Konjunktur: von weiterem Wachstum und zunehmenden Inflationssorgen

Die Gefahren der Coronavirus-Pandemie sind noch längst nicht gebannt. Das zeigt die rasante Ausbreitung der neuen Virusvariante Omikron. Dennoch sollte sich die Weltwirtschaft 2022 weiter erholen können. Dabei gilt es vor allem die Inflation im Zaum zu halten.

Die wichtigsten Fakten:

  • Robustes Wachstum der Weltwirtschaft erwartet – regional zum Teil erhebliche Unterschiede
  • Corona-Pandemie und Inflation als vorrangige Wachstumsrisiken
    • Notenbanken insgesamt mit weniger expansiver Geldpolitik
      • Nachhaltiger Umbau der Wirtschaft gewinnt weiter an Bedeutung
      Konjunktur

      Die Weltwirtschaft hat sich seit dem Ausbruch der Coronavirus-Pandemie deutlich verändert. Zwar war das abgelaufene Jahr von einem starken globalen Aufschwung geprägt – die Deutsche Bank erwartet für 2021 ein reales Wachstum des globalen Bruttoinlandsprodukts (BIP) in Höhe von 5,6 Prozent – und auch im neuen Jahr dürfte die Weltwirtschaft mit prognostiziert 4,5 Prozent weiter robust wachsen. Diese Entwicklung wurde getrieben durch die Nachholeffekte auf der Nachfrageseite sowie massive geldpolitische und fiskalische Maßnahmen der Notenbanken und Regierungen. Viele Volkswirtschaften kämpfen jedoch noch immer mit der „Rückkehr zur Normalität“, die keineswegs linear und regional zum Teil sehr unterschiedlich verläuft.

      Im neuen Jahr dürfte die Weltwirtschaft mit prognostiziert 4,5 Prozent weiter robust wachsen.

      Ein augenscheinliches Symptom des Erholungsprozesses sind hohe Inflationsraten. Sie spiegeln das Ungleichgewicht zwischen den Entwicklungen auf der Nachfrage- und der Angebotsseite wider, das sich in Störungen der globalen Produktions- und Lieferketten manifestiert. Viele Volkswirtschaften könnten zudem im Zuge anhaltender fiskalpolitischer Stimuli überhitzen, also über ihren eigentlichen Potenzialen wachsen – was weitere Inflationsrisiken zur Folge haben könnte. Neben den anhaltenden Risiken der Coronavirus-Pandemie dürfte deshalb die Inflation eines der bestimmenden Themen des neuen Jahres bleiben.


      Erhöhte Inflation: gekommen, um zu bleiben?

      In den USA sollte der Preisdruck zwar im Verlauf des Jahres 2022 nachlassen, die Teuerung aber weiter über dem selbst gesteckten Langfristziel der US-Notenbank Fed von durchschnittlich 2 Prozent verharren. Die Deutsche Bank rechnet mit einem Anstieg der Verbraucherpreise in den USA von 3,7 Prozent im Jahr 2021 und 2,8 Prozent im Jahr 2022. In der Eurozone dürfte die Teuerung 2022 bei 2,6 Prozent liegen und damit auf dem erwarteten Niveau des Vorjahres. Die Zeit anhaltend niedriger Verbraucherpreise scheint damit erst einmal vorbei. Temporäre Faktoren wie coronabedingte Angebotsknappheiten und Nachfrageüberhänge sollten die Inflation im Jahresvergleich noch einige Monate hoch halten, dann aber nachlassen. Langfristiger wirken dürften strukturelle Preistreiber wie die Stärkung der Wertschöpfungsketten (z.B. die Ausweitung der Lagerhaltung), die Demografie (Facharbeitermangel) oder notwendige Investitionen in die grüne Transformation der Wirtschaft.

      Die Zeit anhaltend niedriger Verbraucherpreise scheint erst einmal vorbei.


      Notenbanken auf neuen Wegen

      In eine neue Phase scheint nicht nur die Inflation, sondern auch die Geldpolitik eingetreten zu sein. 2022 könnte das Jahr werden, in dem die Notenbanken auf breiter Front den geldpolitischen Wandel beschleunigen – allen voran die Fed, die in den kommenden Monaten mit der Reduzierung ihrer Anleihekäufe fortfahren dürfte, bis das „Tapering“ im ersten Halbjahr 2022 abgeschlossen sein wird. Im weiteren Jahresverlauf rechnen Marktteilnehmer derzeit mit bis zu drei Zinsschritten der US-Notenbank. Zwar haben die Inflationssorgen zuletzt auch bei der US-Notenbank zugenommen, eine vorzeitige Zinsanhebung sollte aber nur dann in Erwägung gezogen werden, wenn die Preise tatsächlich nachhaltiger steigen als erwartet. Aktuell gehen die US-Währungshüter nach wie vor davon aus, dass die meisten Inflationstreiber im Laufe des neuen Jahres nachlassen werden.

      Ähnlich sind die Erwartungen bei der Europäischen Zentralbank (EZB). Die Deutsche Bank erwartet ein Ende der Anleihekäufe im Pandemic Emergency Purchase Programme (PEPP) im März 2022. Allerdings könnte im Anschluss eine Ausweitung der Wertpapierkäufe im Rahmen des Asset Purchase Programme (APP) bis zum Ende des Jahres 2022 erfolgen. In der Summe dürfte der monetäre Stimulus durch die EZB jedoch 2022 deutlich geringer ausfallen als im Jahr 2021.

      In Japan hat die Bank of Japan (BoJ) zuletzt erneut betont, dass sie an ihrem Liquiditätsprogramm so lange festhalten wird, bis das Ziel einer nachhaltig stabilen Inflationsrate von 2 Prozent erreicht sein wird. Da die Inflationsrate bis Ende 2022 jedoch unter diesem Wert bleiben sollte, erwartet die Deutsche Bank keine größeren Korrekturen des geldpolitischen Kurses.


      Eurozone: Wirtschaftliche Erholung setzt sich fort

      Ein wirtschaftsfreundlicheres Umfeld in den Sommermonaten und fiskalische Unterstützungsmaßnahmen haben in den Volkswirtschaften der Eurozone zuletzt insgesamt zu einem stärkeren konjunkturellen Wachstum geführt. Im dritten Quartal 2021 befand sich das Bruttoinlandsprodukt dadurch nahezu wieder auf Vorkrisenniveau. Für das Gesamtjahr 2021 erwartet die Deutsche Bank ein dynamisches BIP-Wachstum von 5,0 Prozent.

      Fortgesetzte fiskalische Stimuli etwa im Rahmen von Investitionen in den nachhaltigen Umbau der Wirtschaft auf Grundlage des NextGenerationEU-Fonds könnten auch das private Investitionsengagement weiter befeuern. Dem stehen allerdings auf der Produktionsseite hohe Energiepreise und die Lieferprobleme bei Zwischenprodukten sowie mögliche neue Maßnahmen zur Eindämmung der Coronavirus-Pandemie gegenüber.

      Sollten sich die Corona-Einschränkungen als moderat erweisen, dürften sich die Volkswirtschaften in der Eurozone zum Jahresbeginn 2022 weiter erholen. Danach könnte sich das Wachstum jedoch verlangsamen und bis zum Jahresende auf das Niveau des Potenzialwachstums fallen. Langfristige Schwächen wie die hohe Verschuldung und die geringe Produktivität dürften weiter bestehen bleiben. Insgesamt rechnet die Deutsche Bank für das Jahr 2022 mit einem Wachstumsplus in der Eurozone von 4,6 Prozent – sofern ab dem Frühjahr die Infektionsdynamik beim Coronavirus saisonal bedingt abnimmt und es zu einer Entspannung in den Lieferketten kommt.

      Ein Profiteur einer solchen Entwicklung könnte Deutschland sein, dessen bedeutender Industriesektor stark exportorientiert ist. Anders als in den vergangenen Jahren dürfte sich die Konjunktur in der größten Volkswirtschaft der Eurozone dadurch sogar etwas besser entwickeln als die in den USA: Die Deutsche Bank rechnet für 2022 in Deutschland mit einem BIP-Wachstum von 4,8 Prozent.

      4,8 % erwartetes BIP-Wachstum in Deutschland 2022


      USA: Konsum und Lohnsteigerungen treiben Wachstum

      In den Vereinigten Staaten rechnet die Deutsche Bank mittelfristig mit einer Beruhigung der zuletzt sehr dynamischen wirtschaftlichen Entwicklung, die das reale BIP bereits über den Vor-Pandemie-Höchstwert getrieben hat. Nach einem möglichen Plus von 5,6 Prozent im Jahr 2021 könnte sich das Wachstum 2022 bei rund 4,0 Prozent einpendeln, vorausgesetzt, es kommt nicht zu einem Heißlaufen der Wirtschaft mit langfristig überschießenden Inflationsraten.

      Insgesamt betrachtet bleiben die privaten Konsumausgaben der wichtigste Treiber für die Konjunkturerholung. Risiken könnten auch hier kurzfristig von weiter steigenden Energiepreisen und Lieferengpässen ausgehen. Letztere sollten aber im zweiten Quartal 2022 nachlassen. Die deutlich verbesserte Lage am US-Arbeitsmarkt wiederum könnte zu weiter steigenden Löhnen führen und die Nachfrage stützen. Dagegen sind die Fiskalpakete in den USA nicht so umfangreich ausgefallen wie noch vor einigen Monaten erwartet. Nach den Zwischenwahlen in den USA im November dürfte dann ein noch geringerer fiskalischer Impuls zu erwarten sein, da weitere Stimulierungsmaßnahmen auf absehbare Zeit aufgrund des mangelnden politischen Konsenses unwahrscheinlicher werden könnten.

      Das Wachstum in den USA könnte sich 2022 bei rund 4,0 Prozent einpendeln.


      China: mehr Qualität statt Quantität im Jahr des Tigers

      China, der große Konkurrent der USA um die wirtschaftliche Vorherrschaft in der Welt, wuchs zuletzt etwas weniger dynamisch als erwartet. Vor allem die angestrebte Reduzierung der Schuldenlast im Immobiliensektor sowie neue Maßnahmen zur Eindämmung der Coronavirus-Infektionen bremsten zuletzt das Wachstum aus. Zudem sorgten die anhaltende Stromknappheit sowie schnell steigende Energiepreise kurzfristig für zusätzlichen Gegenwind. Die Prognose der Deutschen Bank für das BIP-Wachstum Chinas im Jahr 2021 liegt trotzdem noch bei hohen 7,7 Prozent.

      Im am 1. Februar beginnenden chinesischen Jahr des Tigers könnte die Dynamik jedoch etwas nachlassen und China im Gesamtjahr 2022 nur noch mit 5,3 Prozent wachsen. Ein Grund dafür ist, dass die chinesische Regierung zukünftig ein geringeres, aber qualitativ hochwertigeres Wachstum anzustreben scheint. Dafür soll unter anderem die Staatsverschuldung abgebaut und die Ungleichheit in der Gesellschaft verringert werden – Stichwort „gemeinsamer Wohlstand.“ Das dürfte Chinas Konjunkturdynamik zwar über das Jahr 2022 hinaus belasten, könnte sich langfristig betrachtet aber in einem stabileren Wirtschaftssystem niederschlagen.


      Japan gewinnt an Stärke

      In Japan wurde die Konjunkturerholung im Jahr 2021 durch eine fünfte Welle von Coronavirus-Infektionen unterlaufen. Darüber hinaus führten Materialengpässe, etwa bei Halbleitern, zu Störungen insbesondere in der wichtigen Automobilproduktion. Die Deutsche Bank rechnet für die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt 2021 daher nur mit einem BIP-Wachstum von vergleichsweise bescheidenen 1,9 Prozent.

      2022 dürfte die Dynamik des japanischen Wirtschaftswachstums aufgrund geplanter Billionen Yen schwerer fiskalischer Stimulierungsmaßnahmen jedoch zunehmen, welche das BIP-Wachstum auf 2,9 Prozent nach oben treiben könnten.

      2022 dürfte die Dynamik des japanischen Wirtschaftswachstums zunehmen.


      2022 – das Jahr vieler Veränderungen 

      Global betrachtet dürfte auch im neuen Jahr der Verlauf der Coronavirus-Pandemie einen entscheidenden Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung nehmen. Doch die Welt sieht sich noch vor weiteren großen Herausforderungen, etwa dem Klimaschutz und der damit verbundenen unerlässlichen Transformation hin zu einer klimafreundlicheren „grünen“ Wirtschaft. Nicht nur die Europäische Union und die Vereinigten Staaten investieren sehr viel Geld in den Umbau der Wirtschaft im Allgemeinen und in die Infrastruktur im Besonderen: Nachhaltigeres Wirtschaften wird auch von vielen anderen Volkswirtschaften angestrebt.

      Ein weiteres Thema, das seit dem Ausbruch der Coronvirus-Pandemie noch an Dynamik gewonnen hat, ist die digitale Transformation mit ihren Anforderungen sowohl an den Ausbau der digitalen Infrastrukturen als auch der entsprechenden Regulatorik. Nicht zuletzt könnten die anhaltenden geopolitischen Unsicherheiten, etwa im asiatischen Raum oder im Einflussbereich Russlands, sowie der Wettlauf zwischen unterschiedlichen Sozial- und Wirtschaftssystemen, namentlich zwischen den USA und China, um Ressourcen, Handelsanteile, technologische Vormacht und geopolitischen Einfluss die Disruption des globalen Wirtschaftswachstums in Form von zum Beispiel Handelskriegen oder Finanzmarktrestriktionen weiter befeuern. Diesen Herausforderungen zu begegnen, dürfte den Volkswirtschaften im neuen Jahr weiterhin große Anstrengungen abverlangen – eröffnet bei ihrer Überwindung aber auch ganz neue Möglichkeiten.


      Redaktionsschluss: 10.12.2021, 18 Uhr

      Die digitale Transformation hat seit Ausbruch der Coronvirus-Pandemie noch an Bedeutung gewonnen.

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