Schwankende Aktienkurve gezeigt auf einer digitalen Anzeige

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Den Start in das Jahr 2022 hätten sich die meisten Anleger sicherlich anders gewünscht: Die sich im Zuge der Ausbreitung der Omikron-Welle verschlechternde Konjunkturstimmung allen voran im Dienstleistungsbereich, weiter steigende Inflationsraten und bedeutende Notenbanken, die ein Zurückfahren ihrer geldpolitischen Anreize ankündigten, führten – begleitet von anziehenden Realzinsen, hohen Aktienbewertungen und einer Verschärfung der geopolitischen Lage – zu Verunsicherungen unter den Marktteilnehmern. Zum Teil deutliche Kursabschläge an den Aktien- und Anleihemärkten weltweit waren die Folge. 10-jährige Staatsanleihen aus den USA und Deutschland beispielsweise erreichten zwischenzeitlich ihre jeweils höchsten Renditeniveaus seit Ausbruch der Coronavirus-Pandemie. An den Aktienmärkten ging es vor allem für Technologieindizes abwärts, aber auch breit aufgestellte Leitindizes wie der S&P 500 in den USA oder der deutsche DAX gerieten unter Druck. Ein allzu großer Pessimismus scheint aktuell dennoch nicht angebracht. Zwar dürfte die Schwankungsintensität an den Börsen auf absehbare Zeit anhalten. Die grundsätzlichen Aussichten für Aktien bleiben aus Sicht der Deutschen Bank jedoch positiv – vor allem für zyklische Sektoren.

Tech verliert besonders stark

Gründe für die positive Einschätzung sind unter anderem die erwartete Entwicklung des Wirtschaftswachstums sowie die Gewinnentwicklung der Unternehmen. Zwar dürfte die konjunkturelle Dynamik in den USA ihren Höhepunkt überschritten haben, trotzdem sollte die US-Wirtschaft weiter solide wachsen: Für 2022 rechnet die Deutsche Bank mit einem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von 4 Prozent. In Europa (+ 4,6 Prozent) und insbesondere in Deutschland (+ 4,8 Prozent) besteht sogar noch Aufholpotenzial. Ähnlich verhält es sich mit den Unternehmensgewinnen, die dies- und jenseits des Atlantiks nach Einschätzungen der Analystengemeinde weiter deutlich zulegen könnten: In den USA um 8,7 Prozent und in der Eurozone um 7,7 Prozent – die Deutsche Bank rechnet sogar mit einem noch etwas stärkeren Wachstum.

Gestützt werden diese insgesamt positiven Gewinnaussichten allen voran von den Erwartungen hinsichtlich einer allmählichen Normalisierung der globalen Lieferketten und nachlassender Lieferengpässe sowie einer Verbesserung des konjunkturellen Umfelds in wichtigen Märkten wie China und anderen bedeutenden asiatischen Schwellenländern. Hinzu kommt, dass die Investitionen im Jahresverlauf anziehen dürften und die privaten Haushalte ihre hohen Ersparnisse in einer möglicherweise bald weniger von Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen geprägten Welt wieder stärker in den Konsum fließen lassen könnten – insbesondere ins Gast-, Touristik- und Fluggewerbe.

Abseits der harten fundamentalen Fakten spricht auch die derzeitige Anlegerstimmung für zukünftiges Kurspotenzial an den Aktienmärkten. Denn viele Anleger sind verunsichert und haben sich zuletzt aus Aktien zurückgezogen. Allerdings finden sie kaum interessante Anlagealternativen. Das „TINA“-Argument (englische Abkürzung für „There is no alternative“, zu Deutsch: „Es gibt keine Alternative“) wird in diesem Zusammenhang immer wieder genannt. Denn trotz der gestiegenen Realzinsen bewegen diese sich in den USA und Europa nach wie vor deutlich im negativen Bereich, was beispielsweise Anleihen aus Renditegesichtspunkten unattraktiv erscheinen lässt. Viele Anleger parken ihr Kapital daher nur zwischen und könnten, sobald sich die allgemeine Stimmungslage wieder verbessert, an die Aktienmärkte zurückkehren. Zumal Aktien in einem weiterhin erhöht erwarteten Inflationsregime zumindest eine gewisse Absicherung gegen Kaufkraftverluste darstellen könnten: Viele Unternehmen dürften in der Lage sein, Preiserhöhungen an ihre Kunden weiterzugeben und damit ihre Geschäftsergebnisse zu stabilisieren, was sich vorteilhaft auf ihre Aktienkurse auswirken sollte.

Trotz der vielen Aspekte, die mittel- und langfristig für Aktien zu sprechen scheinen, bleibt die Entwicklung an den Märkten mit Risiken behaftet, etwa durch die Coronavirus-Pandemie. Hinzu kommt das Inflationsrisiko – zwar könnten sich die Teuerungsraten in der zweiten Jahreshälfte 2022 verringern, eine Rückkehr auf Vorkrisenniveaus ist jedoch unwahrscheinlich. Auch besteht die Gefahr eines zu schnellen Zinsanstiegs durch ein übereiltes Handeln beziehungsweise eine unzureichende geldpolitische Kommunikation der Notenbanken, allen voran der Fed.

Möglicher Favoritenwechsel zur Jahresmitte: Darauf sollten Aktienanleger in den kommenden Monaten achten.

In einem dynamischen Wachstumsumfeld dürften sich zyklische Substanzwerte in den kommenden Monaten besonders gut entwickeln. Im ersten Halbjahr 2022 könnten daher allen voran europäische Aktienmärkte in den Anlegerfokus rücken, die im Vergleich etwa zum US-Markt einen höheren Anteil konjunkturabhängiger Unternehmen sowie ein im Durchschnitt niedrigeres Bewertungsniveau aufweisen. Zudem sollten sie von der höheren konjunkturellen Dynamik in Europa überproportional stark profitieren können. Interessant erscheinen in diesem Zusammenhang vor allem europäische Banken, die ihren Anteil notleidender Kredite im globalen Vergleich zuletzt besonders stark zurückfahren konnten und weniger Rückstellungen bilden mussten. Bei steigenden Zinsen dürften sie zudem ihre Kreditmargen ausweiten können. Insgesamt korreliert die Wertentwicklung von Bankaktien eng mit der Entwicklung von Anleiherenditen – steigende Renditen dürften also dazu beitragen, einen überproportionalen Kursanstieg im Verhältnis zum Gesamtmarkt auszulösen. Mit einem möglichen Ende des Zinsanstiegs im zweiten Halbjahr könnten die Aktienmarktfavoriten dann wechseln und neben defensiven Sektoren wie Versorger, Gebrauchsgüter, Gesundheit oder Telekommunikation auch Wachstumstitel wie Techwerte in den Vordergrund treten – und damit auch wieder stärker der US-Aktienmarkt.

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Redaktionsschluss: 31.01.2022