Aktien – 10.08.20

US-Aktien: Welche Sektoren jetzt durchstarten könnten

Die wichtigsten Fakten:

  • Konjunkturerholung begünstigt Wechsel von US-Anlagefavoriten
  • Value-Titel und Zykliker geraten zunehmend in den Fokus
  • Sektortrend könnte dieses Mal längere Zeit andauern
US-Aktien: Welche Sektoren jetzt durchstarten könnten

Am US-Aktienmarkt ist derzeit eine Verschiebung der Anlegernachfrage zu beobachten: weg von Wachstums- (Growth-) und Momentumtiteln sowie Coronakrisen-Gewinnern, hin zu Substanzwerten (Value-) und konjunkturabhängigen Titeln (Zykliker) sowie Verlierern der Krise. Solche „Sektorrotationen“ hat es seit Ausbruch der Coronavirus-Pandemie bereits mehrere Male gegeben. Allerdings waren diese nie von Dauer: Sobald die Sorge vor einer zweiten Viruswelle und damit verbundenen zusätzlichen Konjunkturdämpfern zunahm, zogen Anleger sich wieder auf ihre alten Favoriten zurück. Dieses Mal jedoch könnte der Aufwärtstrend von Value- und Konjunkturwerten länger andauern. Zumindest bietet das aktuelle Umfeld in den Vereinigten Staaten ausreichend Gründe dafür.

Konjunktur beeinflusst Sektorentwicklung

Die Grundüberlegung dabei ist folgende: Je nach gesamtwirtschaftlicher Lage entwickeln sich einzelne Sektoren besser oder schlechter. Wächst die Wirtschaft nur moderat oder schrumpft sie, stehen meist Unternehmen mit starken, konjunkturunabhängigen Wachstumsmodellen im Anlegerfokus, etwa IT-Titel. Kommt es jedoch zu einem Umschwung und die Konjunktur zieht wieder an, greifen Anleger verstärkt bei Aktien von Unternehmen zu, deren Geschäfte stark am Wirtschaftswachstum hängen, beziehungsweise bei solchen, die aufgrund ihrer im Vergleich zum Gesamtmarkt niedrigen Bewertungen günstig erscheinen. Zu diesen gehören derzeit unter anderem Industrie- und Finanzwerte, Aktien aus dem zyklischen Konsum (u.a. Automobile, Bekleidung) sowie zum Beispiel Fluggesellschaften. 

Favoritenwechsel am US-Aktienmarkt? Welche Sektoren bei einer erwarteten Konjunkturerholung durchstarten könnten.

Konjunkturelle Erholung gewinnt an Stabilität


Derzeit verdichten sich die Anzeichen, dass die Konjunktur in den USA einen solchen Wendepunkt erreicht und die aktuelle Sektorrotation am US-Aktienmarkt Bestand haben könnte. Ein wesentlicher Grund dafür sind die verhalten positiven Corona-Nachrichten: Durch die Verschärfung der Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen in einigen Bundesstaaten könnte es bald zu einer Abnahme der COVID-19-Fälle auch in den Vereinigten Staaten kommen. Zudem gestaltet sich die Suche nach einem Corona-Impfstoff vielversprechend – eventuell kann bereits am Ende des Jahres mit der Massenproduktion begonnen werden. Das dürfte das Vertrauen der Anleger in eine baldige konjunkturelle Erholung in den USA stärken. 


Gewinnwachstum dürfte wieder anziehen


In diesem Zusammenhang liefern die Gewinnentwicklungen der Unternehmen einen weiteren Grund für einen anhaltenden Favoritenwechsel. Die Deutsche Bank geht davon aus, dass die laufende Berichtssaison den Tiefpunkt der Entwicklung markieren dürfte, und rechnet mit einer beginnenden Erholung im dritten Quartal 2020. Das gilt vor allem für Zykliker und Value-Werte, die aufgrund ihrer hohen Konjunktursensitivität ein besonders starkes Wachstum aufweisen könnten – ein Trend, der sich bereits abzuzeichnen scheint. 


Inflation und Fiskalpolitik als Vorboten einer Value-Rally?


Als Indiz für eine Sektorrotation kann auch die Entwicklung der Inflationserwartungen herangezogen werden: Nach dem Einbruch im Zuge der Coronavirus-Krise steigen diese in den USA allmählich wieder an. Die Deutsche Bank rechnet nicht mit einem starken Anstieg der Teuerung. Allerdings markierten steigende Inflationserwartungen in der Vergangenheit üblicherweise eine bevorstehende Outperformance von Value-Werten.


Einen zusätzlichen Schub könnte Value-Sektoren wie dem Einzelhandel sowie dem zyklischen Konsum ein mögliches Fiskalpaket der US-Regierung verleihen. Aktuell stehen Ausgaben von rund einer Billion US-Dollar im Raum, unter anderem für Einmalzahlungen an Haushalte sowie eine Verlängerung des wöchentlichen Corona-Arbeitslosengeldes. Erwartet wird eine Entscheidung hierzu noch im August.

Blick auf die Bewertungen lohnt sich


Ein weiterer Aspekt, der in den kommenden Monaten für Value-Werte sprechen könnte, ist schließlich der deutlich gestiegene Bewertungsabschlag zu sogenannten Momentumaktien. Das sind Aktien, deren Kurse in jüngerer Vergangenheit besonders schnell und stark gestiegen sind – die also ein Momentum oder eine besonders hohe Schwungkraft aufweisen. Dies hat zu einem extremen Bewertungsunterschied zwischen Investorenlieblingen wie Technologie- oder Gesundheitswerten auf der einen und zyklischen beziehungsweise günstig bewerteten Aktien auf der anderen Seite geführt. In den USA liegt die Differenz im Kurs-Gewinn-Verhältnis zwischen den Anlagestilen Momentum und Value derzeit bei mehr als 15 – so hoch wie zuletzt während der Dotcom-Blase. 


Bei fortschreitender Sektorrotation könnten Marktteilnehmer dann auch innerhalb der Zykliker verstärkt Unterscheidungen zwischen Titeln mit strukturellen Treibern und solchen mit langfristigen Herausforderungen treffen. Profitieren dürften zum Beispiel Hardware-Unternehmen (vom globalen Digitalisierungstrend) sowie Minenkonzerne und Grundstoffproduzenten (von der hohen Nachfrage nach Rohstoffen für Speicherchips und Chemikalien). Ausgewählten Industrieunternehmen wiederum kommt der steigende Automatisierungsgrad entgegen. Demgegenüber sehen sich der Öl- und Gassektor (nachlassende Bedeutung fossiler Brennstoffe), Banken (Niedrigzinsumfeld und der Aufstieg von Fintechs), die Automobilbranche (Umbau der Produktion für Elektroautos) sowie Luftfahrtunternehmen (weniger Dienstreisen und mehr lokaler Tourismus nach Corona) mit großen strukturellen Herausforderungen konfrontiert, welche deren Bewertungen langfristig belasten dürften. 


Sollte sich die konjunkturelle Lage wie erwartet verbessern, könnten Anleger zunehmend Gewinne bei Momentumtiteln mitnehmen und ihr Kapital in entsprechend aussichtsreiche Value-Aktien umschichten. 


Diversifikation nach Regionen und Branchen


US-Aktien bleiben für entsprechend risikobereite Anleger damit ein wesentlicher Bestandteil eines ausgewogenen Portfolios – allerdings erscheint ein aktives Management wichtiger denn je, um die langfristigen Renditemöglichkeiten der Anlageklasse effektiv nutzen zu können. Denn insbesondere in Umschwungphasen kann es mitunter sehr schnell zu einem Favoritenwechsel an den Märkten kommen. Anleger sollten daher sicherstellen, dass sie ihr Portfolio nicht nur nach regionalen, sondern auch nach sektorspezifischen Aspekten aufstellen. Am Markt gibt es dafür beispielsweise diversifizierte Fondslösungen, die aufgrund ihrer Titel- und Branchenselektion strukturell eine eher zyklische Ausrichtung aufweisen.

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Redaktionsschluss: 10.08.2020