Aktien – 15.09.20

Unternehmen: kontaktlos zum Erfolg

Die wichtigsten Fakten:

  • Corona zeigt auf, welche Geschäftsmodelle belastbar sind
  • Personalstrukturen als unternehmerischer Erfolgsfaktor
  • „Old Economy“ bleibt wichtig, verliert am Aktienmarkt aber den Anschluss

Unternehmen: kontaktlos zum Erfolg

Quelle: Nikada / Getty Images

Die jüngsten Entwicklungen an den Aktienmärkten überraschen viele Börsenexperten. Ungewöhnlich erscheint insbesondere, welche Unternehmenstitel aktuell besonders gut abschneiden. Denn in der Vergangenheit waren es vor allem Value-Titel sowie kleinere und mittelgroße Firmen, die stark von der anfänglichen Konjunkturerholung profitierten bzw. sich dank überschaubarer Strukturen schneller an das neue Umfeld anpassen konnten und sich daher nach einer Krise am schnellsten erholten. Nach dem vorläufigen Höhepunkt der Coronavirus-Krise im Frühjahr sind es dieses Mal hingegen insbesondere Growth-Titel, Großunternehmen und vor allem Firmen aus dem Techbereich – Gruppen mit hohem Anteil an New-Economy-Unternehmen –, die die Kurse maßgeblich treiben.

Diese Entwicklung ist Ausdruck des speziellen Charakters der aktuellen Situation: Die Coronavirus-Krise ist nicht nur eine Wirtschafts-, sondern gleichzeitig auch eine Gesundheitskrise. 

Flexibel zum Erfolg

Eine entscheidende Rolle für unternehmerischen Erfolg während der Coronavirus-Krise spielt daher die Art des Kundenkontakts: Firmen, die einen freien Publikumsverkehr benötigen, haben aufgrund der coronabedingten Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen einen deutlichen Wettbewerbsnachteil gegenüber Unternehmen, die in der digitalen Welt beheimatet sind und ihren Kunden meist nur virtuell begegnen.

Ein weiterer wichtiger Erfolgsfaktor scheint die Personalstruktur der Unternehmen zu sein – genauer gesagt die Anzahl der Mitarbeiter und deren Einsatzmöglichkeiten. Es zeigt sich, dass Unternehmen, die im Vergleich zu ihrer Größe eine schlanke Personaldecke aufweisen und deren Mitarbeiter problemlos aus dem Homeoffice arbeiten können, bislang deutlich besser durch die Coronavirus-Krise gekommen sind als Unternehmen aus personalintensiven Branchen, die auf Mitarbeiter vor Ort angewiesen sind.

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Corona offenbart vorhandene Schwachstellen

Während die schlanken und flexiblen Unternehmen ihren Mitarbeiterstamm weitestgehend halten konnten, kam es andernorts zu Massenentlassungen. Zu den Verlierern zählen insbesondere Firmen aus der Old Economy, etwa aus den Bereichen Schwerindustrie, stationärer Einzelhandel und Kinos. Im Laufe der Coronavirus-Krise wurden ihre oftmals bereits vorhandenen Defizite noch einmal offensichtlicher: hohe Personalkosten, starre Vertriebswege und eine insgesamt vergleichsweise geringe Rentabilität.

New-Economy-Unternehmen im Anlegerfokus

Schlanke und flexible Mitarbeiterstrukturen verbunden mit meist virtuellen Kundenkontakten und effizienten Vertriebswegen finden sich dagegen vor allem in der New Economy, also beispielsweise bei Firmen aus den Bereichen Internet und Cloud-Computing sowie E-Commerce, Sharing Economy und Streaming. Sie haben entweder gänzlich neue Lösungen auf den Markt gebracht (z. B. Cloud-Computing) oder bieten Produkte und Dienstleistungen effizienter und benutzerfreundlicher an als zuvor (z. B. Videostreaming im Vergleich zu Videotheken). Dank ihres seit Jahren andauernden Erfolgs kommen beispielsweise in den USA die fünf größten Unternehmen mittlerweile allesamt aus diesen Bereichen: Im US-Leitindex S&P 500 machen allein die „Big Five“ gut 20 Prozent der gesamten Marktkapitalisierung aus – haben dabei aber nur einen Anteil an den Arbeitskräften von 5 Prozent.

USA: Techaktien vor breitem Markt

Digitalisierung treibt Aktienkurse

Diese zunehmende Divergenz innerhalb der Wirtschaft lässt sich auch an den Aktienkursen ablesen. Im S&P 500 etwa haben sich die digitalen Vorreiter im Vergleich zu Unternehmen mit hohem Mitarbeiterstand seit Jahresbeginn um 40 Prozent besser entwickelt.

New Economy, ja – aber nicht nur

Für entsprechend risikobereite Anleger könnte es sich anbieten, New-Economy-Unternehmen langfristig in den Fokus zu nehmen. Denn die Aspekte, die ihnen während der Coronavirus-Krise einen Vorteil verschaffen, dürften ihnen auch in Zukunft zugutekommen. Als Investmentlösung eignen sich Tech- und Large-Cap-Fonds mit aktivem Management, welches sehr genau das jeweilige Geschäftsmodell unter die Lupe nimmt. Denn was heute noch neu und innovativ ist, könnte schon in ein paar Jahren veraltet sein. Die Old Economy sollte man als Anleger aber nicht gleich vollständig abschreiben: Ihre Produkte und Dienstleistungen werden nach wie vor benötigt, entsprechende Aktien können kurz- oder mittelfristig immer noch vergleichsweise hohes Ertragspotenzial bieten. Mit Blick auf die Tatsache, dass an der Börse die Zukunft gehandelt wird, dürften sie bei der Kursentwicklung jedoch langfristig weiter zurückfallen.

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Redaktionsschluss: 11.09.2020