Aleksey Filatov / Adobe Stock

Der Gegenwind für die Weltwirtschaft hat wieder zugenommen. Die Neuinfektionen mit dem Coronavirus stiegen zuletzt in Europa vielerorts erneut an. Hinzu kommen die anhaltend gestörten globalen Lieferketten und ganz aktuell die möglichen konjunkturellen Auswirkungen von wirtschaftlichen Sanktionen und Gegensanktionen sowie weiteren Unsicherheiten in Verbindung mit dem Krieg in der Ukraine. Letzterer könnte sich auch auf längere Sicht preistreibend vor allem auf Energierohstoffe wie Gas, Öl oder Kohle auswirken. Ein entsprechender Trend ist seit Kriegsausbruch am 24. Februar bereits zu beobachten. Insbesondere in vielen europäischen Ländern, die zu den Hauptabnehmern russischer Rohstoffe zählen, dürften steigende Preise die Inflations- und Konjunkturrisiken weiter erhöhen. Beispielsweise könnte eine um 10 Prozent geringere Gaslieferung die europäische Wirtschaft etwa 0,7 Prozentpunkte Wirtschaftswachstum kosten. Mit einem Anteil an der gesamten europäischen Gasversorgung von etwa 40 Prozent1 dürften verringerte russische Lieferungen das Wachstum also zumindest erheblich bremsen.

Im Zusammenhang mit den steigenden Konjunktur- und Inflationsrisiken richten die Marktteilnehmer ihr besonderes Augenmerk auf die Reaktionen der Notenbanken, allen voran der Europäischen Zentralbank (EZB) und der US-amerikanischen Fed. Diese sahen sich bereits vor dem russischen Einmarsch in die Ukraine mit einem anhaltenden und stärker als erwarteten Preisdruck konfrontiert, woraufhin vor allem die Fed eine Einengung ihrer Geldpolitik einleitete. Aufgrund der neuen Rahmenbedingungen scheint es nun noch schwieriger vorherzusehen, wie die Währungshüter reagieren werden.

Die Notenbanken als Totengräber der Konjunktur? Einschätzungen zur aktuellen Lage von Dr. Ulrich Stephan.

Könnten die Notenbanken mit einer zu schnellen Abkehr von ihrer extrem expansiven Geldpolitik zum Totengräber der Konjunkturerholung werden? Fakt ist: Dieses Risiko besteht. Ich glaube jedoch nicht daran, dass es so weit kommen wird. Zwar rechne ich aktuell damit, dass die Notenbanken grundsätzlich an ihrem Willen festhalten werden, die Geldpolitik zu straffen – auch die EZB dürfte sich in Zukunft stärker auf die Bekämpfung der Inflation fokussieren. Denn die am Markt eingepreisten Inflationserwartungen sind zuletzt stark angestiegen. In Deutschland beispielsweise zogen die Inflationserwartungen für die kommenden fünf Jahre auf 2,45 Prozent an. Allerdings dürfte das weitere geldpolitische Vorgehen ab sofort von noch größerer Vorsicht und Flexibilität geprägt sein. Die Notenbanken dürften kaum Interesse haben, nach dem externen Schock des Kriegsausbruchs durch ein zu schnelles Anheben der Zinsen auch noch die Finanzmarktkonditionen deutlich zu verschlechtern.

In den USA dürfte auf der US-Notenbanksitzung am 16. März (nach Redaktionsschluss dieser Perspektiven-Ausgaben) eine erste Leitzinsanhebung um 0,25 Prozentpunkte erfolgen. Ob die mindestens fünf weiteren Zinsschritte im laufenden Jahr, die viele Marktteilnehmer noch bis vor Kurzem erwartet haben, tatsächlich kommen werden, bleibt jedoch abzuwarten. Sollte der Energiepreisschock anhalten, könnte die Fed ihr Lockerungstempo etwas drosseln, um die Konjunktur zu stützen. Bereits in ihrem Sitzungsprotokoll von Mitte Februar gab sich die US-Notenbank vergleichsweise moderat, indem sie ankündigte, von Sitzung zu Sitzung neu über den angemessenen geldpolitischen Kurs entscheiden zu wollen. Dies sollte nun umso mehr gelten.

In Europa ging die EZB trotz der Unwägbarkeiten rund um den Russland-Ukraine-Krieg einen weiteren Schritt in Richtung der Normalisierung ihrer Geldpolitik: Auf ihrer jüngsten Sitzung am 10. März beschlossen die europäischen Notenbanker, ihre Anleihekäufe schneller als bisher vorgesehen zu drosseln.2 Die Nettokäufe werden nun bis Juni monatsweise reduziert. Das Ankaufvolumen im dritten Quartal soll zeitnah festgelegt werden. Insofern könnten die Anleihekäufe bereits zum Halbjahr enden. Die Wahrscheinlichkeit eines ersten Zinsschrittes der EZB im zweiten Halbjahr ist dadurch signifikant gestiegen.

Insgesamt dürfte auch in Europa weiterhin nicht mit drastischen Maßnahmen zur Eindämmung der Inflation zu rechnen sein – womit sich negative geldpolitische Auswirkungen auf die konjunkturelle Entwicklung in Grenzen halten dürften. Denn einerseits sind die hohen Teuerungsraten aktuell vor allem angebotsgetrieben. Anders als bei einer zu großen Nachfrage, die durch höhere Zinsen gedämpft werden könnte, ist Angebotsengpässen mit klassischen geldpolitischen Methoden kaum zu begegnen – zumindest gibt es dafür keine Erfahrungswerte. Zum anderen wird die EZB bei all ihrem Tun sehr genau auf den Anleihemarkt schauen. Denn die Zinsunterschiede zwischen Bundesanleihen und Staatspapieren von zum Beispiel Italien oder Griechenland sind im Zuge der Coronavirus-Krise bereits zuungunsten der Peripherieländer deutlich auseinandergelaufen. Eine zu schnelle Straffung der Geldpolitik könnte diese Entwicklung beschleunigen und zu Refinanzierungsproblemen in der europäischen Peripherie führen – eine Situation, die die EZB mit allen Mitteln zu verhindern versuchen dürfte.

Europa steht, ähnlich wie die USA, in den kommenden Monaten vor großen Herausforderungen – wirtschaftlicher, politischer und geldpolitischer Art. Sollte die Lage in der Ukrainekrise weiter eskalieren, scheint eine vorübergehende Stagflation – also eine hohe Inflation bei gleichzeitig niedrigem Wachstum – nicht ausgeschlossen. Noch könnte sich unser Ausblick vom Jahresanfang 2022 aber bestätigen, wonach der konjunkturelle Gegenwind im zweiten Halbjahr 2022 nachlassen und Raum für eine wirtschaftliche Erholung bieten dürfte. Zumal eine realistische Chance besteht, dass die Corona-Pandemie sich in eine Endemie wandelt, also lokaler begrenzt und vorhersehbarer auftritt. Zudem haben die privaten Haushalte während der Corona-Pandemie große Bargeldbestände angespart und die Auftragsbücher der meisten Unternehmen sind gut gefüllt.

Für die Wirtschaft der Eurozone rechne ich auch dank anhaltend hoher fiskalischer Unterstützung, etwa durch das Aufbaupaket NextGenerationEU sowie weitere in Diskussion befindliche Programme zur Minderung der Energieabhängigkeit von Russland und zur Entlastung der privaten Haushalte, für das Gesamtjahr mit einem positiven Wirtschaftswachstum. In Deutschland, das als besonders offene Volkswirtschaft überproportional unter gestörten Lieferketten leidet, sollte das erste Halbjahr zwar holpriger werden, umso größter könnte dann aber der Erholungseffekt im weiteren Jahresverlauf ausfallen. Auch die deutsche Wirtschaft sollte daher auf das Jahr betrachtet zulegen können.

Aktuelle Marktkommentare erhalten Sie im täglichen Newsletter „PERSPEKTIVEN am Morgen“.

Redaktionsschluss: 15. März 2022, 15 Uhr