Aktien | Volkswirtschaft / Geldpolitik – 17.07.20

USA: Was die Präsidentschaftswahl für den Aktienmarkt bedeuten könnte

Die wichtigsten Fakten:

  • Am 3. November finden in den USA Präsidentschaftswahlen statt
  • Herausforderer Joe Biden liegt in Umfragen aktuell vor Donald Trump
  • Die Wahl könnte Einfluss auf die Aktienmarktentwicklung nehmen

Quelle: 3dfoto / iStock

Die Coronavirus-Pandemie hat die USA weiterhin fest im Griff. Zwar konnte die Ausbreitung des Virus in früheren Hotspots wie New York unter Kontrolle gebracht werden. Nun steigt jedoch vor allem in den südlichen US-Bundesstaaten die Zahl der COVID-19-Fälle deutlich an. Die Zahl der Menschen, die sich landesweit mit dem Coronavirus infizieren, kletterte zuletzt über die Rekordmarke von 60.000 pro Tag. In der Folge mussten einige Bundesstaaten, darunter Texas und nun auch Kalifornien, ihre Quarantänemaßnahmen wieder verschärfen. Nach Einschätzung der Deutschen Bank stellt COVID-19 weiterhin ein erhebliches Risiko für die US-Konjunktur dar. Etwa 30 bis 50 Prozent der US-Wirtschaftsleistung wird in Bundesstaaten generiert, in denen sich die Ausbreitung des Virus wieder beschleunigt hat.

Trump aufgrund der Coronavirus-Pandemie unter Druck

Der erneute Rückschlag bei der Bekämpfung der Coronavirus-Pandemie und deren wirtschaftliche Folgen setzen auch den noch amtierenden US-Präsidenten Donald Trump unter Druck. Bis zum Ausbruch von COVID-19 schienen seine Chancen auf eine Wiederwahl im November relativ gut. Aufgrund Trumps Umgang mit der Pandemie sind sie jedoch zuletzt gesunken. Auch seine Reaktionen und polarisierenden Aussagen zu den Unruhen infolge von Polizeigewalt gegenüber afroamerikanischen US-Bürgern belasteten jüngst seine Zustimmungswerte. Gegenüber seinem Rivalen aus dem demokratischen Lager Joseph „Joe“ Biden liegt Trump in Umfragen aktuell deutlich hinten. Einige US-Wahlexperten beziffern Trumps Chance auf eine Wiederwahl mit lediglich 10 Prozent.

Ehemaliger Vizepräsident fordert Trump heraus

Trumps Herausforderer Joe Biden ist international vor allem als ehemaliger Vizepräsident unter Barack Obama bekannt. Dabei begann seine politische Karriere bereits vor mehr als 45 Jahren: 1973 zog Biden als Vertreter des Bundesstaats Delaware erstmals in den Senat ein – zu einer Zeit also, in der Elvis Presley noch Konzerte auf Hawaii gab und Leonid Breschnew als Generalsekretär der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU) im Kreml saß. Zweimal, 1988 und 2008, kandidierte Biden bei der US-Präsidentschaftswahl, schied aber jeweils in einem relativ frühen Stadium aus dem Wahlkampf aus. 2009 wurde er als Vizepräsident unter Barack Obama vereidigt. Einige Kritiker werfen dem heute 77-Jährigen vor, nur so lange politisch überlebt zu haben, weil er sich stets dem Zeitgeist angepasst habe, und fragen: Wie soll jemand führen, der stets gefolgt ist?

Kann Biden die Nation einen?

Bidens Befürworter hingegen trauen ihm zu, das politisch und gesellschaftlich tief gespaltene Amerika wieder zu einen. Er gilt als gemäßigt und verfolgt weniger radikale Politansätze als seine demokratischen Mitbewerber bei den Vorwahlen. US-Senator Bernard „Bernie“ Sanders etwa, der mittlerweile seine Kandidatur zurückgezogen hat, fordert eine Verstaatlichung von Teilen der Wirtschaft. Eine solche Maßnahme scheint unter einem Präsidenten Biden undenkbar. Zwar ist er innerhalb des linken Flügels der Partei umstritten, dürfte aber durch seine Verortung im Zentrum der Partei für konservative Wähler eher eine Option sein als beispielsweise Sanders. Dadurch könnten die Demokraten bei den gleichzeitig mit der Präsidentschaftswahl stattfindenden Senatswahlen eine Mehrheit erzielen. Dafür würde bereits der Gewinn von drei der 23 republikanischen Sitze, die zur Wahl stehen, ausreichen. Falls die Demokraten tatsächlich die Mehrheit in beiden Kammern des Kongresses gewinnen können – momentan stehen die Umfragen dafür nicht schlecht –, hätte ein möglicher Präsident Biden jedenfalls eine deutlichere Machtfülle als mancher seiner Vorgänger.

„Trump oder Biden? Was die US-Präsidentschaftswahl für den Aktienmarkt in den USA bedeuten könnte“

Biden fordert höhere Unternehmenssteuern

Damit Biden seine innenpolitischen Vorhaben in die Tat umsetzen könnte, wäre eine solche starke Basis sicherlich hilfreich. Er wäre befreit von den Grabenkämpfen zwischen den Parteien, die aktuell die US-Politik lähmen. Biden hat bereits angekündigt, anstelle der Wall Street eher die sogenannte Main Street in den Fokus zu nehmen – also statt der Großkonzerne die kleinen und mittleren Unternehmen. Die Arbeitslosenquote in den USA liegt noch immer coronabedingt bei 11,1 Prozent, während die US-Aktienmärkte einen Großteil ihrer Kursverluste durch das Virus aus dem März bereits wieder aufgeholt haben. Biden möchte vor diesem Hintergrund staatliche Hilfen verstärkt an amerikanische Familien lenken, nachdem in seinen Augen Trump sein Handeln zu stark an der Wall Street orientierte. Um dafür die finanziellen Spielräume des Staates zu vergrößern, fordert Biden unter anderem höhere Unternehmenssteuern in den USA: Nachdem Trump 2017 den Steuersatz von 35 Prozent auf 21 Prozent senkte, möchte Biden ihn wieder in Richtung 28 Prozent erhöhen. Daneben plant er, die Gesundheitsversorgung auszubauen und durch weitere staatliche Angebote einer breiteren Masse US-Amerikaner zugänglich zu machen. Auch der Umweltschutz soll in der US-Politik wieder eine größere Rolle spielen: Nach Bidens Vorstellung sollen die USA bis 2050 klimaneutral wirtschaften. Zu diesem Zweck denkt er neben fiskalischen Maßnahmen auch über eine einheitliche Besteuerung von CO2-Emissionen nach.

Mehr internationale Kooperation statt Konfrontation?

Außenpolitisch scheint Biden stärker auf internationale Kooperationen zu setzen als der amtierende Präsident. Mit einem geplanten weltweiten Gipfeltreffen der Demokratien scheint er dabei den Führungsanspruch der USA innerhalb dieser Wertegemeinschaft wiedergewinnen zu wollen. Als Kämpfer für den globalen Freihandel präsentiert sich Biden, ähnlich wie Donald Trump, jedoch nicht unbedingt – im Gegenteil: Auch er fordert, bestimmte Produkte wie Medikamente idealerweise komplett im eigenen Land zu produzieren, und steht für einen härtere Gangart gegenüber China.

Wahlausgang könnte Einfluss auf den US-Aktienmarkt haben

Anleger mit Interesse an US-Aktien sollten neben der weiteren Entwicklung der US-Konjunktur und dem Verlauf der Coronavirus-Pandemie in den kommenden Monaten auch die politische Ebene im Auge behalten. Denn sollten sich Bidens Chancen auf das Präsidentenamt weiter verfestigen, könnten seine Pläne für eine höhere Unternehmensbesteuerung die Aktienkurse in den USA kurzfristig belasten. Dies könnte für entsprechend risikobereite Anleger jedoch einen interessanten Einstiegspunkt darstellen – schließlich könnten sich eine gemäßigtere Innen- und Außenpolitik sowie Investitionen in Umweltschutz und Infrastruktur mittelfristig positiv auf die Kursentwicklung auswirken. Sollte die Dekarbonisierung der US-Wirtschaft im Zuge seiner Wahl tatsächlich an Fahrt aufnehmen, dürften hiervon Anbieter klimaschonender Technologien profitieren.

Aktuelle Marktkommentare erhalten Sie im täglichen Newsletter „PERSPEKTIVEN am Morgen“.

Redaktionsschluss: 16.07.2020