Aktien: weiteres Potenzial bei gebremster Dynamik

Der Aufwärtstrend an den globalen Aktienmärkten scheint intakt. Dabei dürfte im Jahr 2022 ein genauer Blick auf Sektoren und Regionen für Anleger an Bedeutung gewinnen – und das nicht nur im Hinblick auf die weiter bestehenden Risiken der Coronavirus-Pandemie.

Die wichtigsten Fakten:

  • Inflation hat unterschiedliche Auswirkungen auf einzelne Sektoren
    • Kurzfristige Rücksetzer möglich – Risiken bleiben bestehen
      • Breit diversifizierter Investmentansatz erscheint sinnvoll – aktives Risikomanagement notwendig
      Bulle und Bär

      Der Ausblick für die globalen Aktienmärkte bleibt für 2022 vorbehaltlich der erwarteten weiteren Konjunkturerholung insgesamt positiv. Zwar dürfte die erhöhte Inflation vor allem die US-Notenbank Fed im Laufe des Jahres zu weiteren geldpolitischen Maßnahmen veranlassen – die Marktteilnehmer rechnen aktuell mit bis zu drei Leitzinsschritten. Doch während an den Rentenmärkten schon kleinere Straffungen der Geldpolitik zu Gegenwind führen könnten, dürfte das Umfeld für Aktien stabil bleiben, solange die Realrenditen wie erwartet im negativen Bereich verharren und die Notenbanken nicht zu schnell intervenieren und weiter sensibel kommunizieren. Zudem dürfte ein solides Gewinnwachstum der Unternehmen die Aktiennotierungen treiben – wenn auch mit gebremster Dynamik im Vergleich zu 2021.

      Das positive Umfeld für Aktien dürfte durch negative Realrenditen weiterhin gestützt werden.

      Aktien Gewinnwachstum

      Mit Blick auf die Herausforderungen der Inflation dürfte den Unternehmen vor allem eine anhaltend starke Nachfrage zugutekommen, die es ihnen ermöglichen sollte, höhere Produktionskosten über Preissteigerungen an ihre Kunden weiterzugeben. Während in den USA die Gewinnmargen zumindest stabil bleiben dürften, könnten sie in Europa aufgrund der hohen Preissetzungsmacht der Unternehmen sogar steigen. Ohnehin weisen Aktien bei erhöhten Inflationsraten oft eine vergleichsweise gute durchschnittliche Wertentwicklung auf und bieten dadurch für Anleger sogar einen gewissen Inflationsschutz. Denn mit den Preisen steigen auch die Umsätze und Gewinne von Unternehmen mit hoher Preismacht. Zu beachten ist dabei, dass sich steigende Preise und Kosten ganz unterschiedlich auf verschiedene Aktienmarktsektoren auswirken können. Hohe Rohstoffpreise beispielsweise kommen der Öl- und Gasindustrie zugute, belasten aber den Industriesektor als Ganzes. Gestiegene Frachtkosten wiederum stützen die Schifffahrt und die Logistikbranche, sind jedoch ein Kostentreiber für Unternehmen, die von globalen Lieferketten abhängig sind.

      Über alle Sektoren und Regionen hinweg erwartet die Deutsche Bank im Jahr 2022 ein Gewinnwachstum im höheren einstelligen Prozentbereich. Bewertungsausweitungen sind zwar nicht zu erwarten. Aufgrund der anhaltend negativen Realrenditen könnten sie sich in den USA und Europa jedoch auf aktuellen Niveaus einpendeln.

      Auf Sektorebene sollten zum Jahresbeginn 2022 zunächst konjunktursensible Unternehmen im Fokus stehen. Vom Nachholbedarf der Konsumenten könnten zum Beispiel Unternehmen aus der Unterhaltungselektronik oder dem Tourismus profitieren. Finanztiteln würden graduell steigende Kapitalmarktzinsen im längeren Laufzeitbereich zugutekommen. Die Autoproduktion in Europa und in den USA wiederum sollte sich wegen eines sich stabilisierenden Angebots an Halbleitern aus Asien in absehbarer Zeit ebenfalls erholen. Insgesamt könnte die weltweite Automobilproduktion 2022 um 12 Prozent kräftig zulegen. In der zweiten Jahreshälfte könnten die Zykliker dann in der Anlegergunst von defensiven Titeln und Techaktien abgelöst werden. Aufgrund der regional ungleichmäßigen Zinsdynamik und je nach Entwicklung der Inflationsraten, der Konjunktur sowie dem weiteren Verlauf der Pandemie scheinen dabei wiederholt sektorale und geografische Rotationen der Anlagefavoriten möglich.

      In der zweiten Jahreshälfte könnten Zykliker in der Anlegergunst von defensiven Titeln und Techaktien abgelöst werden.


      Europa als möglicher Profiteur steigender Zinsen

      Das durchschnittliche Kurs-Gewinn-Verhältnis in Europa ist zuletzt wieder auf Vorkrisenniveau gefallen. Gegenüber dem US-Leitindex S&P 500 wird der Stoxx 600 auch aufgrund des deutlich höheren US-Gewinnwachstums in den vergangenen Jahren mittlerweile mit einem außergewöhnlich hohen Abschlag gehandelt. Dieser Bewertungsunterschied sollte 2022 nicht weiter zunehmen und der Stoxx 600 mit dem US-Markt mithalten können. Positiv ist auch zu bewerten, dass sich der europäische Aktienmarkt in der Vergangenheit in Zeiten steigender Zinsen häufig überproportional gut entwickelt hat. Zudem scheint der Lohndruck in den meisten Ländern unter Kontrolle. Für Anleger könnte sich ein Investment in strukturelle Wachstumswerte etwa aus dem IT-Bereich sowie Grundstoff- und Industrietitel anbieten. Interessant erscheinen zudem europäische Nebenwerte.


      In den USA lohnt auch ein Blick auf die „Kleineren“

      Insbesondere Digital- und Technologieunternehmen könnten den S&P 500 im neuen Jahr weiter nach oben treiben. Die Nettogewinnmarge sollte nahe dem Rekordniveau von 13,5 Prozent bleiben. Stützend auf die Unternehmensergebnisse dürfte sich auswirken, dass eine deutliche Erhöhung der US-Körperschaftssteuer immer unwahrscheinlicher zu werden scheint. Anleger könnten vor allem Aktien aus den Bereichen Gesundheit, Banken, Immobilien und Kommunikation sowie kleinere und mittlere Unternehmen (Small und Mid Caps) in den Blick nehmen.

      13,5 Prozent Nettogewinnmarge in den USA


      Schwellenländer mit Aufholpotenzial im zweiten Halbjahr

      Schwellenländeraktien sollten im Laufe des Jahres 2022 von einer zunehmenden Lockerung der Coronavirus-Beschränkungen und einem dynamischen globalen Wachstum profitieren und sich besser entwickeln können als 2021. Das Hauptaugenmerk von Anlegern innerhalb der Ländergruppe könnte dabei auf Asien gerichtet sein. Zwar ist dort zunächst mit anhaltenden Herausforderungen zu rechnen, die auch in anderen asiatischen Schwellenländern zu Belastungen und schwankenden Kursen führen könnten – beispielsweise aufgrund der Unsicherheit an den chinesischen Immobilien- und Kreditmärkten sowie kurzfristig strengerer Corona-Beschränkungen vor den Olympischen Winterspielen in Peking. Das zweite Halbjahr könnte dann aber einen Wendepunkt für chinesische Aktien im Speziellen und asiatische Schwellenländeraktien im Allgemeinen bedeuten. Denn im Vorfeld des Parteitags der Kommunistischen Partei Chinas im Oktober, auf dem sich Staatspräsident Xi Jinping zur Wiederwahl stellen dürfte, könnte die Regierung in Peking einige Beschränkungen für Gesellschaft und Unternehmen lockern.

      Am chinesischen Aktienmarkt könnten sich Titel aus den Bereichen Solartechnologie, Elektromobilität, Automatisierung und Halbleiter anbieten, die insgesamt weniger stark möglichen staatlichen Regulierungsmaßnahmen ausgesetzt sein sollten. Daneben erscheinen nach dem Abflauen der Coronavirus-Pandemie auch die Aktienmärkte in Taiwan, Südkorea und Indien interessant.

      Das zweite Halbjahr könnte einen Wendepunkt für asiatische Schwellenländeraktien bedeuten.


      Trendthema Nachhaltigkeit

      Auf globaler Ebene wird das Thema Nachhaltigkeit zu einem immer wichtigeren Faktor im Portfolio – nicht zuletzt beispielsweise wegen der Beschlüsse der UN-Klimakonferenz (COP26) in Glasgow aus dem November oder der Glasgow Financial Alliance for Net Zero. Für Anleger könnten sich Investitionen unter Berücksichtigung von ESG-Kriterien (Environment = Umwelt, Social = Soziales, Governance = Unternehmensführung), etwa in Sektoren und Unternehmen, die die grüne Transformation der Wirtschaft vorantreiben, auszahlen – auch mit Blick auf das Risikomanagement eines Portfolios. Ein wichtiger Bereich ist hier zum Beispiel die Dekarbonisierung, also die Reduzierung von Kohlendioxidemissionen durch den Einsatz kohlenstoffarmer Energiequellen. Die großen Industrienationen haben sich diesbezüglich über die kommenden Jahre und Jahrzehnte zu enormen Investitionen verpflichtet. Das gilt zum Beispiel für die Europäische Union mit ihrem „Green Deal“ und das Investitionspaket der US-Regierung.


      Neue Realitäten fürs Portfolio

      Auch im kommenden Jahr scheint es für Anleger ratsam, ihr Portfolio dynamisch zu verwalten. Risiken wie die anhaltende Coronavirus-Pandemie, eine hohe Inflation oder steigende Zinsen bedürfen eines fortlaufenden Risikomanagements und entsprechender Absicherungsstrategien. Eine traditionelle Portfoliostruktur mit einem Aktien-Anleihen-Verhältnis von 60 zu 40 sollte für den Fall einer Trendumkehr an den Märkten keine ausreichende Absicherung mehr bieten können. Um diesem Risiko zu begegnen, erscheint es sinnvoll, das Portfolio breit aufzustellen. Da Anleihen als Möglichkeit zur Diversifikation weitestgehend ausfallen könnten, sollten dabei mehr denn je auch alternative Anlagen wie Immobilien berücksichtigt werden. Zudem erscheint es ratsam, bereits innerhalb des Aktienportfolios zu diversifizieren. Dazu könnte sich die gleichzeitige Berücksichtigung unterschiedlicher Aktienmarktsektoren anbieten, etwa Wachstumstitel mit langfristigem Renditepotenzial, zyklische Unternehmen mit kurzfristigem Aufholpotenzial sowie Investments mit einem ESG-Ansatz. Eine wichtige Komponente eines ausgewogenen und zukunftsorientierten Portfolios könnte zudem die Berücksichtigung langfristiger Investmentthemen sein, etwa die Digitalisierung.

      Prognosen Aktien

      Redaktionsschluss: 10.12.2021, 18 Uhr

      Eine traditionelle Portfoliostruktur sollte keine ausreichende Absicherung mehr bieten können.

      Das könnte Sie auch interessieren:

      PERSPEKTIVEN to go

      PERSPEKTIVEN to go

      Der Podcast für Ihre Geldanlage

      Der Podcast für Ihre Geldanlage

      Jede Woche sprechen Chef-Anlagestratege Dr. Ulrich Stephan und Finanzjournalistin Jessica Schwarzer darüber, was die Märkte bewegt – und was das für Anleger bedeutet. Schnell, pragmatisch und auf den Punkt.

      Jede Woche sprechen Chef-Anlagestratege Dr. Ulrich Stephan und Finanzjournalistin Jessica Schwarzer darüber, was die Märkte bewegt – und was das für Anleger bedeutet. Schnell, pragmatisch und auf den Punkt.

      Markt und Meinung

      Markt und Meinung

      Fundierte Einschätzungen zu relevanten Ereignissen für die Kapitalmärkte.

      Fundierte Einschätzungen zu relevanten Ereignissen für die Kapitalmärkte.