Chinesischer Drache

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Rund 3 Prozent der weltweiten Containerfrachtkapazitäten lagen zuletzt vor dem Hafen von Schanghai auf Reede und warteten darauf, be- oder entladen zu werden. Die chinesische Metropole mit dem weltgrößten Containerhafen hatte bis vor Kurzem unter einem wochenlangen Corona-Lockdown zu leiden. Allein auf den Hafen von Schanghai entfallen mehr als 20 Prozent der gesamten chinesischen Exporte und fast 8 Prozent der Exporte von Industrieerzeugnissen in die Weltmärkte.

So wie den Hafen von Schanghai hat die Null-Covid-Strategie der chinesischen Regierung die Wirtschaft des gesamten Landes massiv ausgebremst. Das spiegelt sich zum Beispiel in den Arbeitsmarktdaten wider: Hatte die Arbeitslosenquote im September 2021 noch bei 4,9 Prozent gelegen, stieg sie trotz gut gefüllter Auftragsbücher der chinesischen Industrie bis April 2022 auf 6,1 Prozent. Das von der Regierung für 2022 vorgegebene Wachstumsziel für das Bruttoinlandsprodukt von 5,5 Prozent scheint vor diesem Hintergrund zumindest gefährdet. Doch nicht nur die chinesische Wirtschaft leidet. Der harte Kurs Pekings hat auch die globalen Lieferkettenprobleme nochmals verschärft und nicht zuletzt die Aktienmarktteilnehmer weltweit verunsichert.

Nun jedoch könnte sich die Lage langsam etwas entspannen. Nachdem die Infektionszahlen zurückgingen, beendeten die Behörden im Mai schrittweise die strikten Lockdowns im Land. Der Schanghaier Hafen etwa wurde in der letzten Mai-Woche wiedereröffnet. Als Folge davon stiegen die Ex- und Importe Chinas im Mai deutlich an: Das Plus lag bei 16,9 beziehungsweise 4,1 Prozent gegenüber dem Vorjahresmonat. Erste Signale einer wirtschaftlichen Erholung kommen auch vom Arbeitsmarkt und anderen wichtigen Konjunkturindikatoren. Die Arbeitslosenquote sank im Mai um 0,2 Prozentpunkte auf 5,9 Prozent. Der Einkaufsmanagerindex für das Verarbeitende Gewerbe stieg von 47,4 Punkten im April auf 49,6 Punkte im Mai. Details lassen eine breit angelegte Erholung der Produktion erkennen. Der Index für den Dienstleistungssektor legte im selben Zeitraum sogar von 41,9 auf 47,8 Punkte zu. Damit liegen beide Indizes zwar unter der Expansionsschwelle von 50 Punkten, erholten sich jedoch kräftig vom zuvor tiefsten Stand seit Beginn der Pandemie im Frühjahr 2020. 

Solide Konjunkturaussichten, günstige Bewertungen: Was Chinas Aktienmarkt jetzt weiter Rückenwind verleihen könnte.

Angesichts niedriger Inflationsraten hat China zur Ankurbelung der Konjunktur in Zukunft ausreichend Spielraum für geld- und fiskalpolitische Impulse. Die chinesische Notenbank senkte im Mai den Referenzzins für Hypothekenkredite von 4,60 Prozent auf 4,45 Prozent, wodurch private Haushalte entlastet und die Konsumnachfrage gestützt werden dürfte. Zudem stellte der chinesische Staatsrat jüngst 33 Maßnahmen zur Ankurbelung der Wirtschaft vor, etwa die Ausweitung von Mehrwertsteuerrückerstattungen für Unternehmen auf umgerechnet rund 370 Milliarden Euro oder die Erhöhung des jährlichen Kontingents für Sonderanleihen chinesischer Lokalregierungen zur Förderung von Infrastrukturprojekten auf umgerechnet rund 520 Milliarden Euro. Zuvor hatte die Stadtregierung Schanghais ein 50-Punkte-Programm präsentiert, das der Wirtschaft, der Beschäftigung und dem Konsum der 25-Millionen-Einwohner-Stadt neue Impulse geben soll. 

Zwar bleiben vor allem die Risiken durch ein Wiederaufflammen der Corona-Infektionen in China bestehen. Die moderatere Reaktion Pekings auf einen erneuten Corona-Ausbruch in der chinesischen Hauptstadt Anfang Juni könnte jedoch darauf hindeuten, dass die Regierung ihre Null-Covid-Strategie etwas lockert und künftig auf eine Kombination aus freiwilligen und angeordneten (Massen-)Tests sowie auf lokale Lockdowns statt flächendeckende Abriegelungen setzen könnte. Das würde die Wirtschaft insgesamt weniger belasten. Darüber hinaus könnten weitere Konjunkturhilfen die Wirtschaft und den Konsum stützen. Zusammengenommen könnten alle diese Maßnahmen chinesischen Aktien insgesamt Auftrieb verleihen. Aus Euro-Anlegerperspektive hat der MSCI China den MSCI AC World seit Anfang Mai insgesamt um knapp 16 Prozentpunkte hinter sich gelassen. Das erwartete Gewinnwachstum im MSCI China liegt auf 12-Monats-Sicht bei 13,1 Prozent und damit über den Prognosen für den länderübergreifenden MSCI AC World (9,3 Prozent). Mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 11,6 auf Basis der erwarteten Gewinne der nächsten 12 Monate erscheinen chinesische Aktien zudem im Vergleich zum MSCI AC World (14,1) günstig bewertet. 

Für entsprechend risikobereite Anleger könnten Aktien aus dem Reich der Mitte deshalb nun wieder stärker in den Fokus rücken. Dabei gilt es, neben den Entwicklungen in Bezug auf die Corona-Pandemie auch mögliche geopolitische Risiken und den anhaltenden Streit zwischen den USA und China um die technologische Vorherrschaft im Blick zu behalten.

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Redaktionsschluss: 01. Juli 2022, 15 Uhr