstum
  • Geld- und fiskalpolitische Maßnahmen sollten Konjunktur jetzt stützen
  • Positiver Aktienmarkttrend könnte anhalten

Die indische Wirtschaft könnte wieder Auftrieb bekommen. Quelle: anand purohit / Getty Images

Seit der Wiederwahl von Premierminister Narendra Modi im Mai 2019 war in der Weltpresse wenig Positives über Indien zu lesen – ganz im Gegenteil: Politisch sorgte die Verschärfung des Konflikts mit Pakistan um die Grenzregion Kaschmir ebenso für Unsicherheit wie das geplante Staatsbürgergesetz. Denn Einwanderer aus Pakistan, Bangladesch und Afghanistan sollen dadurch zwar leichter die indische Staatsbürgerschaft erhalten, allerdings nur, wenn sie keine Muslime sind. Kritiker betrachten dies als weiteres Zeichen einer zunehmend muslimfeindlichen Haltung Modis und befürchten eine fortschreitende Spaltung des Landes. Auch die indische Wirtschaft sorgte eher für durchwachsene Nachrichten: Im dritten Quartal 2019 wuchs das Bruttoinlandsprodukt im Vergleich zum Vorjahr mit 4,5 Prozent so schwach wie seit mehr als sechs Jahren nicht mehr. Für das Gesamtjahr 2019 rechnet die Deutsche Bank mit einem mageren Wachstumsplus von 5,1 Prozent, welches deutlich unter dem indischen Potenzialwachstum liegt.

Probleme der Schattenbanken belasten das Wachstum

Dass die indische Wirtschaft zuletzt schwächelte, lag an einer gedämpften Binnennachfrage sowie einem getrübten Geschäftsklima. Darüber hinaus belasteten die Probleme der indischen Schattenbanken (NBFCs, engl. Non-Banking Financial Companies) die konjunkturelle Entwicklung. Dabei handelt es sich um Gesellschaften, die Bankdienstleistungen wie Kreditvergabe durchführen, allerdings außerhalb des ansonsten streng regulierten Banksystems. Ihr Stellenwert bei der Finanzierung indischer Unternehmen ist in den vergangenen Jahren immer weiter gestiegen. Seitdem Ende 2018 eine große indische NBFC vom Staat vor der Pleite gerettet werden musste, fällt es ihnen jedoch schwer, sich zu refinanzieren. Daher vergeben sie weniger Unternehmens- und Konsumentenkredite. Das belastet die indische Konjunktur – zumal der Konsum für 60 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung im Land steht. Zwar sorgt das Schattenbankensystem noch für Unsicherheit, doch mittlerweile zeigt sich wieder ein erster Silberstreif am Horizont: Die NBFCs konnten neben den Geschäftsbanken weitere Finanzierungsquellen erschließen. Zudem befindet sich die Branche nun auch im Fokus des Regulators, was möglichen Fehlentwicklungen vorbeugen sollte.

„Indiens Wirtschaft mit positivem Ausblick – Aktienmarkt könnte profitieren.“

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Geld- und Fiskalpolitik soll die Wirtschaft stützen

Um die schwächelnde indische Konjunktur zu stützen, wurden im vergangenen Jahr geld- und fiskalpolitische Maßnahmen eingeleitet. Die Zentralbank senkte den Leitzins 2019 um insgesamt 1,35 Prozentpunkte auf aktuell 5,15 Prozent. Begleitet wurde die geldpolitische Lockerung unter anderem durch eine Senkung der Unternehmenssteuer im Oktober 2019 und die Bereitstellung von Liquidität für den Immobiliensektor, um den Binnenkonsum und das Wirtschaftswachstum zu stabilisieren. Naturgemäß entfalten solche Maßnahmen ihre Wirkung zeitverzögert. Jüngste Wirtschaftsdaten zeigen, dass sie jetzt zunehmend in der Realwirtschaft ankommen: Die Einkaufmanagerindizes sowohl für den Dienstleistungssektor sowie das Verarbeitende Gewerbe sind im Dezember 2019 gestiegen, die Industrieproduktion hatte bereits im November stärker als erwartet zugelegt. Weil die indische Wirtschaft gleichzeitig von der Erholung der globalen Konjunktur profitieren könnte – immerhin stehen Exporte für ein Fünftel des indischen Bruttoinlandsprodukts –, rechnet die Deutsche Bank für 2020 mit einem Wirtschaftsplus von 7 Prozent.

Kurse am indischen Aktienmarkt zuletzt gestiegen

Der indische Aktienmarkt reagierte bereits auf die wachstumsfördernden Maßnahmen: Seit der Unternehmenssteuersenkung gewann der MSCI India in Euro gerechnet um 15 Prozent an Wert. Dieser Trend dürfte sich mit der erwarteten Stabilisierung der Konjunktur fortsetzen. Impulse geben könnte auch der Haushaltsplan der Regierung für das im April 2020 beginnende neue Fiskaljahr. Wenn dieser am 1. Februar 2020 veröffentlicht wird, dürften Investoren insbesondere auf die geplanten Staatsausgaben für Infrastruktur, Subventionen für Landwirte und beabsichtigten Privatisierungen achten. Ein wirtschaftsfreundliches Budget dürfte den Kursen am indischen Aktienmarkt zusätzlichen Auftrieb verleihen.

Indische Aktien bleiben interessant

Im Umfeld der verbesserten wirtschaftlichen Aussichten hat die Analystengemeinde die Gewinnerwartungen für die indischen Unternehmen zuletzt nach oben angepasst: Sie rechnet im MSCI India aktuell für 2020 mit einem Gewinnplus von 24 Prozent. Das dürfte für weiteres Kurspotenzial sprechen. Zwar erscheinen diese Aktien bei einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 19 nicht sonderlich günstig bewertet, doch liegt das KGV unter dem Niveau der vergangenen zwei Jahren. Damit bleibt der indische Aktienmarkt für entsprechend risikobereite Anleger mit langfristigem Anlagehorizont ein interessantes Investmentziel – vor allem im Rahmen eines breiten Engagements in den Wachstumsmärkten Asiens.

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Redaktionsschluss: 23.01.2020