Aktien – 06.05.21

Halbleiter: Rohstoff der Digitalisierung

Die wichtigsten Fakten:
  • Lieferengpässe bei Mikrochips belasteten zuletzt einige Industrien
  • Digitalisierung dürfte Halbleiternachfrage weiter wachsen lassen
  • Anleger sollten spezielle Branchenrisiken berücksichtigen
Edelweiss / Adobe Stock

Rund eine Billion Mikrochips werden jährlich weltweit hergestellt – und doch sind es längst nicht genug. Zuletzt mussten etwa Automobilhersteller ihre Produktion drosseln, weil es an den zwar winzig kleinen, aber unverzichtbaren Bauteilen mangelte: In einem herkömmlichen Auto stecken durchschnittlich 50 bis 150 Chips, Elektrofahrzeuge kommen auf bis zu 3.000.

Hauptbestandteil der Chips sind Materialien, die nur wenig Strom leiten und darum Halbleiter genannt werden. Sie sind der Stoff, aus dem die Digitalisierung ist, denn sie werden nicht nur in Autos, sondern in fast jedem technischen Gerät verbaut: von Kinderspielzeug über Notebooks und Smartphones bis hin zu den vernetzten Maschinen der Industrie 4.0. Das macht den Halbleitersektor, der sehr breit aufgestellt ist und neben Chipherstellern, -entwicklern und -designern auch Grundstofflieferanten, Vorproduktehersteller und Maschinenbauer für die Chipproduktion umfasst, auch für Anleger interessant. 2020 wurden in diesem Bereich laut dem Industrieverband Semiconductor Industry Association insgesamt rund 440 Milliarden US-Dollar Umsatz erwirtschaftet.

„Ohne Halbleiter ist die Digitalisierung undenkbar. Das macht den Sektor für Anleger grundsätzlich interessant“    

Chipproduktion: Schwerpunkt in Asien

Dabei ist der Markt der Chipfertigung seit Jahren fest in asiatischer Hand: Gut 70 Prozent des globalen Umsatzes entfallen auf zwei Firmen aus Taiwan und Südkorea. Das Chipdesign ist hingegen hauptsächlich in den USA beheimatet.

Das breit gefächerte Einsatzgebiet für Halbleiter ist ein großer Vorteil für die Produzenten, kann aber Nachteile für die Abnehmer mit sich bringen. So wurden infolge der coronabedingten Lockdowns in der Automobilindustrie Teile der Halbleiterproduktion in die boomende Computer- und Smartphone-Industrie umgeleitet. Nachdem die Automobilindustrie schneller als erwartet wieder hochfuhr, reichten die Chip-Lieferkapazitäten nicht aus, um den kurzfristigen zurückgekehrten Bedarf zu decken. Die Lieferfristen lagen zuletzt bei vier Monaten und belasten zunehmend die wirtschaftlich relevanten halbleiterverarbeitenden Industrien in den USA, China und Europa. Der Engpass könnte noch weit bis ins Jahr 2022 anhalten.

Von eher kurzfristigen Verknappungen abgesehen dürfte der Halbleiterbedarf im Zuge der voranschreitenden Digitalisierung dennoch weiter wachsen. Das macht den eher zyklisch ausgerichteten Sektor für Anleger nicht nur kurzfristig – seit Jahresbeginn liegt der 35 Werte umfassende MSCI World Semiconductors Index aus Sicht eines Euroanlegers rund 15 Prozent im Plus –, sondern auch langfristig interessant.

Dabei gilt es die speziellen Risiken der Halbleiterbranche zu berücksichtigen. Beispielsweise sind, um bei dem hohen Innovationstempo der Techbranche technisch am Ball zu bleiben, für die Unternehmen permanent hohe Investitionen in neue Technologien erforderlich. Hinzu kommen geopolitische Risiken, etwa der zunehmende wirtschaftliche und militärische Druck der chinesischen Regierung auf das von China als abtrünnige Provinz betrachtete Taiwan sowie der Wettlauf um die technologische Vorherrschaft zwischen China und den USA, der die Wertschöpfungsketten zuletzt immer wieder belastete.

Vor diesem Hintergrund könnte sich die globale Halbleiterindustrie in Zukunft verändern. Um unabhängiger von Importen zu werden, fördert etwa China die heimische Chipindustrie mit umgerechnet rund 100 Milliarden US-Dollar. Dazu gehören ein 29 Milliarden US-Dollar schwerer Investitionsfonds und die Streichung der kompletten Unternehmenssteuern für bis zu 15 Jahre. Der technologische Rückstand Chinas zu den etablierten Produzenten aus dem Ausland liegt derzeit allerdings noch nach verschiedenen Schätzungen bei etwa fünf bis zehn Jahren. Die US-Regierung plant unterdessen, rund 50 Milliarden US-Dollar für die Halbleiterherstellung und Forschung bereitzustellen. Und auch Europa will sich durch entsprechende Investitionen mittelfristig unabhängiger von Chip-Importen machen und bis 2030 einen Anteil von 20 Prozent an der globalen Halbleiterproduktion erreichen. Davon könnten unter anderem die Produzenten von Maschinen zur Chipherstellung profitieren. Auch hier ist der Markt überschaubar: Drei US-Unternehmen und je eines aus den Niederlanden und aus Japan teilen sich 70 Prozent des weltweiten Umsatzes.

Insbesondere langfristig können Technologieaktien aus dem Bereich Halbleiter für entsprechend risikobereite Anleger einen interessanten Depotbestandteil darstellen. Aufgrund der genannten Sektormerkmale empfehlen sich für die Investition beispielsweise breit aufgestellte Fondslösungen, etwa zu den Megatrends künstliche Intelligenz, Automatisierung oder Digitalisierung. Sie beinhalten das Halbleitersegment, streuen das Risiko aber weiter über die Wertschöpfungskette als ein Investment in Einzeltitel.

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Redaktionsschluss: 3. Mai 2021, 15 Uhr